Opernberichte der Saison 2019/20

  • Mi., 11. September 2019: WIEN (Staatsoper): Jacques Offenbach: Les Contes d’Hoffmann / Hoffmanns Erzählungen

    Heute fand mein seit längerer Zeit (seit Ende Mai) erster Besuch in der Staatsoper statt, und für längere Zeit wird es auch der letzte gewesen sein. Seit ich vermehrt ins Konzert gehe, halte ich die meisten Opern (sofern sie nicht aus dem 20. oder 21. Jahrhundert stammen) nicht mehr aus, außerdem ist mir die Staatsoper einfach zu groß (und ich frage mich, wie um alles in der Welt man auf die Idee kommt, dort in wenigen Wochen ein so zartes, lyrisches Stück wie Brittens Sommernachtstraum, das erst vor kurzem im Theater an der Wien zu erleben war, zu spielen, wo man doch einen Peter Grimes oder Billy Budd aus dem Depot wieder ausgraben könnte!!). Das neue Stehplatzsystem ist jedenfalls schon aktiv, und WENN es so bleibt, bin ich ein ganz großer Fan dieses Systems, aber natürlich ist eine Preiserhöhung absehbar. Ein besonders positiver Effekt: Zum erstenmal seit JAHREN habe ich am Stehplatz nicht massenhaft Leute gesehen, die sich augenscheinlich gar nicht für die Aufführung interessieren. Eine Preiserhöhung hat auch seine positiven Seiten, von manchen (nicht von mir) prophezeite Katastrophen traten nicht ein.


    Zur Aufführung: Mittelmaß, typisch für den glücklicherweise den Posten bald freimachende Meyer.


    Aber ich will nicht unter den Tisch fallen lassen, dass es ja zwei ausgezeichnete Leistungen gab. Es waren das die des Einspringers (!) Dmitry Korchak in der Hauptrolle und des Michael Laurenz in den Dienerrollen. Korchak könnte man zum Vorwurf machen, dass seine scharfe, grelle Stimmfarbe nicht unbedingt zum verliebten und schwärmerischen Poeten stammt. Dieser Meinung bin ich allerdings nicht, ich schätze sein Timbre sehr. Die Stimme ist nicht übermäßig laut, er singt vergleichsweise leise, aber völlig ausreichend, außerdem kann er an passenden Momenten zu genügend Lautstärke aufdrehen, ohne in billige Effekthascherei abzugleiten. Er sang ohne Ermüdungserscheinungen die Rolle wunderschön und exakt, was will man mehr? In Zeiten, in denen Eyvazov, Kaufmann, Schager, Villazón, Vogt etc. völlig zu Unrecht als Tenorstars gehandelt werden, ist Korchak die bessere Wahl und ein Geheimtipp. Eine wirklich ausgezeichnete Leistung. Ebenfalls positiv hervorstechend war Michael Laurenz, der mir schon in der letzten Saison sehr positiv aufgefallen ist. Heute in den Dienerrollen erbrachte er eine sehr gute Leistung (allerdings sind diese Partien ja wirklich unproblematisch).


    Nichtsdestoweniger habe ich die Vorstellung als enorm mühsam und belanglos empfunden. Hauptschuldig war der Dirigent Frédéric Chaslin, der großteils langweilte durch Entbehrung eines jeden Spannungsbogens, es wurde einfach so lieblos herunterdirigiert, zeitweise zu schnell, aber meistens zu langsam. Gestaltung Fehlanzeige. Wirklich ärgerlich war, dass er mit dem Chor einige Male ganz deutlich auf Kriegsfuß stand (wobei es auch eine selten depperte Idee ist, den Chor im Olympia-Akt schräg hinten auf der Bühne zu positionieren). Zweites Hauptproblem war Luca Pisaroni in den Bösewicht-Rollen. Eine Fehlbesetzung ersten Ranges, völlig überfordert mit der Partie. Jedesmal, wenn er stimmlich aufdrehen müsste, kommt nichts mehr, und über sein Französisch wollen wir ebenfalls den Mantel des Schweigens breiten. Seinetwegen war der Antonia-Akt ziemlich zum Schmeißen (und ich erinnere mich jetzt Ildar Abdrazakovs in der vorigen Serie – der Unterschied ist wie Tag und Nacht). Dass er auch die Diamanten-Arie verhaute, war dann auch schon egal.


    Die restlichen Mitwirkenden pendelten sich großteils im Mittelmaß ein. Es ist natürlich eine große Schnapsidee, die drei Frauenrollen von ein- und derselben Sängerin verkörpern zu lassen, aber Olga Peretyatko hat diese Herkulesaufgabe mit Anstand gemeistert. Ja, es ist ein Schmarrn, wenn die Olympia-Arie hinuntertransponiert wird, und ja, es ist ein Schmarrn, wenn die Triller überhaupt gar nicht funktionieren, aber dafür waren ihre Leistungen als Antonia und Giuletta annehmbar; nicht mehr, und nicht weniger. Die mir völlig unbekannte Gaëlle Arquez war als Niklausse völlig in Ordnung, sie stach nicht positiv hervor, aber auch nicht negativ (ein auffallend starkes Vibrato störte mich nicht). Schlimm waren allerdings viele der Nebenrollen: Auffallend gut Dan Paul Dumitrescu als Crespel (wenngleich natürlich nicht einmal halb so gut wie Walter Fink, der in der letzten Serie gesungen hat); Samuel Hasselhorn als Hermann und Clemens Unterreiner als Schlémil sind nicht weiter aufgefallen. Keineswegs überraschend extrem schlecht waren Alexandru Moisiuc als Luther (hat er JEMALS akzeptabel gesungen?? Doch, denn für den Großinquisitor passt sein massives Stimmgewabere. Aber sonst??) und Zoryana Kushpler als Stimme der Mutter (einfach nur grauenhaft, dieses Gekreische) und auch überhaupt nicht gut war Lukhanyo Moyake als Nathanaël. Ebenfalls sehr schlecht war Igor Onishchenko, aber wieso musste sich dieser Bariton mit der Tenorrolle des Spalanzani herumschlagen??


