Beiträge von Bernardin

    Eine Besucherin hat gefragt, warum man für die Generalprobe in der Staatsoper keine Karten kaufen kann.

    Ich bin jetzt verblüfft. Ich war immer der Meinung, dass der jetzige Staatsoperndirektor die Generalproben für Menschen unter 27 reserviert hat. Was ich unterstützen würde.

    Der Name "Haselsteiner" erweckt in mir sehr großes Misstrauen

    Sadko in mir auch. Allerdings:

    Vor etlichen Jahren hat Hans Peter Haselsteiner, einer der reichsten Österreicherer und in einem Geschäft tätig, in dem Korruption Voraussetzung für wirtschaftliches Handeln ist, öffentlich erklärt, dass Begüterte wie er viel zu wenig Steuern zahlen. Da sich in Österreich keine politische Gruppierung findet, die die Steuerquote der Superreichen ( 20 % ist) auf die Steuerquote der normalsterblichen Österreicher bringt (sie beträgt das doppelte), finanziert Haselsteiner deshalb Kulturprojekte: Erl, die Albertina, jetzt NEST. Dafür zolle ich ihm Respekt. Für seine Slapp-Klagen natürlich nicht.

    Die Prozentzahlen waren vor kurzem in Medien zu lesen. Wenn jemand die Quellen wissen will, werde ich mir die Mühe machen, sie nachzuliefern, da ich nicht zu den Superreichen gehöre und daher auch die Welt nicht durch deren Brille sehe.


    Ex-Burgtheater-Direktor Klingenberg ist tot - wien.ORF.at

    Gestern ist Gerhard Klingenberg gestorben, in einem Alter, in dem man sterben darf. Er war mein erster Burgtheater-Direktor, der mir unvergessliche Abende an diesem Haus (damals noch mit Vorhangverbot) bescherte, d.h. es durfte sich nach der Vorstellung niemand vor dem Vorhang zeigen.

    Ich habe gerade meine Aufzeichnungen durchforstet und festgestellt, was ich für Aufführungen von 71-76 gesehen habe, nicht nur Klassiker. Meine erste Premiere am Haus war "Don Karlos", Schenk inszenierte, Klaus Maria Brandauer, Klausjürgen Wussow, Werner Hinz, Elisabeth Orth und Erika Pluhar waren die Protagonisten, dann gab es jede Menge Lessing, Kleist, Schiller, Grillparzer, Raimund, Nestroy, Horvath, aber auch Zeitgenossen wie Peter Handke, Thomas Bernhard und Tom Stoppard, all diese modernen Stücke auch mit den der älteren Generation im gesamten deutschen Sprachraum aus dem Film, denke ich, bekannten SchauspielerInnen. Und ein bisschen gerührt war ich, als ich mir wieder vergegenwärtigte, dass die so oft in das "süße-Wiener-Mädel-Eck" gestellte Johanna Matz in Bernhards "Berühmten" neben Angelika Hauff, Wolfgang Gasser, Bibiana Zeller und Rudolf Wessely sich als sehr sehr gute Schauspielerin präsentieren konnte,

    Ich weiß, dass ich das alles jetzt etwas verkläre. 72 habe ich mit Schenk gehadert, mit etlichem anderen auch, die zuständig waren für das, was damals am Theater geschah, natürlich auch mit Klingenberg. Jetzt ist er Teil meines Lebensweges, ich rufe die von ihm gestalteten fünf Jahre an der Burg ab, und verneige mich vor ihm. Klingt pathetisch, ist es auch, denn es könnte sein, dass das Totenzeremoniell des Burgtheaters (meiner Meinung nach dem spanischen Hofzeremoniell abgelauscht) nicht nur den Ehrenmitgliedern, sondern auch einem seiner Direktoren gilt. Zuletzt wurde Peter Simonischek so verabschiedet.

