Beiträge von Sadko

    Ja also wie das zusammenpassen soll versteht glaub ich niemand ;)

    Davon abgesehen glaube ich, dass Bayreuth vor allem gerade deswegen bis heute Bestand hat und floriert, WEIL dort nur Wagner-Opern gespielt werden. Wenn man diese Ausrichtung verwässert, wären die Bayreuther Festspiele ein Sommermusikfestival wie jedes andere (mit sehr eigenwilligen akustischen Verhältnissen), und damit wäre Bayreuth für die Wagnerianer weniger attraktiv, was bedeutet, dass weniger Publikum käme. Ich glaube also, dass die (unrealistische) Umsetzung dieses Vorschlags das Gegenteil dessen bewirken würde, was angeblich bewirkt werden soll.

    Ich kann mir nicht vorstellen, dass das:

    Bayreuth sollte insgesamt vielfältiger, bunter und jünger werden, so die Grünenpolitikerin.

    passiert, wenn man "Hänsel und Gretel" statt einer der Wagner-Opern spielt:

    Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) plädiert dafür, bei den Bayreuther Festspielen neben Richard Wagner auch andere Komponisten aufzuführen. »Mir schwebt da etwa Engelbert Humperdincks ›Hänsel und Gretel‹ vor. Das ist eine Oper, die aus der Wagner-Tradition kommt. Von solchen Werken gibt es ja etliche«, sagte Roth den Zeitungen der Mediengruppe Bayern .

    Man kann nur um Entschuldigung bitten.

    Ja, selbstverständlich! Man kann selbst sagen: "Ich möchte mich entschuldigen", wenn man schon ein "Ich bitte um Entschuldigung" nicht formulieren möchte. Aber "Ich entschuldige mich" geht nicht. Bis zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat sich das aber offenbar nicht herumgesprochen.

    SWR hält an Roth als designiertem Chefdirigenten fest: https://www.faz.net/aktuell/fe…xavier-roth-19860559.html

    Darin gibt es folgende Passage:


    Sexuelle Übergriffigkeit werde nicht toleriert, sagte Anke Mai, SWR Programmdirektorin Kultur, Wissen und Junge Formate. Es sei aber auch wichtig, dass Menschen eine zweite Chance erhalten, wenn sie ein Fehlverhalten eingestehen und Konsequenzen daraus ziehen. Roth entschuldigte sich laut Mitteilung. „Ich sehe ein, dass ich in der Vergangenheit im Umgang mit Musikerinnen und Musikern Fehler gemacht habe.“ Bereits seit geraumer Zeit arbeite er mit externer Hilfe an sich selbst.


    Sofern Roth das ernst meint, begrüße ich seine offene Haltung und die Entscheidung des SWR. Ich bin aber kein "Insider" und kenne die Situation nur aus wenigen Zeitungsberichten.

    Dominique Meyer wechselt zum „Orchestre de Chambre de Lausanne“.

    Dominique Meyer, der von 2010 bis 2020 Direktor der Wiener Staatsoper gewesen war und der gegenwärtig (bis Feb. 2025) die Mailänder Scala leitet, ist ab heute (15. Juli 2024) „Exekutivdirektor“ des „Orchestre de Chambre de Lausanne“.


    Quellen: Link 1 (mit aufschlussreichen Kommentaren; angeblich soll Renaud Capuçon die finanzielle Misere des Orchesters verursacht haben, weswegen Antony Ernst gehen musste), Link 2.

    Igor Voronka (1975–2024)

    Am 6. Juli starb der ukrainische Sänger (Stimmlage: Bass) und Geiger Igor Voronka (І́гор Володи́мирович Воро́нка), der am 3. Juli 1975 in Kiev geboren worden war, in der Oblast Donezk im Ukrainekrieg.

    Ukrainische Medien melden seine tödliche Verwundung: Link 1, Link 2.

    Über seinen Youtube-Account kann man sich seine Stimme anhören: Link.