    Das Stück ist, wie schon angedeutet, für mich nur schwer erträglich, wenngleich ich persönlich etwas damit verbinde, weil ich als Kind einen deutschsprachigen Querschnitt zu Hause gehört habe und der Hoffmann somit eine meiner allerersten Opern war (auch die zweite live gesehene). Auf Französisch ist der Charakter des Stückes jedenfalls ganz anders als auf Deutsch, und ich bekenne mich eindeutig zur deutschen Übersetzung, denn was soll der weitverbreitete Unsinn überhaupt, ein Stück in einer Sprache aufzuführen, die nicht zu den Landessprachen des jeweiligen Landes gehört? Man kann das selbstverständlich auch anders sehen, und ich respektiere jede andere Meinung, aber ICH will in der Oper etwas unmittelbar verstehen. Und nur die Muttersprache geht ins Herz. Daher super, dass es in Wien die Wahl zwischen Französisch (Staatsoper) und Deutsch (Volksoper) gibt.


    Die Inszenierung von Andrei Serban, Richard Hudson und Niky Wolcz ist (von der bereits angesprochenen zeitweisen schlechten Positionierung des Chores abgesehen) ausgezeichnet – der phantastische Charakter der E.T.A.-Hoffmann-Stücke wurde genau treffend eingefangen, und insbesondere den Prolog und den Antonia-Akt halte ich für besonders gelungen. Wenn doch nur alle Neuinszenierungen nur halb so gut wären... Gespielt wird meines Wissens eine Misch-Fassung, mit dem aus meiner Sicht komplett verzichtbaren Septett/Sextett im Giuletta-Akt, das in der Volksoper komplett fehlt. Naja. Man sollte es auch in der Staatsoper streichen, dann wäre die ohnehin viel zu lange Oper wenigstens ein bisschen kürzer und prozentuell gesehen besser. Nichtsdestoweniger heute zwei sehr gute Leistungen in den Tenorrollen: Ich kann nur empfehlen, sich die Namen Korchak und Laurenz zu merken.


    So, und jetzt hör ich mir „Auf dem Wasser zu singen“ mit Ian Bostridge und Julius Drake an, das ist wenigstens Musik, die mich berührt – auf das Operngebrülle kann ich mittlerweile weitgehend verzichten.

  • Do., 26. September 2019: WIEN (Theater an der Wien): Antonín Dvořák, Rusalka

    Dass heuer Dvořáks Rusalka auch im Theater an der Wien gespielt wird, begrüße ich: Zwar gab es in letzter Zeit auch Rusalka-Vorstellungen an der Staats- und Volksoper, aber zum einen kann es kaum genügend Rusalka-Aufführungen geben (nachdem diese hervorragende Oper sträflicherweise sehr lang in Wien ignoriert worden war!), und zum anderen hat das Theater an der Wien erwartungsgemäß eine „unkonventionelle“ Produktion auf die Bühne gestellt, an der ich zwar gute Ansätze erkenne, die mich aber in ihrer Gesamtheit nicht überzeugt.


    Auch musikalisch war es nur teilweise erfreulich. Gut gefallen hat mir Maria Bengtsson in der Titelrolle. Man kann Details bekritteln (zum Beispiel dass ihr das tschechische Idiom trotz hörbarer Sorgfalt nicht natürlich über die Lippen kommt, so hörte man zum Beispiel ein „nemohu šít“ statt des „nemohu žít“ („ich kann nicht leben“), und da frage ich mich schon, wieso man dafür nicht eine slavische Sängerin aus einem unserer Nachbarländer verpflichtet hat), aber insgesamt hat mir ihre Leistung zugesagt: Es war erfrischend, eine Rusalka-Interpretin zu hören, die sowohl schön singen als auch Dramatik zeigen kann. Das war's aber auch schon mit den positiven Leistungen. Wieso Günther Groißböck (Wassermann) von manchen so gelobt wird, erschließt sich mir nicht. Ja, er hat eine recht schöne Stimme, kann gewaltig an Lautstärke aufdrehen, ist wortdeutlich, singt ohne hörbare technische Probleme – das ist doch schon mal mehr als viele andere seiner Kollegen, obendrein schaut er vorteilhaft aus. Aber WIE er singt, gefällt mir nicht. Er ist in dieser Hinsicht wie Stephen Gould: Jeder Ton für sich, Bögen und Phrasierung gibt es einfach nicht (bzw. wenn, dann ist der Bogen nach längstens drei Tönen schon wieder aus) – und mal ernsthaft, was soll das?? Das ist doch nie und nimmer Weltklassegesang. Wer einen tollen Wassermann hören will, möge so wie ich im Februar 2020 nach Bratislava fahren und sich dort Peter Mikuláš anhören, der zwar nicht mehr der Jüngste ist, aber perfekt singen kann (auf Aufnahmen das Maß aller Dinge ist der heute unbekannte Eduard Haken, 1910–1996). Fast ein Totalausfall war Ladislav Elgr als Prinz. Dass seine (kleine) Stimme generell unschön ist (und als Prinz braucht man eine schöne Stimme – auch wenn ihn die Inszenierung als gewaltbereiten, hyperaktiven Psychopathen zeigt), ist nicht seine Schuld. Dass er sich aber so irgendwie durch die Partie schummelt (dass er da mal einen Ton deutlich kürzer aushält als verlangt, dass er dort mal bei kurzen Noten ungenau ist, merken die meisten nicht, das fällt mir aber auf, weil ich in der Rusalka jeden einzelnen Takt kenne) und außerdem massive Technikprobleme hat, sodass er die Höhen allesamt kehlig herausquetschen muss (sofern sie ihm überhaupt gelingen), fällt aber in seine Verantwortung. Insgesamt ist er dieser Partie nicht gewachsen, nicht einmal an einem kleinen Haus wie dem Theater an der Wien. Völlig unauffällig waren Natascha Petrinsky als Ježibaba und Kate Aldrich als Fremde Fürstin, derer Leistungen ich mich schon eine Viertelstunde nach Ende der Aufführung nicht mehr erinnern konnte, was ja auch einiges aussagt. Beide haben ziemlich scharfe Stimmen und waren textundeutlich unterwegs. Die kleinen Rollen waren in Ordnung, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter David Afkham hatte nicht den besten Abend. Die Klangqualität war eher herb, ein Schwelgen in den Streichern vermisste man weitgehend, zusätzlich leisteten sich die Hörner und die Trompeten so manchen falschen Ton. Der Arnold-Schoenberg-Chor erledigte das Wenige, das ihm in der Rusalka aufgetragen ist, sehr zufriedenstellend.