    Was die Auslastung großer Opernhäuser anlangt: Ich kann's nur von der Scala sagen, weil dort eine Freundin und ein Freund in Positionen arbeiten, die einen einigermaßen guten Einblick erlauben. Es gibt dort ähnlich gute Auslastungszahlen, ähnlich viele Touristen wie in Wien, allerdings sind viele Vorstellungen wattiert, wie sicherlich auch an der Staatsoper. Die VollzahlerInnen ergeben mit Sicherheit nicht 99,4 Prozent. Ich selbst krieg in Wien ja immer wieder Angebote per e-mail: 50 % Ermäßigung aus den und den Gründen, 30 % Treuebonus ecc.ecc. Natürlich nicht für das Kernrepertoire. Und man sollte nicht vergessen, dass viele KünstlerInnen Anrecht auf Regiekarten haben, für sich, Freunde und wer weiß wen noch. Das macht eine erkleckliche Anzahl von Freibillets aus.

    Stehlen stimmt, aber in etwas abgeschwächter und nicht immer krimineller Weise. Wenn ich meinem gegenüber beim Abendessen ein Stück eines Schnitzels entwende, sage ich nicht: "Ich stehle dir ein Stück" sondern "Ich flader dir jetzt ein Stück". Der "Fladerer" hingegen ist witzigerweise schon mehr in Richtung kriminell unterwegs.

    Wieso soll Marcel Prawy auf die Zwischenkriegszeit reduziert werden?

    Werte Annemarie, ich habe vorgeschlagen, Dr. Prawy „als charmanten Plauderer aus einer völlig vergangenen Opernzeit, der Zwischenkriegszeit, zu nehmen, der das damals Erlebte perpetuieren wollte“, nicht ihn auf die Zwischenkriegszeit zu reduzieren. Dass er Anschluss an zeitgemäßere Formen des musikalischen Theaters (außer im Musical) gefunden hat, wird wohl niemand ernsthaft behaupten wollen. Ich weiß, dass Christoph Wagner-Trenkwitz (einem Zeitungsinterview zufolge) einmal meinte, Prawy hätte sich für zeitgenössische Oper interessiert. Der Ex-Dramaturg der Volksoper fühlte sich ein bisschen als Nachfolger Prawys (er tut das, was Prawy nie machte: als Operetten-Buffo aufzutreten) und bezeichnete sich als dessen Freund, soweit mit Prawy Freundschaften überhaupt möglich waren. Dem wird er möglicherweise privatim mehr erzählt haben, öffentlich schwärmte er von der Vergangenheit und der Welt der großen Stars.

    Natürlich musste er sich in seinen Einführungsabenden an der Staatsoper auch mit moderner Oper auseinandersetzen, das war ja sein Job und Professionalität konnte ihm niemand abstreiten. Meiner Meinung nach war er ein Anhänger der kulinarischen Opernvorstellung und ein „Seitenblicke“ – Opernbesucher (für unsere deutschen ForistInnen: „Seitenblicke“ sind die täglichen 5 Minuten Society-Report auf ORF 2).

    1971, als ich nach Wien kam war Dr. Prawy noch an der Volksoper. Damals wurde Oper wegen dieser Haltung intellektuell nicht ernst genommen, ganz anders als das Tanz- und Sprechtheater. Schön langsam – und wie bei vielem sehr verspätet in Wien – ist Oper zu einer gleichwertigen und anspruchsvollen T h e a t e r sparte herangewachsen (der musikalische Teil war ja nie wirklich umstritten); nicht zuletzt weil sich auch große Schauspiel- und Filmregisseure von Giorgio Strehler zu Martin Kušej, Patrice Chéreau und Michael Haneke der Oper angenommen haben.

    Dass über diese Villenetage in der Gustav-Tschermak-Gasse in Wien, die mit den Sackerln zugemüllt war, soviel geredet wurde, was höchstwahrscheinlich Prawys Begleiterin Senta Wengraf etwas peinlich gewesen sein dürfte, ist eine dieser kleinen Geschmacklosigkeiten, auf die Wien immer wieder stolz ist.

    Dr. Prawy hat viele Verdienste, für mich ist eines der wichtigsten, dass die damals üblichen nichtssagenden Programmhefte mit ein paar Opernnews zu interessanten, thematisch auf das gespielte Werk bezogenen Heften umgestaltet wurden. Die Oper in die Zukunft führen: das war seine Sache nicht, er blieb ein "Mann aus der Vergangenheit".


    Handelt es sich nicht bei jeder Meinung eines Menschen zu einem Kunstwerk um dessen Privatmeinung?

