Opernberichte der Saison 2015/16

  • Dieser Thread ist für Berichte von Opernaufführungen der Saison 2015/16 (inkl. Operetten) und für dazugehörige Diskussionen vorgesehen.


    Grundsätzlich besitzt dieser Thread Archivfunktion. Die Beiträge sind bis auf ganz wenige Ausnahmen so wiedergegeben, wie ich sie damals verfasst habe; durch die Berichte soll das Forum auch einen Teil vergangener (Wiener) Operngeschichte dokumentieren.

  • 7. September 2015: WIEN (Staatsoper): Giuseppe Verdi, Rigoletto

    Saisonstart für 2015/16! (dieselbe Besetzung war auch am 4. September) Leider hats schon gleich unterdurchschnittlich begonnen, denn die heutige Aufführung war so, als ob es sie gar nicht gegeben hätte. Ambrogio Maestri müsst eigentlich ein super Rigoletto sein, aber er hat (meines Wissens) diese Rolle noch nicht lang im Repertoire. Das erklärt, warum er sich in der Rolle nicht so recht wohlzufühlen schien und anscheinend darauf bedacht war, die „bekannten“ Stellen (Cortigiani etc.) unfallfrei hinauszuhauen, und dafür einige andere schlampert zu singen. Insgesamt bot er eine gute Leistung – aber bei ihm wäre halt einiges mehr drinnen, das wird noch werden. Stark unterbesetzt war der Duca mit Celso Albelo, den ich als mittelmäßigen Nemorino in Erinnerung habe. Für den Duca braucht es aber doch um einiges mehr, und sein größtes Manko ist, dass er die Spitzentöne nur mit Kraftanstrengung schafft. Insofern hat er manche Töne (zum Beispiel den Schlusston des La donna è mobile) irgendwie hinausgeklescht, aber alles andere, das der Duca verlangt, blieb auf der Strecke. Aleksandra Kurzak gab eine sehr ordentliche Gilda: Ihre fragile und höhensichere Stimme besitzt Wiedererkennungswert, und ihre Besitzerin sang heute so wie immer. Michele Pertusi war der Sparafucile, und wenn man für diese Rolle schon einen Gast holt anstatt sie aus dem Ensemble (Dumitrescu, Anger etc.) zu besetzen, muss dieser Gast auch schon eine grandiose Besetzung darstellen, was Pertusi nicht tat, denn er lieferte nur eine passable Leistung ab. Elena Maximova klang als Maddalena so wie immer (rauchige Stimme), und die restlichen Sänger sind überhaupt nicht erwähnenswert. Eine echte Katastrophe war der Dirigent: Evelino Pidò bewegt sich hauptsächlich im Belcanto-Repertoire, aber für Verdi fehlt im augenscheinlich das Gefühl, denn entweder es war laut oder fad/verschleppt. Zum erstenmal habe ich heute die Inszenierung von Pierre Audi gesehen, die sehr klassisch daherkommt. Die Geschichte wird herkömmlich erzählt (auch wenn die Einsamkeit des Rigoletto und die Grausamkeit des Duca deutlicher als üblich herausgestrichen werden, zum Beispiel wird Monterone auf offener Bühne umgebracht), Ansätze zur Interpretation sucht man vergeblich. Insofern hätte die Vorgängerproduktion von Sandro Sequi (von 1983) nicht ausgetauscht werden brauchen, es sei denn, sie war völlig desolat.