    So, und die Inszenierung. Naja. Eine Pseudo-Märchenwelt war – glücklicherweise – nicht zu erwarten, und ich bin der Meinung, dass man der Rusalka massiv Unrecht tut, wenn man mit einer verkitschten Inszenierung anrückt. Das haben Amélie Niermeyer (Inszenierung), Christian Schmidt (Bühnenbild) und Kirsten Dephoff (Kostüm) auch nicht getan. Bühnenbild ist ein völlig unästhetisches weißes ehemaliges Schwimmbad (?), das im zweiten Akt dann auch den Palast darstellt. Gut, kann man machen. Die Personenführung möchte Rusalka wohl als armes, unterdrücktes Hascherl sehen, das von einem psychisch kranken Prinzen (der sie zu (Oral-)Sex zwingt) und einem brutalen Wassermann (der sie abwatscht, worauf sie allerdings zurückschlägt) ins Unglück gestürzt wird. Diese Interpretation teile ich aber nicht. Ein Problem ist, dass der rote Faden einfach nicht konsequent durchgezogen ist: Wieso benimmt sich der Prinz so gestört? Welchen Einfluss hat der Wassermann? Welche Motive hat die Fremde Fürstin? Alles für mich völlig unklar, Personen kommen und gehen, zwischendurch ein paar Videoeinspielungen, der Prinz zeigt sich splitterfasernackt, die Kostüme von Rusalka (weiß) und der Fremden Fürstin (schwarz) sind genau gegensätzlich – ja gehts noch platter?? Im dritten Akt ist dann das ehemalige Schimmbad noch stärker von der Natur zurückerobert, was auch irgendwie oberflächlich ist. Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass mit dem Brecheisen über die Musik drübergefahren wurde: Dort, wo es in der Musik hörbar knistert, findet auf der Bühne genau gar nichts statt. Das in Kombination mit merkwürdigen Aktionen in einem merkwürdigen Bühnenbild, in das man alles mögliche hineininterpretieren kann oder auch nicht kann, ist einfach nicht überzeugend. Denken wir lieber nicht darüber nach, wie viel die Produktion den österreichischen Steuerzahler gekostet hat...


    So, und jetzt höre ich grad Dvořáks Symphonische Dichtung „Vodník/Wassermann“ – die Kenntnis dieses Werks bereichert das Rusalka-Verständnis. Es ist anzunehmen, dass der (kindermordende) Orchesterwerk-Wassermann einige Eigenschaften mit dem scheinbar gutmütigen Opern-Wassermann gemein hat...

  • Fr., 27. September 2019: LINZ (Musiktheater, Blackbox): Benjamin Britten, The Rape of Lucretia / Die Schändung der Lucretia

    Das Landestheater Linz nimmt seit einigen Saisonen immer wieder Britten-Opern ins Programm, worüber ich mich sehr freue, zumal Britten einer meiner Lieblingskomponisten ist (umso mehr schmerzt mich, dass erst heute die Vorstellung am 1. Dez. dieses Jahres von „Noahs Flut“ in Passau abgesagt wurde – aber alles halb so wild, fahr ich halt an diesem Tag statt dessen nach Ostrava zu Janáčeks Osud, das ist ein ganz wunderbares Kleinod der Opernliteratur). The Rape of Lucretia ist nicht Brittens bestes Werk, aber nichtsdesotweniger sehr anhörbar und erfrischend unkonventionell. Hauptrollen sind ja bekanntlich „The male chorus“ und „The female chorus“, und von diesen beiden Sängern werden die Ereignisse kommentiert und reflektiert – das bringt mit sich, dass nur ein Teil dieser Oper wirkliche Handlung beeinhaltet, ein großer Teil wird der Reflexion gewidmet (so ähnlich wie in Death in Venice). Da muss man sich mal darauf einlassen und erkennen, wie meisterhaft Britten die verschiedenen Figuren musikalisch zueinander in Beziehung gesetzt hat, dann wird man diese Oper auch sehr genießen. Aus dem sehr klein besetzten Orchester (13 Musiker?) kommen typische Britten-Klänge, und ich liebe die Musiksprache Brittens.


    Gespielt wird in der Black-Box im Keller des Musiktheaters, und dorthin passt das Werk auch, in einem großen Saal würden die ganzen Feinheiten völlig untergehen. Das Orchester befindet sich abseits, in der Mitte des Geschehens ist die Bühne, auf den beiden Längsseiten sitzen in vier und drei aufsteigenden Reihen die Zuschauer (hinter dem Orchester kann man auch sitzen). Ärgerlich ist, dass die Plätze numeriert sind und so der vorgesehene Sitzplatz reines Glücksspiel ist – aber zumal nicht alle Plätze besetzt waren, gab es durchaus Gestaltungsspielraum. Durch die Wahl des Spielortes ergibt sich natürlich die Möglichkeit zu einer offenen Inszenierung, in der keine Distanz zwischen Zuhörer und Bühne vorhanden ist; gleichzeitig gibt es die Möglichkeit, die Partien mit schlechten Sängern zu besetzen, nämlich mit solchen, die im kleinen Rahmen durchaus reüssieren können, in einem normalen Saal aber hoffnungslos verloren wären.


    Es handelte sich um eine Produktion des Oberösterreichischen Opernstudios, und da es sich um in Ausbildung befindliche Sänger handelt, schraubt man natürlich die Erwartungen hinunter. Und ehrlich gesagt: Was ich so gehört habe, bestätigt zahlreiche negative Meinungen: Alles nette Stimmen, aber halt alles so durchschnittlich, so austauschbar – KEIN EINZIGER Sänger mit einer markanten, einprägsamen Stimme. Alles wurde brav und nett gesungen, aber bitte, vor allem in der Vergewaltigungsszene und in der Selbstmordszene muss man doch Gestaltung zeigen. Heute war's aber ziemlich flach. Am besten gefallen haben mir die Sänger der beiden Hauptrollen (die beiden „Chöre“): Svenja Isabella Kallweit mit durchschnittlicher, aber immerhin sehr ordentlicher Sopranstimme, und Rafael Helbig-Kostka, der zwar hörbare Tiefenprobleme hatte, aber trotzdem eine gute Leistung bot. Florence Losseau war eine gute Lucretia, zu einer sehr guten fehlt noch Schärfe in der Stimme und vor allem Ausdrucksfähigkeit (wieso macht die Kulman derzeit nur Blödsinn und nicht was Gscheits, z.B. eben die Lucretia?) Timothy Connor war als Tarquinius in Ordnung, zeitweise hätte er mehr Farben in der Stimme einsetzen können statt Lautstärke, aber was soll's. Rollendeckend waren Seunggyeong Lee als Junius, Sinja Maschke als Bianca und Etelka Sellei als Lucia, wobei die beiden Damen eine merkwürdige englische Aussprache präsentierten. Fast ein Ausfall war Philipp Kranjc als Collatinus, der eine fahle, glanzlose Stimme ohne Kern/Metall hat, und wer eine solche Stimme verwaltet, sollte nicht Sänger werden.