    Ich versuche, persönliche und private Meinungen auseinanderzuhalten. Privatmeinungen äußere ich nur Menschen gegenüber, die mich persönlich sehr gut kennen, da sie bei einer in ein paar Wörtern zusammengefassten Einschätzung genau wissen, wie sie von mir gemeint ist. Persönliche Meinungen äußere ich hier.

    Wenn jemand, der mit Inszenierungen, die von aktuellen ästhetischen Diskussionen ausgehen, nix anfangen kann, und nur Sch… als Bewertung findet verstehe ich das als eine Privatmeinung, über die sich nicht diskutieren lässt. Das sagt nix aus, ist zur Kenntnis zu nehmen und basta.

    Wenn jemand seine persönliche Meinung öffentlich diskutieren will, dann erwarte ich schon, dass dahinter Kriterien stehen, die argumentierbar und reflektiert sind und über die es sich zu diskutieren lohnt. Diskutieren heißt ja nicht, bloß Meinungen nebeneinander zu stellen. Deshalb unterschreibe ich jeden Satz, den Hagen zu dieser Frage formuliert hat.

    Mittlerweile ist der Prawy-Nachlass offenbar schon ganz gut erschlossen. Hier das Repertorium, über 700 Seiten…

    Wenn ich mir das Repertorium anschaue, dann harrt der Kulturwissenschaft eine Sisyphos-Arbeit. Die Bewertung der Relevanz der einzelnen Dokumente scheint mir bei dieser Masse sehr anstrengend zu werden, nicht weniger die Überprüfung auf eine faktische Grundlage.

    Aber vielleicht täusche ich mich und es lässt sich sehr schnell die Spreu vom Weizen scheiden.

    Leider zu viel der Ehre für Torberg.

    Schau, schau, da hat der gute Torberg, der sich vor vier Jahrzehnten, als ich das gelesen habe, auf Schiller und sich als Rezensenten bezog, der sich als Instanz der publizistischen Redlichkeit verstand und der jedem, der Quellen verschwieg, sprachlich Folterinstrumente zeigte, auch gefladert.

    Vielen Dank für den Hinweis.

    Das Stück ist in musikalischer Hinsicht unfassbar eintönig,

    Ich habe zwei Sachen von Adams gesehen: „The Death of Klinghoffer“ und „Nixon in China“. Das erste habe ich wegen des spannenderen Plots einigermaßen ausgehalten: Die zweite Oper hat mich so genervt, dass ich - im Prinzip ein zurückhaltender Typ – fast einen Schreikrampf gekriegt hab, so hat mich dieses repetitive Gesäusel aufgeregt. Dann ist mir jedoch eingefallen, dass ein von mir geschätzter Dirigent, Dennis Russell Davies, ein Phil Glass-Freund, dem Minimalismus in der Musik viel abgewinnen kann, also müsste es wohl an mir liegen. Jedenfalls meine ich, Friedrich Torberg frei abwandelnd: Treffen Bernardin und Adams aufeinander und es klingt hohl, muss es nicht immer am Bernardin liegen.

    Aber, ehrlich gesagt: Ich finde in der Musik Wichtigeres, mit dem ich mich beschäftigen will.

    Ich bin überzeugt, so war es. Die Dinge des täglichen Lebens haben Dr.Prawy ja nicht interessiert. Und das mit den Sackerln ließe sich noch weiterspinnen. In meiner Gassen in Wien stehen zwei Hundesackerlspender mit der Werbeaufschrift: Jedes Sackerl ein Gackerl. Und da fragt man sich schon, ist in diesen Sackerln, die die Stadtbibliothek geerbt hat, nur Archivwürdiges oder nicht doch manch mediales Gackerl? ^^

    (Bierisch ernst!) Sehr schöner Neologismus!

    Da merkt man, wie der Bierdunst im österreichischen Wahlkampf anfängt, die Sinne zu vernebeln. Haben wir doch eine „Bier-Partei“, die im September antreten wird… ;)

    Ich hoffe, lieber Sadko, Sie nehmen's mir nicht übel, wenn ich anmerke, dass ma bei "Cosí fan tutte" mit dem Begriff der Opéra comique nicht weiter kommt. Das ist Ende des 18. Jahrhunderts noch ein Genre, das nach formalen, von den königlichen Behörden in Versailles festgelegten Regeln zu funktionieren hatte. Das Sujet musste nicht komisch sein, (auch "Carmen" hundert Jahre später ist formal noch eine opéra-comique) und sie musste vor allem längere Prosatexte enthalten, da ja nicht sehr viele Sänger auftreten durften. Und die Grand Opéra gab's damals noch nicht, da delektierte man sich noch an den tragèdies lyriques.