  • 11. September 2015: WIEN (Staatsoper): Richard Wagner, Der fliegende Holländer

    Nach ziemlich genau einem Jahr Pause stand der Holländer in der genialen Mielitz-Inszenierung wieder am Spielplan der Staatsoper – und der Gesamteindruck der heutigen Aufführung (der letzten dieses Dreier-Blockes) war sehr positiv. Den großen Schwachpunkt stellte Herbert Lippert dar, der ein wahrer Meister ist, wenn es darum geht, die Unzulänglichkeit für eine anspruchsvolle Partie zu kaschieren: Der Erik ist ja nicht so ohne, aber wenn man wie Lippert da einen hohen Ton weglässt, dort einen Vokal verfärbt, hier ein paar Töne schlampert singt, dort nicht auf der (Ton-)Höhe ist, auf der man sein sollte – dann klingt das zwar für jene, die kein Gehör haben oder/und die Partie nicht kennen, passabel bis gut, aber wenn man den Erik im Ohr hat, können einem angesichts dieser miserablen Darbietung nur die Ohren schmerzen (nicht übertrieben!). Michael Volle, den ich vorher noch nie gehört habe, hat aber einen wirklich phantastischen Holländer abgeliefert! Der Vorjahres-Vergleich mit Terfel geht für mein Empfinden sogar zu seinen Gunsten aus (das heißt was!), auch mit Grundheber braucht er keinen Vergleich zu scheuen. Volle besitzt eine wunderschön timbrierte Baritonstimme, mit der er genau charakterisieren kann (das kommt vom Liedgesang), die ihm aber auch gewaltige Ausbrüche erlaubt (so hat er die entsprechenden Stellen mit Vollgas hinausgehaut), die aber auch zu zarter Tongebung fähig ist. Besonders berührt hat mich seine Gestaltung (stimmlich und schauspielerisch): Der Holländer ist bei ihm weniger ein dämonischer denn ein zutiefst verletzter und verzweifelter Mann (ans Herz ging u.a. die Verzweiflung bei seinem Auftrittsmonolog, das Aufflackern eines Hoffnungsschimmers bei Dalands Erzählung, dann das Kaum-fassen-Können des (scheinbaren) Glücks über die angebotene Hand Sentas, dann das Glück, in ihr seinen „Engel“ gefunden zu haben, und die abgrundtiefe (vermeintliche) Enttäuschung am Ende). Keine andere Holländer-Interpretation hat mich bis dato so berührt wie die heutige Volles. Ein kurzer Textaussetzer gegen Ende des ersten Aktes sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Die restlichen Sänger pendelten sich niveautechnisch zwischen Volle und Lippert ein: Ricarda Merbeth hat sich im Vergleich zum Vorjahr merklich verbessert, aber auch wenn sie noch immer nicht zu den Spitzen-Interpretinnen der Senta gehört, bot sie heute eine mehr als achtbare Leistung. Vom in dieser Serie am Haus debütierenden Hans-Peter König habe ich nach Youtube-Hörproben mehr erwartet, denn seine Stimme klang über weite Strecken (sehr) heiser, auch wenn er eindrucksvolle Stellen hinauskleschte (möglicherweise war er nicht bei bester Gesundheit). Thomas Ebenstein gab einen soliden Steuermann (mit seinem Timbre kann ich mich hier so gar nicht anfreunden); Carole Wilson war eine ausgezeichnete Mary. Am Pult stand der sehr erfahrene Peter Schneider, der zwar einen langsamen (knapp 2h 23min ohne Erlösungsschluss), aber sorgfältigen (behäbiger und weniger dynamisch als heutzutage üblich) Holländer dirigierte (für die Unsauberheiten bei den Hörnern kann er nix). Es ist schön, Wagner auf die „altmodische“ Art zu hören, wie es mittlerweile live kaum mehr möglich ist. Die tolle Mielitz-Inszenierung ist in Bezug auf die Personenführung und die Detailliebe bedauerlicherweise schon verschlampt, aber zu meiner großen Überraschung hat heute die eindrucksvolle Lichtregie wieder großteils hingehaut (naja, heute war ja auch der Livestream, da haben sie sich ein bissl angestrengt).

  • 24. September 2015: WIEN (Staatsoper): Modest Mussorgski, Chowanschtschina / Хованщина

    Oha, es gibt ja doch noch sehr gute Repertoirevorstellungen - hin und wieder halt, und eine solche war die heutige Chowanschtschina, die mir sogar NOCH besser gefallen hat als jene in der Premierenserie, und die waren schon super... Dmitry Belosselskiy (Iwan Chowanski), Ain Anger (Dossifei) Christopher Ventris (Andrei Chowanski) und Evgeny Nikitin (Schaklowity) erbrachten ganz ausgezeichnete Leistungen, sehr gut war Norbert Ernst (Schreiber), auch Herbert Lippert (Golizyn) war schwer in Ordnung. Lediglich Elena Maximova fiel ab, und so sind mir die Stellen der Marfa nicht in Erinnerung geblieben. In einer winzigen Rolle fiel Benedikt Kobel äußerst negativ auf. Hervorragend war das Dirigat von James Conlon.

  • 4. Oktober 2015: WIEN (Volksoper): Giacomo Puccini, Turandot

    Wer eine wirklich ausgezeichnete Vorstellung dieser Oper erleben möchte (bevor man ab April wieder mit dem Staatsopern-Zeug konfrontiert wird), sollte die aktuelle Volksopernserie auf keinen Fall versäumen! Vincent Schirrmacher ist ein Calaf par excellence, denn dass er gegen Ende des zweiten Aktes für kurze Zeit ein bissl dünn klang und das Nessun dorma keine wahre Offenbarung war, ändert nichts an der insgesamt perfekten Leistung. Die Volksoper kann sich über ein solches Ensemblemitglied glücklich schätzen und möge es nicht verheizen. Jee-Hye Han ist heuer wie im Vorjahr eine sehr gute Interpretin der Turandot; phantastisch war Kristiane Kaiser als Liù. Eine ebenfalls großartige Leistung brachte Yasushi Hirano als Timur; mit Klemens Sander (Ping), David Sitka (Pang), JunHo You (Pong) und Jeffrey Treganza (Altoum) waren die kleineren Rollen gut besetzt; eher schwach klang Bartosz Araszkiewicz als Mandarin. Guido Mancusi sorgte leider mit seltsamen Wechseln der Tempi für Irritationen (lauter wenn schneller); die Inszenierung ist ganz großartig.

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