    Großer Pluspunkt des Abends war das Bruckner-Orchester-Linz (oder zumindest die paar eingesetzten Musiker) unter Leslie Suganandarajah (wohlbekannt von der hervorragenden Penthesilea in der vergangenen Spielzeit). Die Inszenierung von Gregor Horres (Bühne und Kostüme von Jan Bammes) ist erkennbar mit geringen finanziellen Möglichkeiten hergestellt, passt aber sehr gut zum Ambiente (abgesehen davon, dass die Türen oftmals geräuschvoll geöffnet wurden, und nicht selten genau während schöner Stellen im Orchester, die ich gern ohne Nebengeräusche gehört hätte). Die Vorstellung hat mir insgesamt ausgezeichnet gefallen, was aber dem Stück, dem Ambiente und dem Orchester zuzuschreiben ist. Die Sänger waren insgesamt passabel, aber halt nicht mehr als das.

  • Di., 1. Oktober 2019: WIEN (Staatsoper): Richard Strauss, Salome

    Heute war ich in der Salome. Richard Strauss hat darin gezeigt, dass er wirklich supergut komponieren und instrumentieren konnte. Schade, dass er’s danach so selten getan hat (hin und wieder hat auch ein Mahler unrecht!) und nach der Elektra (subjektiv) nur mehr großteils Langeweile produzierte. Die heutige Aufführung war halbwegs in Ordnung, litt aber nicht nur unter lästigen Stehplatzbesuchern hinter, schräg hinter mir und neben mir, sondern auch unter einer mangelhaften Titelrollensängerin.


    Die Titelrolle ist zwar die Salome, aber die Hauptrolle ist unbestreitbar der Herodes, und in dieser Partie konnte man Jörg Schneider kennenlernen, der vor einem knappen halben Jahr noch ein ausgezeichneter Narraboth war und sich jetzt zu einem zwar nicht ausgezeichneten, aber sehr guten Herodes entwickelt hat. Einziger Kritikpunkt ist, dass er recht leise unterwegs war und an ein paar wenigen Stellen (zum Beispiel bei „mit einem Feuer, kalt wie Eis“) zu wenig Kraft hatte, was aber fast gar nichts ausmachte, da er immer (sehr wortdeutlich!) zu hören war. Er hat sich von einem lyrischen Tenor (!) zu einem sehr guten Herodes entwickelt (der noch ausstehende Feinschliff wird noch mit der Zeit kommen), die Stimme spricht nicht nur in der hohen, sondern auch in der tiefen Lage gut an. Es war eine verheißungsvolle Neubesetzung, ich bin auf die weitere Entwicklung des jetzt 50jährigen Sängers gespannt. Bester Sänger der Aufführung war Linda Watson als Herodias, an der wirklich alles passte: Ihre laute, keifende Stimme ist wie geschaffen für die Herodias-Schreckschraube, wobei sie es glücklicherweise nie übertrieb. Pech hatte man mit der Hausdebütantin Aušrinė Stundytė. Vergangenen Freitag hatte sie abgesagt, worauf meine Lieblingssängerin Camilla Nylund eingesprungen war, und es wäre besser gewesen, wäre das heute wieder passiert. Frau Stundytė mag für kleinere Häuser genügen, aber für die Wiener Staatsoper ist sie zu klein, sorry. Was ihr fehlt, versucht sie durch Lautstärke wettzumachen (wenn sie nicht grad VIEL zu leise singt wie bei „...es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen.“), das Ergebnis ist aber unbefriedigend: Ein paar schöne Passagen, aber großteils eher unkontrollierte gekreischte Töne, und das muss nicht sein. Traurig der Jochanaan von Alan Held, der einst ein toller Sänger war, wovon aber jetzt kaum mehr etwas übrig ist. Nicht gefallen hat mir Lukhanyo Moyake, der einen kehlig-gepressten Narraboth gab (ja, der Narraboth ist schwierig, weil er stimmlich ganz deppert liegt, aber trotzdem, wir sind an der Wiener Staatsoper und nicht irgendwo); Margaret Plummer als Page ist mir gar nicht aufgefallen. Die kleinen Rollen waren gut bis so lala, aber ein echtes Desaster waren die beiden Nazarener! HILFE!! Diese wunderschöne Passage so dermaßen scheußlich zu singen wie es Alexandru Moisiuc und Hans Peter Kammerer heute getan haben, das grenzt schon an Gotteslästerung. Ziemlich medioker war Dennis Russell Davies am Pult, der der einzige Dirigent ist, den ein bestimmter Freund von mir jemals im Musikverein ausgebuht hat, und ich verstehe, warum er das getan hat: Der ganze Abend war so beiläufig dirigiert, da ein bissl schneller, dort ein bissl langsamer, ohne durchgehenden Spannungsbogen (und wenn ich daran denke, wie packend der enorm unterschätzte Michael Boder die Salome vor einem halben Jahr dirigiert hat, der Vergleich ist wie Tag und Nacht). Ärgerlich waren auch Kleinigkeiten: Zu Beginn dirigiert er Passagen („Dein Leib ist weiß wie...“) von Salomes Monolog zu langsam, worauf die Salome-Sängerin aber in passendem Tempo fortsetzt und ihm so zu verstehen gibt, dass er auf gut Wienerisch onzahn soll. Das gleiche Spiel dann im Schlussmonolog bei einer ähnlichen „Leib“-Stelle – bissl mitdenken wäre ja vom Dirigenten nicht zu viel verlangt. Insgesamt war das Staatsopernorchester besser als der Dirigent.