    Wenn man ein Äquivalent für "komische Oper" in der damaligen Zeit sucht, dann würde ich den Begriff "dramma giocoso" vorschlagen. Sie kündigt der Bärenreiter-Verlag auch seine letzte Ausgabe der "Cosi fan tutte" an.

    Ich bin offensichtlich nicht in der Lage, einen ordentlichen Link zu finden.

    Wenn man jedoch eingibt:

    youtube phettbergs nette leit show prawy

    dann sieht man eine Viertelstunde lang zwei skurrile Typen aus Wien, die Mitte der 90er Jahre so etwas wie TV-Geschichte geschrieben haben. Und kann Dr. Prawy längere Zeitzusehen, wie er über seine Plastiksackerln parliert.

    Nur damit keine Missverständnisse aufkommen. Prawys Auffassung, die er dort äußert teile ich nicht.

    Ich will auch kein Missverständnis aufkommen lassen, werter Hagen: Keine Sekunde habe ich angenommen, dass Sie mit dieser Auffassung d'accord gehen. Das stünde ja in diametralem Gegensatz zu Ihren bisherigen Beiträgen.

    Gibt es bei etwas in den Händel - Opern keine Gefühle, sogar sehr intensive Gefühle

    Es gibt grandios komponierte intensivste Gefühle bei Händel, bei Rameau, bei Leonardo Vinci, bei Monteverdi. Diese Werke eignen sich jedoch weniger dazu, sich in ihnen emotional zu verlieren, wie Werke des romantischen 19. Jahrhunderts, das ja erst in den 1930er Jahren zu Ende geht.

    Prawy und die Wohnungen im O-Ton (nochmals aus Hagens Link zum "Standard")


    "Es ist meine Überzeugung, dass wir unsere Wohnungen nur lieben, weil wir es uns nicht leisten können, im Hotel zu wohnen. Mein Traum wären vier Zimmer im Sacher. Das bräuchte ich zum Wohnen, Arbeiten, für Bibliothek, Platten, Videos und für Gäste. (...) Ich bin aber schon deshalb ein Fachmann für das Wohnen, weil ich in meinem ganzen Leben nie eine normale Wohnung bewohnt habe. (...) Ich möchte möglichst wenig Zeit mit jenen Dingen verlieren, von denen ich nichts verstehe und die mich bei der Arbeit stören. Ich will mich nicht mit verstopften Wasserleitungen und der Behebung von Kurzschlüssen beschäftigen, ich will nicht nachdenken, wie ich in der Küche Ameisenschwärme loswerde. Das sollen geschulte Fachleute machen, die das Hotel liefert."

    Aus Hagens Link zur Prawy-Zitaten-Sammlung aus der Tageszeitung „Der Standard“


    "'Oper' nenne ich die musikdramatische Darstellung einer unser Herz bewegenden Story mit Melodien, die unser Leben dauernd bereichern. Wenn davon nur ein Kriterium fehlt - die Story berührt nicht unser Herz, die Melodien bereichern unser Leben nicht etc., - kann es sich um ein bedeutendes Kunstwerk handeln, das aber den heiligen Begriff 'Oper' nicht für sich usurpieren darf. (...) Eine Oper ist keine Oper, wenn sie uns nicht süchtig danach macht, sie omnipräsent in unserem Leben zu haben."



    Ja eh, das ist aber seine Privatdefinition, die nur von jemand stammen kann, der nicht sehr viel Beziehung zum realen Leben hat. Das er das Gehirn nicht braucht, spricht Bände und nicht unbedingt für ihn. Dadurch erklärt sich allerdings auch, dass er hauptsächlich die vorromantische, romantische, spätromantische und spätspätromantische Oper von Weber bis Korngold und Strauss schätzte, in der das, was so im Alltagsverständnis als Emotionalität (für ihn „Herz“) bezeichnet wird, eine sehr bedeutsame Rolle spielt. Möglicherweise baut seine Definition auf etwas dem Gartenlauben-Herzen nicht sehr entfernt Liegendes.