    (Nachtrag: Die Schreibweise seines Vornamens habe ich von Ihor auf Igor ausgebessert, weil sich der Künstler selbst so transliterierte, vgl. die Youtube-Videobeschreibung der Gremin-Arie aus "Eugen Onegin", die ich gerade höre: Link. Igor ist jedenfalls die russische Aussprache und Ihor die ukrainische, weil der Sprachwandel g zu h zwar im Ukrainischen, aber nicht im Russischen stattfand. (Im Tschechischen übrigens auch, daher heißt die Hauptstadt Praha, während der deutsche Name Prag noch das ältere g enthält.) Man kann das für nebensächlich halten, aber wenn ein aus Kiev stammender Musiker im Ukrainekrieg stirbt, will ich bei der Schreibweise des Namens sensibel sein und diejenige Schreibweise wählen, die derjenige selbst verwendete.)

    Zemlinsky, Seejungfrau + Zemlinsky, Tanzpoem

    Ich hatte bereits geschrieben (und zwar hier im letzten Absatz), dass ich mir am 23. Juni in Linz (unter anderem) Zemlinkys Tanzpoem angehört habe, und bis dahin war das Stück ein unbeschriebenes Blatt für mich. Heute wollte ich mir gleich hintereinander die "Seejungfrau" und dann das "Tanzpoem" anhören, um zu überprüfen, ob mein Eindruck vom 23. Juni, als ich der Meinung war, dass das "Tanzpoem" zwar ein sehr gutes Werk ist, aber nicht an die "Seejungfrau" herankommt, auch in direkter Konfrontation der beiden Stücke Bestand hat.

    Und genau das war der Fall: Die "Seejungfrau" ist in den ersten zwei Sätzen ein wunderbares Werk, nur mit dem dritten Satz kämpfe ich. Das "Tanzpoem", von der mir der Anfang am besten gefällt, kann da nicht ganz mithalten. Ich habe auf Youtube Aufnahmen mit James Conlon und Ingo Metzmacher gehört, und mein Eindruck ist, dass Conlon Zemlinsky ganz wunderbar dirigiert, Metzmacher dafür leitet mir diese farbenreiche, plastische Musik irgendwie zu "trocken" und zu "analytisch".

    Lehár-Feststival in Bad Ischl, 2025:

    • Johann Strauss, Eine Nacht in Venedig;
    • Jacques Offenbach, Orpheus in der Unterwelt;
    • Franz Lehár, Die blaue Mazur ( = Rarität, halbszenisch).

    Siehe Ankündigung auf der Homepage: Link.

    Ich bin überrascht und begeistert. Das hatte nichts Abgeklärtes, Glattes, aber auch keine Effekthascherei. Das klang so frisch wie ernsthaft; so gegenwärtig und direkt, als hätte man es zum ersten Mal gespielt bzw. gehört, oder eben zum letzten Mal. Keine zu langsamen Tempi, kein Klangbrei, aber auch keine Hatz! Über nichts wurde hinwegdirigiert und - gespielt. Die großen Bögen gingen nicht zu Last des Einzelnen. Die harmonischen Schärfen waren schneidend spürbar. Eine unglaubliche Interpretation! Wie muss das erst für die Anwesenden geklungen haben!

    Danke für die Einschätzung! Ich bin leider noch nicht dazugekommen hineinzuhören (danke an Bernardin für die Mitteilung der Übertragung!), aber ich werde das noch nachholen. Sehr schön, dass sich Blomstedt offenbar wieder erfangen hat und in diesem biblischen Alter noch so gut dirigiert! Ich freue mich schon auf's Anhören!


    Was für eine lächerliche "Kritik" des Konzertes mit Herbert Blomstedt: https://www.krone.at/3455526 .