    Ein Besucher (nicht ich) machte seinem Ärger unmittelbar gleich nach Verklingen des letzten Tones mit einem Buhruf Luft (wohl der Salome-Interpretin geltend), und das fasst’s gar nicht mal schlecht zusammen. Anmerkungen zur Inszenierung von Boreslaw Barlog und Jürgen Rose im Bericht vom 22. April 2019.

  • So., 24. November 2019: WIEN (Staatsoper): Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Eugen Onegin

    Nach einer Forumspause habe ich beschlossen, auch in Zukunft kurze Berichte über ausgewählte Opernaufführungen zu schreiben. Ja, was ich so verzapfe, ist natürlich „laienhaft“ und unprofessionell, aber schließlich setzt sich der Großteil der Forenschreiber aus Laien zusammen. Allerdings werde ich die Texte aus Zeitgründen VIEL kürzer als bisher halten, außerdem gehe ich derzeit nur mehr ganz selten in die Oper, dafür mehrmals pro Woche ins Konzert (das Konzertprogramm in Wien ist viel spannender als das Opernprogramm, und mittlerweile mag ich fast keine Musik mehr, zu der auch gesungen/gegrölt wird – wieviel mehr vermag doch reine Orchestermusik zu vermitteln! Schon ziemlich bezeichnend, dass tolle Komponisten wie Bruckner und Mahler keine einzige Oper schrieben).


    Eine durchaus sehr gute Eugen-Onegin-Vorstellung gab es am vergangenen Wochenende in Wien zu hören! Größte Überraschung war für mich der Dirigent Michael Güttler, den ich ziemlich übel in Erinnerung hatte. Aber diesmal war es eine behutsame, rücksichtsvolle, umsichtige Leistung. Das Staatsopernorchester hat mir sehr gut gefallen.


    Eine positive Erstbegegnung hatte ich mit Boris Pinkhasovich, der zwar körperlich großteils steif und ungelenk wirkte (was aber womöglich als schauspielerische Leistung gemeint war), aber mit einer dunkel timbrierten Stimme aufwartete; im Russischen fühlte er sich deutlich wohler als Marina Rebeka, die mich als Tatjana nicht zu berühren vermochte, obwohl man ihr objektiv gesehen nichts vorwerfen kann. Schwach der Lenski von Pavol Breslik: schön gesungen, aber halt ein Krawattltenor (da war der Korchak letztens ein ganz anderes Kaliber). Ferruccio Furlanetto hat im Gremin seine wohl beste Altersrolle gefunden, in der er trotz stimmlicher Abnützungserscheinungen mit seiner kultivierten Art glänzen kann (außerdem spielt er hier ja einen alten Mann, der auch auf Tatjana in Wahrheit nicht wirklich attraktiv wirkt, da „darf“ er ausgesungen klingen). Durchschnittlich waren die übrigen (Margarita Gritskova als Olga, Monika Bohinec als Larina, Aura Twarowska als Filipjewna und Pavel Kolgatin als Triquet), nur Igor Onishchenko wie immer extrem schlecht: In DIESER Wurzn negativ aufzufallen, das muss man auch einmal schaffen.


    Die Inszenierung von Falk Richter gefällt mir sehr gut (die kalte, herzlose Atmosphäre spiegelt natürlich das kalte Innenleben Onegins wider und vermutlich auch die innere Traurigkeit Tatjanas), zumal die Bühne auch nicht mit überflüssigem Krempel voll ist. Allerdings soll die Produktion in absehbarer Zeit ersetzt werden (und da muss ich gleich mal fragen: Muss man schon wieder einen Tschaikowski neu herausbringen? Es gibt viel bessere Komponisten, deren Opern man endlich mal spielen sollte...! Wie wäre es – um beim slavischen Repertoire zu bleiben – beispielsweise mit der Julietta des zu Unrecht kaum beachteten Bohuslav Martinů?)


    Ebenfalls gut gefallen hat mir mein voriger Opernbesuch, nämlich Smetanas Libuše am 26. Oktober im Janáček-Theater in Brünn. Smetana hat mehr und Besseres geschrieben als die Verkaufte Braut!

  • Fr., 13. Dezember 2019: WIEN (Staatsoper): Wolfgang Amadé Mozart, Die Zauberflöte

    Ich bin ja nicht gerade als großer Mozart-Liebhaber bekannt. Die Zauberflöte hingegen hör‘ ich mir ab und zu aber gern mal an (das Stück ist viel besser als man auf den ersten Blick denken könnte), und die heutige Besetzung ließ einen interessanten Abend erwarten. Nun denn!


    Im Mittelpunkt meines Interesses stand Andreas Schager als Tamino (!). Schager hat im Dezember 2017 als Apollo an der Staatsoper debütiert (als er mehrmals zwischen Wien/Apollo und Berlin/Tannhäuser hin- und herpendelte, das allein ist schon ein Irrsinn) und konnte damals einen Sensationserfolg für sich verbuchen – man meinte schon, einen Sänger gefunden zu haben, der Johan Botha (mit dem der Apollo in dieser Produktion auf ewig verbunden bleiben wird und der wohl auch für jene Serie geplant gewesen war) das Wasser reichen könne. Nun, Schager kann das jedenfalls nicht: Sein Max ein paar Monate später war dann nicht mehr das Gelbe vom Ei, sein Lohengrin eine Saison später gar nicht mehr überzeugend, und sein Kaiser unlängst soll ja ganz furchtbar gewesen sein (da war ich aber nicht drinnen). Sein Problem ist immer dasselbe: Das Stimmmaterial ist ja wirklich prachtvoll (ein Naturtenor mit Metall in der Stimme), aber wie er damit umgeht, passt gar nicht: Auffallende Schlampigkeit hinsichtlich der richtigen Töne mischt sich mit mangelhafter Technik, und zumindest letztere war heute zu merken (besonders deutlich in der Bildnisarie und Kieckser bei „Vielleicht sah er Paminen schon, vielleicht eilt sie…“). Man darf den Tamino nicht unterschätzen, der hat es zumindest vor der Pause schon in sich. Des weiteren: Manchmal hat er sich ja wirklich bemüht, angemessen zu singen, aber generell ist sein Gesang stilistisch ziemlich daneben (Jung-Siegfried als Tamino), wenngleich es eine willkommene Abwechslung war, einen Tamino zu hören, der zu viel statt zu wenig gibt. Dennoch war Benjamin Bernheim letztes Jahr um Welten besser. Andreas Schager ist halt so wie Hubschrauberfliegen im Wohnzimmer: kann man mögen, muss man nicht.