    Deshalb konnte er mit Mozart nicht allzu viel anfangen, mit dem, was davor war, schon gar nix. Und es ist verständlich, dass er bei der Melodie „Glück, das mir verblieb…“ von Hilde Zadek gesungen, dahin geschmolzen ist. Die Melodie, die er suchte, gab es nicht bei Mussorgsky, nicht bei Debussy, nicht bei Janáček, nicht bei Weishappels „König Nicolo“, bei deren Theater-Bearbeitung für die Volksoper Prawy dort arbeitete, sondern bei den Musicals und vor allem bei Robert Stolz, dem er bis an das Lebensende des Grazers sehr verbunden blieb.


    Es ist schön, wenn Prawy es schaffte, seiner Leidenschaft so zu frönen, wie er es tat. In der Staatsoper immer in der Proszeniumsloge rechts. Als man ihn einmal fragte, ob es ihm nicht langweilig wäre, zum x-hundertsten Mal die „Bohème“ zu sehen, war seine Antwort: Nein, denn er schaue einmal der zweiten Klarinette oder dem dritten Horn u.s.w. beim Spielen zu. Auch o.k.


    Dr. Prawy heute noch als Zeugen für wünschenswerte Veränderungen im Opernbetrieb zu nehmen, scheint mir absurd zu sein. Wer Prawy als Leitfigur nimmt, wird den Gral in der Regiearbeit nie finden.


    Der von genauer Textexegese ausgehende Dekonstruktionismus in der Opernarbeit ist an seine Grenzen gestoßen, das weiß man, so wie es irgendwann mit dem Neubayreuther Regietheaterstil geschah, und wie es im Sprechtheater mit den Überschreibungen gerade passiert.


    Das „Heil“ wird nicht mehr von den alten Recken kommen, nicht von einer „Lasst-uns-rückwärts-gehen“-Haltung (ich weiß nicht, ob die Neuinszenierung der ‚Carmen‘ nach dem Regiebuch der Uraufführung an der Oper von Rouen noch auf Youtube zu finden ist), sondern wenn überhaupt kann es nur von jüngeren Menschen kommen, die für das Genre stimmige ästhetische Positionen entwickeln. Ich bin überzeugt, es gibt diese Menschen.


    Da schon viele von uns Zeugen aus dem Freundeskreis aufgerufen haben, will ich das auch tun: Eine Verwandte, Bäuerin, hat Interesse an der Oper entwickelt, zunächst jedes Jahr ein paar Aufführungen in ihrem Landestheater gesehen. Als die MET in die Kinos ging, fuhr sie immer wieder 40 Kilometer, um die Vorstellungen zu sehen. Schließlich bekam sie ein Staatsopern-Abonnement geschenkt. Nach drei Jahren hat sie es zurückgegeben. Als ich nach dem Warum fragte, war die Antwort: Weil sie nur altvaterisches Zeug zeigen, und als ich nachfragte, was denn das letzte Altvaterische gewesen sei, war es die Heilige Kuh der Wiener Opernfreaks, Zeffirellis „Bohème“. Das ist nur eine Meinung unter vielen, ich weiß. Aber auch eine Stimme aus dem Publikum.


    Zu Prawy zurückkehrend schlage ich vor, ihn als charmanten Plauderer aus einer völlig vergangenen Opernzeit, der Zwischenkriegszeit, zu nehmen, der das damals Erlebte perpetuieren wollte, als Meister des Anekdotischen, auf das Wien so stolz ist, ihn vielleicht sogar als Verkörperung des „se non è vero, è ben trovato“ zu begreifen und sich an seinen „Seitenblicke“-Plaudereien aus der Opernkünstlerwelt zu delektieren.

    Ja, so wie bei Fiorenza Cossotto und Ivo Vinco oder Diana Damrau und Nicolas Testé. Aber das scheinen mir die sympathischen Junktimierungen zu sein. An ein Paar Seiffert / Popp kann ich mich nicht erinnern, da gab es wohl keine gemeinsam zu singenden Werke.

    Klar ist, daß er sehr viel von Stimmen versteht, während seine Bilanz bezüglich Regisseuren seinerzeit sehr gemischt ausgefallen ist (aber aus meiner Sicht immerhin deutlich besser als die unter dem jetzigen Direktor).