    Ja, dieser Text ist wirklich in der Tat mikrig. Ich habe den Verfasser gegoogelt, und es handelt sich offenbar um einen Musiker! (Siehe Biographie auf seiner Homepage: Link). Ich glaube, die schlüssigste Erklärung für die Nicht-Qualität dieses Artikels ist, dass der Text auf die Leserschaft der Kronen Zeitung entsprechend zugeschnitten ist. Handfeste Aussagen zur musikalischen Qualität interessieren dort offensichtlich nicht.

    Heute wird Herbert Blomstedt 97 Jahre, und genau heute dirigiert er in der Stiftsbasilika St. Florian (in der Nähe von Linz) Bruckners 9. Symphonie mit den Bambergern Symphonikern. Hätte ich das früher mitbekommen, wäre ich vermutlich hingefahren.

    (Dieses Konzert wird am 12. Juli im Passauer St. Stephansdom sowie am 13. Juli im Bamberger Dom wiederholt.)


    Quelle: Link.

    Alles klar, verstehe, danke für die Erwiderung! Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man mit Übung und regelmäßigem Blick in die Partitur durchaus einzelne Stimmen aus dem Gesamtklang herauszuhören vermag, aber selbst überprüft habe ich das nicht.

    Umständehalber muss ich leider meinen Karten für den Ring in Bayreuth abgeben:

    Es tut mir leid, dass Ihnen etwas dazwischengekommen ist und Sie die fast komplett sehr billigen Karten nicht selbst nützen können. Ich hoffe, es findet sich ein Abnehmer!

    Es ist schön, wenn Prawy es schaffte, seiner Leidenschaft so zu frönen, wie er es tat. In der Staatsoper immer in der Proszeniumsloge rechts. Als man ihn einmal fragte, ob es ihm nicht langweilig wäre, zum x-hundertsten Mal die „Bohème“ zu sehen, war seine Antwort: Nein, denn er schaue einmal der zweiten Klarinette oder dem dritten Horn u.s.w. beim Spielen zu. Auch o.k.

    Ein kleiner Nachtrag: Zufällig wurde ich heute auf diese hier zitierte Passage angesprochen, und Prawy soll sinngemäß gesagt haben, er entdecke immer neue musikalische Aspekte, wenn er sich während einer Aufführung eben auf die zweite Klarinette oder das dritte Horn etc. konzentriere. Das lässt die Prawysche Äußerung doch ein einem seriöseren Licht erscheinen, als wenn es ihm nur um das Zuschauen gegangen wäre.

    Oha, Sie haben recht! Ich will mich hier gar nicht auf einen Verschreiber ausreden, sondern ich war (warum auch immer) wirklich der Meinung, der deutschsprachige Titel laute „Sizilianische Bauernlehre“, und genauso habe ich es seitdem geschrieben. Dass sich die falsche Bezeichnung in der Tat auch anderwertig im Internet findet (Link), finde ich skurill. Ich bessere das sofort in meinem Bericht aus!


    Interessant finde ich, dass die deutschsprachige Bezeichnung „Sizilianische Bauernehre“ weitgehend verschwunden ist, während man „Der Bajazzo“ statt „Pagliacci“ noch ab und zu liest, so etwa auf der Eintrittskarte der besprochenen Linzer Aufführung (nicht hingegen auf der Homepage des Theaters: Link). In meinem Opernführer (das 1976 in Ost-Berlin erschienene „Opernbuch“ von Peter Czerny, das ich seit Beginn meines Interesses an Opern als ausgeschiedenes Bibliotheksexemplar besitze und das erstaunlich viele Raritäten bespricht) wird übrigens von „Cavalleria Rusticana“ darunter in kleinerer Schrift der (richtige!) deutsche Titel genannt (Seite 381), während man von der anderen Oper nur den deutschen Titel „Der Bajazzo“ findet (Seite 378) und der italienische Titel gar verschwiegen wird. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass der deutsche Titel der „Cavalleria“ schon länger außer Gebrauch ist. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen, spreche ich ja in meinem Bericht (und im Alltagsleben auch) von der „Cavalleria“ (wohl aber vom „Bajazzo“), nur in der Titelzeile bleibe ich meinem Grundsatz treu, bei Titelangaben beide Formen zu nennen, zuerst die deutsche, dann den (allfälligen) originalsprachlichen Titel.