    Die beste gesangliche Leistung kam von der mir vorher völlig unbekannten und kurzfristig eingesprungenen Hausdebütantin Federica Guida als Königin der Nacht, und vor ihr kann man nur den Hut ziehen. In der ersten Arie war stellenweise noch Unsicherheit zu merken, wenngleich alle Töne vorhanden waren, aber die zweite Arie war hervorragend, und viel mehr hat die Königin der Nacht ja nicht zu tun. Ebenfalls erfreulich war Andrea Carroll als eine Pamina mit zwar leiser, aber schöner und ordentlich geführter Stimme. Eher enttäuschend hingegen Jongmin Park als Sarastro: Erstens sind die Vokalverfärbungen („Stöh auf, örheitrö düch, o Lübe“, …) zum Davonlaufen, und zweitens hat er für diese Rolle zu wenig Tiefe, basta. Er ist ein sehr guter, junger, fleißiger Sänger, aber für den Sarastro geht es sich noch nicht aus. (Wer einen tollen Sarastro erleben möchte, dem sei geraten, nach Bratislava zu fahren und sich zum Beispiel gleich morgen in der dortigen Oper die Zauberflöte mit Peter Mikuláš anzuhören – ein hervorragender Sänger, den aber bei uns keiner kennt, weil er die Karriere großteils in Osteuropa macht / gemacht hat.) Rafael Fingerlos war ein passabler Papageno, allerdings ist mir seine Blödelei auf den Wecker gegangen, und überhaupt geht mir der Papageno in seiner Gesamtheit auf den Wecker – das Stück wäre VIEL besser, wenn man diese schwachsinnigen Papageno-Stellen ersatzlos striche!!!!).


    Die Nebenrollen zeigten sich unerfreulich, abgesehen von der unauffälligen Ileana Tonca als Papagena und dem positiv auffallenden Peter Jelosits in der kleinen Rolle des ersten Priesters. Es ist schlimm, den stimmlichen Niedergang von Adrian Eröd zu beobachten: Von der Stimme, so wie sie war, ist kaum mehr etwas da, das reicht ja nicht einmal mehr für den Sprecher/zweiten Priester (und diese kurze Rolle ist wichtig: Ich bin letztes Jahr 17 Stunden mit dem Nachtbus gefahren, um Franz Grundhebers wohl letzten Opernauftritt zu erleben, und der fand als Zauberflöten-Sprecher in Trier statt). Die drei Damen (Fiona Jopson, Ulrike Helzel und Zoryana Kushpler) klangen allesamt unschön, zu Benedikt Kobel muss man nichts erklären, der Name spricht für sich (wobei der Monostatos zu seinen erträglichen Rollen gehört), und skandalös überhaupt die beiden geharnischte Männer: Herbert Lippert brüllte irgendwas Falsches, wohingehen Ryan Speedo Green akustisch kaum zu vernehmen war. Über die drei Sängerknaben breitet man überhaupt besser den Mantel des Schweigens.


    Dass die Vorstellung (an einem Freitag, dem Dreizehnten) trotzdem erfreulich war, ist zu einem Gutteil Verdienst des Mannes am Pult: James Conlon hat das ganz hervorragend gemacht, ich hätte ihn gern öfters in Wien und auch gleich mit spannendem Repertoire (Zemlinsky!), das er ja auch aufgenommen hat. Orchester und Chor in gewohnt guter Qualität. Ein Wort noch zur Inszenierung: Die Produktion von Moshe Leiser und Patrice Caurier hab‘ ich immer für Schwachsinn gehalten. Das muss ich jetzt teilweise revidieren: Nicht, dass ich die Arbeit gut finde, aber ganz so übel ist sie nicht. Ja, das Bühnenbild ist uninspiriert, die Kostüme sind generell an Einfallslosigkeit kaum zu überbieten, aber immerhin gibt es den Versuch, die Story etwas gegen den Strich zu bürsten: Der Chor als gleichgekleidete, gleichgeschaltete, gehirngewaschene Sektenmitglieder (deren graues Gewand am Ende auch Tamino und Pamina tragen), Sarastro nicht als strahlender Sonnenherrscher, sondern als finster und gewissermaßen brutal (wie er zum Beispiel das tote Tier von seinen Schultern in die Ecke schmeißt). Insgesamt interessante Ansätze, aber trotzdem zu wenig und unter‘m Strich nicht zufriedenstellend. (Ich würde mir eine Produktion wünschen, die viel radikaler vorgeht). Viel los am Stehplatz, unter anderem auch die grauenhaft nervende lautstark wimmernde Frau im Rollstuhl (glücklicherweise war ich auf der anderen Seite; wäre ich daneben gestanden, hätte ich sie ganz bestimmt zum Verlassen der Aufführung bewegt).

  • Sa., 14. Dezember 2019: WIEN (Staatsoper): Olga Neuwirth, Orlando

    Spät, aber doch hat Dominique Meyer gemerkt, dass es auch zeitgenössische Opern gibt und es angemessen ist, auch in der Staatsoper diese zu zeigen. Die Produktionen der vergangenen Spielzeit – Die Stauden (eigentlich: „Die Weiden“ von Johannes Maria Staud) und Orest von Trohjan – erwiesen sich beide als große Flops, insofern konnte es mit Olga Neuwirths „Orlando“ nur besser werden.


    Und das wurde es! Es handelt sich im wesentlichen um eine Zeitreise (beginnend mit dem Jahre 1598) ein- und derselben Figur, wobei auch Anleihen in der Musik die jeweiligen Epochen skizzieren; durch die Handlung führt eine Sprecherin, die wirklich viel (auf Englisch) zu sprechen hat, teilweise eindeutig zu viel. Und das ist auch eines meiner Hauptprobleme des Abends: Er dauert einfach viel zu lang (1h17 + 1h24), insbesondere im zweiten Teil, den man locker (!!) um eine halbe Stunde kürzen könnte.


    Dennoch hat sich die Aufführung für mich durchaus ausgezahlt, und zwischen sehr negativen und teilweise positiven Berichten von den beiden vorhergehenden Aufführungen würde ich mich im Mittelfeld einordnen – die Musik, die aus dem Orchestergraben gekommen ist, finde ich recht interessant, ich habe gern zugehört. Die zahlreichen Zitate (Purcell über Stravinsky bis zu „O Tannenbaum“) klangen nicht penetrant oder aufgesetzt, sondern fügten sich in’s Gesamtwerk ein. In der letzten Szene vor der Pause war die Gleichzeitigkeit einer bedrückenden Handlung (Kindesmissbrauch) mit der äußerlichen Fassade (beschauliche Weihnachtszeit) spannend. Das ändert nichts daran, dass mir nach der Pause eindeutig zu viel laute Popmusik gespielt wird.