    Unter Holender habe ich in der ersten Zeit vieles nicht gesehen. Ich möchte dennoch an einige Inszenierungen erinnern, die die Staatsoper bei der Premiere zu einer römischen Arena gemacht haben: Peter Konwitschnys „Don Carlos“, Claus Guths „Tannhäuser“ (warum glauben Regisseure immer wieder, dass man in Wien Opernhandlungen ins Irrenhaus verlegen muss, nur weil Freud hier gewirkt hat), Barrie Koskys „Lohengrin“, Vera Nemirovas „Macbeth“, der nach ein paar Vorstellungen wieder abgesetzt wurde und von dem mir optisch nur in Erinnerung blieb, dass Macbeth und die Lady immer wieder in einer Dusche verschwunden sind, und Hans Neuenfels‘ „Prophet“. Die Vorgänge um diese Inszenierung waren insofern entlarfend, weil plötzlich ein Gerücht medial lanciert wurde, Neuenfels verlange, dass Domingo auf der Bühne ein Schwein zu „vergewaltigen“ hätte und Holender Gelegenheit gaben, lautstark als Retter von Moral und Sitte aufzutreten. Ob Neuenfels das vorhatte, weiß ich nicht, die mediale Begleitung ließe sich jedoch noch überprüfen. Jedenfalls war es ein Aufmerksamkeitserregungsgag bei einem Werk, das damals fast niemand kannte. Die Aufführung war schlecht, alle SängerInnen (trotz Transponierungen) überfordert, auch Domingo.

    Unverzeihlich war, dass Holender den „Don Giovanni“, den die Staatsoper unter Claudio Abbado/Luc Bondy mit dem grandiosen Ruggero Raimondi für das Theater an der Wien erarbeitet hatte, unter fadenscheinigen Gründen nicht übernahm, sondern später Muti und den mit ihm befreundeten Roberto de Simone für eine Neuinszenierung verpflichtete. Entstanden ist eine lächerliche Kostümshow vom Mittelalter bis zur Neuzeit (fast jedes Bild eine neue Epoche), womit er das Wiener „Don Giovanni“ – Desaster verlängerte, aus dem auch Kosky nicht herausfand.

    Ich denke, Abbado konnte mit Holender nicht (was ich sehr nachvollziehen kann) und der „Maestro di silenzio“ hat an der Staatsoper unter Holender auch nicht mehr dirigiert.

    Für die „billigen“ Italiener („Stiffelio“ „Jerusalem“, „Ernani“, „La Favorite“, „I Puritani“) hat er meines Erachtens ganz nichtssagende, zum Teil peinliche Inszenierungen machen lassen.

    Mein Fazit: Ich glaube, die Bilanz von Holender fällt nicht besser aus als die von Roščić. Holender dürfte aber ein sehr gutes Sensorium dafür haben, wohin der Wind weht, und deshalb gibt es jetzt Krokodilstränen. Weil es halt opportun ist.

    Bei „Don Carlos“ und „Tannhäuser“ war ich anderer Meinung als die vehementen Opponenten im Saal, Koskys „Lohengrin“ habe ich ausgelassen.



    nach dem Muster: "Wenn Du den Klaus Florian Vogt haben willst, musst Du auch den Detlef Roth nehmen"

    Ich bin überzeugt, solche Junktimierungen sind bei den großen Agenturen ständig geübte Praxis.

    Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.

    Die Wiener Staatsoper hatte 19 Jahre lang einen Direktor, der vorher einer der wichtigsten „Künstlervermittler“ = Künstleragent war. Da die (politische) Optik so schlecht war – es wurde öffentlich sehr intensiv über eine extreme Unvereinbarkeit diskutiert – wurde der Österreichische Gewerkschaftsbund gezwungen, ihm die Agentur um viele Millionen Schilling abzukaufen, damit der damalige Kanzler aus dem Schussfeld genommen werden konnte. Die Agentur war ab diesem Tag wertlos, denn Stars wie Domingo - er war bei Holender und ist ihm auch sonst in sehr vielem ähnlich - lassen sich nicht durch eine Gewerkschaftsagentur vertreten. Holender gilt ja auch als Königs= Roščić-Macher und dürfte auch ein ständiger inoffizieller Berater des Direktors geblieben sein.