    So., 30. Juni 2024: MÜNCHEN (Nationaltheater): Richard Strauss, Elektra

    Die Münchner „Elektra“-Inszenierung von Herbert Wernicke (er zeichnete auch für Bühne, Kostüme und Licht verantwortlich) ist seit 1997 zu sehen und besitzt gewissermaßen einen Kult-Status (nicht zuletzt dank Gabriele Schnaut, die in der Titelrolle oft zu erleben war); insofern und weil „Elektra“ (eine der für mich allerbesten Opern!) in der kommenden Spielzeit am Wiener Spielplan steht, unternahm ich zu meinem persönlichen Abschluss der Spielzeit 2023/24 einen Ausflug nach München.


    Das, was Wernicke im Programmheft (Seiten 16–17) äußerte, klingt zwar gut: „Nur das Theater – und vor allem die Oper – hat noch die Chance, eine andere Wirklichkeit zu zeigen als Kino oder Fernsehen. Darum schlage ich den Weg der Archaik ein: keine Psychosen, keine Verhaltensweisen – nur Figuren. Wenn jeder Sänger seine Figur psychologisch darstellt, wird diese Familientragödie genauso bewegen und erschauern machen wie in den antiken Dramen von Sophokles und Euripides. Genau diese Archaik war es ja, die Hofmannsthal wiederentdeckt hatte für sein Welttheater.“, nur bringt die Entscheidung, die Inszenierung so zu gestalten, mit sich, dass die Aufführung sehr statisch wirkt, und für meine Wahrnehmung viel zu statisch; Bezug auf das altgriechische Drama hin oder her. Wernicke weiter: „Das Stück braucht szenisch sehr viel Ruhe. Elektra z.B. wird am Schluß nicht tanzen; der Zuschauer wird gezwungen, ihr in die Augen zu sehen. Auch in der Wiedererkennungsszene werden Elektra und Orest in erster Linie einander gegenüberstehen und sich anstarren. Nichts passiert, aber das mit Spannung. […] Die Bühne ist optisch einfach und abstrakt. Das ganze Bühnenportal wird schwarz zugemauert, so daß nur ein paar Meter Spielfläche übrigbleiben. Hier draußen, vor dem Palast, spielt sich die Handlung ab. Nur ein paarmal bricht die schwarze Palastmauer auf und gibt den Blick frei auf einen gleißenden Lichtraum in unterschiedlichen Farben: auf das Palastinnere, die eigentliche Opernbühne.“ Genau so ist es, allerdings hat mir das, was der Regisseur hier in wohl gewählten Worten anpreist, kaum gefallen, weil die Interaktion zwischen den Figuren auf ein Minimum beschränkt ist; im Wesentlichen wird hauptsächlich herumgestanden (und zwar auf vorderen der rechten Bühnenhälfte, weswegen die Wahl eines Platzes in der linken Hälfte des Zuschauerraums anzuraten ist). Alles wirkt sehr statisch und sehr monumental (des gewaltigen Bühnenbilds wegen, aufgrund dessen übrigens keine Übertitel gezeigt werden können: für mich gleichgültig, aber wenn man den „Elektra“-Text nicht kennt und ihn akustisch nicht versteht, verpasst man viel) und damit eben langweilig. Freilich, man muss Wernicke dankbar sein, dass in dieser Inszenierung die Sänger auf das konzentrieren können, was sie tun sollen (nämlich singen), aber zumindest ein Minimum an Interaktion muss sein. Gut gefallen hat mir das Schlussbild, in welchem sich Elektra offenbar (just in dem Moment habe ich nicht zu ihr geschaut) mit dem Beil, das sie die ganze Zeit über bei sich hatte, umbringt, der ebenfalls tote Aegisth am Boden liegt und Orest, umhüllt vom Vorhang des Nationaltheaters, auf einer Stiege steht (ja, Wernicke liebt Stiegen, das weiß man in Wien seit seiner „Sizilianischen Vesper“), aber ein eindrucksvolles Szenenbild ist zu wenig für 105 Minuten Spielzeit. Natürlich gibt es viel schlechtere „Elektra“-Inszenierungen (besonders eindrucksvoll die glücklicherweise abgesetzte in Wien Uwe-Eric Laufenbergs), aber eben auch viel bessere (am besten diejenige von Patrice Chéreau in der Berliner Lindenoper, dicht gefolgt von der glücklicherweise wieder zurückgeholten Produktion Harry Kupfers in Wien; hervorragend war auch die von Johannes Reitmeier 2023 in Innsbruck). Übrigens würde ich gerne erfahren, wieso Wernicke in besagtem Text auch äußerte: „Das Gespräch zwischen Mutter und Tochter ist die einzige wirklich erotische Szene in dieser Oper.“, denn wenn man schon eine erotische „Elektra“-Szene postulieren möchte, dann wäre das doch die zweite Chrysothemis-Elektra-Szene und nicht die Klytämnestra-Elektra-Begegnung.