    Ein Eingehen auf die Künstler erscheint mir nicht sinnvoll, zumal ich das Stück gar nicht kannte und während der Aufführung hauptsächlich damit beschäftigt war herauszufinden, wer wer ist... Jedenfalls habe ich nichts Negatives hinsichtlich der Sänger zu bemerken.


    Fazit: Man kann hingehen, muss aber nicht. Alles in allem teilweise gelungen, aber für wirklich gute Aufführungen wirklich guter zeitgenössische Opern sollte man auf andere Institutionen ausweichen (gemeint ist Kobéras „Neue Oper Wien“ – wobei es natürlich auch dort Blindgänger gibt).

  • So., 15. Dezember 2019: WIEN (Theater an der Wien): Stanisław Moniuszko, Halka

    Das Theater an der Wien ist ja immer wieder für Raritäten zu haben, und seit heute gibt es dort bis Ende Dezember die hierzulande sogut wie nie gespielte Oper Halka des polnischen Stanisław Moniuszko zu hören. Polnisch ist ja nicht gerade eine Sprache, die mit der Gattung der Oper assoziiert wird, aber zumal ich vor einiger Zeit Szymanowskis Król Roger kennen- und liebengelernt hatte, war ich voller Vorfreude.


    Meine Vorfreude war allerdings teilweise unberechtigt. In Szymanowskis Roger findet man einen Klangteppich farbenreicher, aufwallender, leidenschaftlicher Musik verbunden mit einer sehr guten (Meta-)Handlung, während Moniuszko in polnischer Verdi ist, und das ist nicht positiv gemeint. Ehrlich gesagt: Es klingt für mich tatsächlich wie Verdi (wenn auch nicht ganz so schlimm): das Humptata, die typischen Arien/Duette, Massenszenen etc. Naja, Uraufführung 1858, da darf man keine Musik des 20. Jahrhunderts erwarten. Also nehme ich diese Oper, wie sie ist - ich räume allerdings ein, dass ich ihre Handlung für ziemlich sinnentleert halte. Musikalisch zieht sich insbesondere der vierte Akt.


    Musikalisch hingegen bewegte sich die Aufführung auf SEHR hohem Niveau; das war sehr erfreulich. Da ich das Werk nicht gekannt hatte, möchte ich mich zu den einzelnen Darbietungen nur oberflächlich äußern: Es war eine ausgezeichnete Ensembleleistung mit Sängern, die ihre Rollen gut ausfüllten und sich auch in der polnischen Aussprache hörbar wohl fühlten (allerdings spreche ich kein Polnisch). Besonders gut haben mir Tomasz Konieczny als Janusz und Corinne Winters als Halka gefallen. Konieczny halte ich für einen tollen Sänger, ich verstehe nicht, wieso ihn einige überhaupt nicht aushalten. Ich bin kein Fan von Piotr Beczała, denn er stemmt/drückt mir zu viel (als Cavaradossi daher für mich nix - aber warten wir jetzt mal den Lohengrin ab), aber als Jontek war er sehr gut aufgehoben! Ich denke, dass das slavische Repertoire für ihn besser wäre als das italienische, aber mit ersterem kann man halt keine Karriere machen (und ich verstehe, dass er das tut, wenn sich ihm die Gelegenheit bietet). Ebenfalls sehr in Ordnung, wenn auch ein bisschen schwächer waren Alexey Tikhomirov (Stolnik), Natalia Kawałek (Zofia) und Lukas Jakobski (Haushofmeister). Nett das Wiederhören mit Paul Schweinester als Góral (bei dem ich mich aus bestimmten Gründen frage, wieso er aus dem Off singen musste). Orchester (ORF Radio-Symphonieorchester Wien) und Chor (Arnold Schoenberg Chor) haben mir sehr gut gefallen, allerdings habe ich keinen Vergleich. Zur Inszenierung von Mariusz Treliński (Bühne: Boris Kudlička, Kostüme: Dorothée Roqueplo) kann ich kaum etwas schreiben in Anbetracht dessen, dass ich einen Stehplatz mit nur sehr wenig Sicht hatte. Die Handlung ist in die Gegenwart verlegt, was ja generell weder gut, noch schlecht ist.


    Also kurz zusammengefasst: Aufführung top, Werk flop. Trotzdem empfehle ich hinzugehen, denn das Werk hört man demnächst sicher nicht mehr in Wien. Außerdem gibt es andere, sehr positive, Meinungen!


    P.S.: Was soll das überhaupt, dass die THADW-Programmhefte jetzt 4,80 statt 3,80 kosten?! Der reinste Wucher!


    P.P.S: Gerüchtehalber kommen nächste Saison Jenůfa und Porgy+Bess in's Theater an der Wien. Darauf freu ich mich! Und natürlich ganz besonders auf Prokofjevs Feurigen Engel im April 2020!


    P.P.P.S.: In der U-Bahn bin ich nach der Aufführung mit einer mir zuvor unbekannten 73jährigen Frau in's Gespräch gekommen, die kürzlich in Neuwirths Orlando war und mit der ich mich ein paar Stationen lang sehr angenehm über die zeitgenössische Opernszene unterhalten habe. Für mich wieder einmal sehr schön zu sehen, dass auch ältere Besucher neugierig auf Neues sind, eine konkrete Meinung dazu haben und Stammgäste der Neuen Oper Wien sind. Das ist super! Sie zeigte sich auch sehr erfreut, dass auch jemand aus der jüngeren Generation eine ganz ähnliche Einstellung wie sie hat.