    Das Hauptproblem des Abends war aber natürlich nicht die Inszenierung, sondern das, was Vladimir Jurowski im Orchestergraben tat (oder eher: nicht tat). Meine heutige Erstbegegnung mit ihm hat meine Abneigung gegen ihn kilometerdick einzementiert, denn das Dirigat war eine Frechheit: Jurowski ist offenbar ein richtiger Weichspüler, also jemand, der alles auf vordergründigen Schönklang poliert (komplett ohne jedes Gespür für Struktur, Ecken und Kanten!), gleichzeitig aber teils sehr laut (das sollte wohl effektvoll sein?). Besonders absurd wurde es dann, als Jurowski die tatsächlich schönen Stellen in dieser Oper (etwa in Elektras zartem Monolog nach der Wiedererkennungsszene) völlig im Nirwana versenkte, hier wären viel mehr Orchesterdetails herauszuholen gewesen. Am schlechtesten gelangen die letzten Minuten der Aufführung: Das gewaltige Finale, bei dem es jeden Besucher, sofern er nicht ohnehin einen Stehplatz hat, vor Begeisterung förmlich aus seinen Sesseln heben sollte, wurde von Jurowski im Stil eines lockeren Walzers hopperdatschig herunterdirigiert, und es war kaum zu fassen, wie belanglos diese ansonsten mitreißende Musik mit einem Amateur wie Jurowski klingen kann. Einfach ausbuhreif! Insgesamt ließ dieses Nicht-Dirigat (in Kombination mit der statischen Inszenierung) die Aufführung langweilig erscheinen; natürlich ist das den Sängern gegenüber unfair, zumal sie recht gute Leistungen brachten:


    Elena Pankratova war eine gute Elektra, die vor allem mit einer in allen Lagen sicheren Stimme glänzte; für eine sehr gute Elektra klang sie mir in der Höhe zu sehr anders als in den anderen Lagen, außerdem wirkte die Stimme bisweilen etwas verbraucht, was aber Jammern auf hohem Niveau ist. Beeindruckend fand ich Vida Miknevičiūtė, allerdings ist „beeindruckend“ nicht unbedingt hier ein Kompliment, denn auch wenn sie die Rolle mit beeindruckender Kraft in einer imposanten Lautstärke durchhielt, vermisste ich an ihrer Chyrosothemis das Jugendliche, das Naive, das Unschuldige, das Freundliche; die heutige Darbietung war mehr geschrien als gesungen. Violeta Urmana besitzt keine taufrische Stimme mehr, im Rahmen ihrer Möglichkeiten konnte sie aber einen gewissen Eindruck hinterlassen: Freilich klang ihre Klytämnestra mehr nach einer gequälten alten Frau als nach einer verzweifelten Königin, doch ist es auch legitim, diese Rolle nicht so sehr hysterisch anzulegen. Mehr erwartet habe ich mir von John Daszak, der zwar das richtige Aegisth-Timbre besitzt und früher ein sehr guter Sänger war, doch heute litt er unter starken Höhenproblemen und musste somit mehrere Töne tiefer legen, was ja ausgerechnet bei einer so kurzen Partie wie dem Aegisth unzufriedenstellend ist. Károly Szemerédy sang einen soliden Orest, er sollte aber noch an seiner Tiefe und an seiner Textverständlichkeit arbeiten. Unerfreulich fielen die Leistungen der Nebenrollensänger aus: Kevin Conners kämpfte als Junger Diener mit der Lautstärke und den Höhen; Evgeniya Sotnikova klang als Fünfte Magd sehr angestrengt (die vier anderen Mägde waren in Ordnung: Noa Beinart, Yajie Zhang, Emily Sierra, Erika Baikoff mit Katja Pieweck als Aufseherin); Natalie Lewis fiel mit einem Textfehler auf („dass auch Du vom Lot der Götter bist“ statt „Stamm“), und Seonwoo Lee (Schleppträgerin) war kaum zu hören.


    Insgesamt bedaure ich sehr, dass ein so schlechter Dirigent am Pult stand; mit jemand Besserem hätte die recht gut besetzte Aufführung ganz gewiss mehr Eindruck hinterlassen. Ein Lob muss ich übrigens dem Münchner Galerie-Publikum aussprechen, dann während der Aufführung herrschte (vom Knarzen mancher Sessel abgesehen) bemerkenswerte Ruhe (und der hinter mit Stehende, der glaubte, er könne die ganze Aufführung ein Taschentuchpackerl in der Hand halten und damit ganz leise rascheln, hat auch ohne Proteste sofort eingesehen, dass das nicht geht, als ich es ihm während der Aufführung nonverbal vermittelt hatte).


    Abschließend noch eine Kurzkritik den am Vortrag im Wiener Konzerthaus besuchten RSO-Konzertes mit Poulencs „Gloria“ und Orffs „Carmina Burana“: Caspar Singh sang den „Schwan“ hervorragend, das Orchester gefiel mir auch sehr gut (vom viel zu lauten Paukisten abgesehen), dafür waren die Chöre (insbesondere der Männerchor) zu schwach. Alina Wunderlin hat eine ziemlich „eng“ geführte Stimme, und Daniel Schmutzhard zeigte Probleme in der Tiefe, sang dafür manches (etwa das erste Lied „Omnia sol temperat“) sehr schön (das „Ego sum abbas“ war dafür mehr als nötig übertrieben), auch passierten ihm paar Textfehler (etwa: „deum retinere“ statt „tuum retinere“). Wirklich ärgerlich war nur Tobias Wögerer, der meistens zu langsam dirigierte, aber dann an wenigen Stellen sehr beschleunigte, sodass der Chor kaum mitkam. Naja. Wenn man gute Aufnahmen der „Carmina Burana“ kennt, ist man wohl für die meisten Live-Aufführungen dieses Stückes verdorben.

    Oh, danke für die ausführliche Erläuterung zu den Qualitäten des „Falstaff“, die mir bisher verschlossen geblieben sind, aber jetzt kann ich etwas besser nachvollziehen, was an diesem Werk mitunter geschätzt wird. Es ist schade, dass diese „Falstaff“-Würdigung in diesem Opernberichte-Thread untergeht, sie würde auch gut als Eröffnungsbeitrag eines „Falstaff“-Threads passen. Kann ich sie dorthin kopieren?


    Dass musikalisch nicht alles erstklassig war, kann sehr gut sein; ich habe das nicht so genau wahrgenommen, weil ich ja, wie gesagt, zu diesem Stück keinen Zugang gefunden habe. Ebenso, dass auch bei mittelmäßigen Aufführungen viel geklatscht wird; das kommt ja (aus den genannten Gründen) oft vor.