  • Do., 19. Dezember 2019: WIEN (Theater an der Wien): Stanisław Moniuszko, Halka

    Heute war ich zum zweitenmal in der Halka und habe einen insgesamt positiveren Eindruck mitgenommen, hauptsächlich deshalb, weil sich die Sänger in einer durchwegs verbesserten Verfassung präsentierten (was mich nicht wundert, denn jetzt war die Premierennervosität weg), in erster Linie Piotr Beczała hat mir heute (zu meinem Erstaunen) ausgezeichnet gefallen! Das muss ihm mal einer nachmachen! Zumal ich heute einen besseren Stehplatz hatte, kann ich auch was zur Inszenierung schreiben: Sie wirkt in sich schlüssig und ist nie langweilig (die Bühne ist in ständiger Bewegung, was jedoch auch nicht übertrieben wirkt), gleichwohl erschließt sich mir der Sinn der zeitlichen Verlegung nicht, und - schlimmer - die Charakterzeichnung bleibt an der Oberfläche (Janusz mit Alkoholproblem, ein Geld zählender Stolnik, ...). Die Musik hat mir beim zweitenmal genausowenig gefallen (es handelt sich quasi hauptsächlich um Verdi, teilweise auch um Tschaikowski und Dvořák - ich konnte keine spezifische Moniuszko-Musiksprache wahrnehmen), allerdings habe ich den vierten Akt als besser als am Sonntag, die ersten drei Akte hingehen als schlechter wahrgenommen. - Den Dirigenten habe ich am Sonntag vergessen zu erwähnen: Łukasz Borowicz war's.

  • So., 22. Dezember 2019: GRAZ (Opernhaus): Engelbert Humperdinck, Königskinder

    Allenthalben wird um die Weihnachtszeit Humperdincks Hänsel und Gretel gespielt (wieso eigentlich? das Stück hat mit Weihnachten nichts zu tun), weswegen gern übersehen wird, dass Humperdinck auch noch andere Werke geschaffen hat. Heute durfte ich seine mir vorher vollkommen unbekannte Oper Königskinder kennenlernen und hatte einen sehr positiven Eindruck. Das Stück sollte man unbedingt öfter spielen und dafür ein paar Hänsel-und-Gretel-Aufführungen streichen. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber ich blicke meinem zweiten Königskinder-Besuch im März mit Vorfreude entgegen. Und ich kann nur raten, sich die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen und, sofern es sich einrichten lässt, ebenfalls dafür nach Graz zu fahren!


    Das Werk ist im besten Sinne spätromantisch mit Wagner-Anklängen, ohne diese jedoch überzustrapazieren (Humperdinck ist KEIN Wagner-Epigone, sondern ein eigenständiger, ernstzunehmender Komponist); die Handlung des Kunstmärchens ist auf den ersten Blick nicht leicht durchschaubar, wird aber im Verlaufe der Vorstellung klarer; die Ereignisse sind tragisch (bis zum Tode der Königskinder im Schnee), werden aber gebracht ohne künstlich auf die Tränendrüse zu drücken. Mehrere Hänsel-und-Gretel-Zitate sind auch auszumachen, aber insgesamt sind die Königskinder in jeder Hinsicht meilenweit besser als Hänsel und Gretel, wobei die Schwäche beider Werke eindeutig die dumm-dämliche sprachliche Gestaltung des jeweiligen Librettos ist! WAS gesagt wird, passt ja, aber nicht, WIE es gesagt wird – es ist ein Jammer, dass Humperdinck keine ernstzunehmenden Librettisten zur Verfügung hatte: So muss man in den Königskindern 2½ Stunden lang Reime erdulden auf dem Niveau von „Nein, zum König taugen nicht junge Knaben, einen langen Bart muss der König haben!“ oder „Einer Königin warst du mitgenommen, eine Gänsemagd mag dich bekommen. Gabst du dein grün’ Gewind dem Königssohne, so schenkt er dem Bettelkind seine rote Krone.“ oder „Hei, hei Tandaradei! Da fand er das Hahnenei!“. Naja. In dieser Hinsicht fast so schlimm wie Webers Oberon (aber insgesamt sind die Königskinder natürlich viel besser).


    Sehr stark gewonnen hat die Aufführung durch die fabelhafte Inszenierung von Frank Hilbrich (Bühne von Volker Thiele, Kostüme von Gabriele Rupprecht), die mit sparsamen Mitteln beeindruckende und gleichzeitig sängerfreundliche Bilder erschuf. Gegen diese Inszenierung habe ich nur einen einzigen Einwand (siehe das Ende dieses Absatzes); es handelt sich um eine ausgezeichnete Arbeit, die auch durch Detailarbeit hervorsticht (beispielsweise verbindet sich der Spielmann gut sichtbar die Wunde, und es gibt gut durchdachte Interaktionen in den Massenszenen). Das Märchen wird märchenhaft erzählt, mit sparsamen Kulissen, die genau die richtige Wirkung erzielen, und nicht ohne einen Ausblick auf die sehr wohl vorhandene tiefere Bedeutung dieser Erzählung zu geben! Hervorragend! Dass ein wesentlicher Aspekt der Handlung (die charakterliche und sexuelle Entwicklung der beiden Königskinder) meiner Beobachtung nach vom Regisseur ignoriert worden war, hat mich nicht gestört - das hätte man allerdings noch herausarbeiten können (oder es ist von mir unbemerkt ohnedies geschehen).


    Hingegen sind meine Einwände gegen die Sänger nicht wenige. Sieglinde Feldhofer sprang als Gänsemagd ein und hinterließ einen im großen und ganzen positiven Eindruck. Der Ansage vor Beginn war zu entnehmen, dass sie zwar als Cover vorgesehen war, aber erst am Freitag (vorgestern) von ihrem Einsatz erfahren hat und seitdem die Rolle angeblich Tag und Nacht durchgelernt hat. Unter diesen Umständen eine sehr gute Leistung; unter „normalen“ Umständen würde ich anmerken, dass sich ihre Stimmfarbe in der Höhe zu stark veränderte. Trotzdem war sie die beste Titelrollensängerin, denn Maximilian Schmitt als Königssohn erinnert mich stimmlich (und optisch) an Mauro Peter (der von manchen Gehörlosen ja sogar als zweiter Fritz Wunderlich gepriesen wird): Seine Stimme ist ja durchaus schön, aber was nützt das, wenn sie in der oberen Lage quasi nicht mehr vorhanden ist? Die Töne müssen dann irgendwie seltsam fahl produziert werden, außerdem hat er viel zu wenig Durchschlagskraft. Zu meiner Überraschung ein Totalausfall war der ansonsten verlässliche Markus Butter als Spielmann (die wahre Hauptrolle dieser Oper). Zunächst vermutete ich eine nicht angesagte Indisposition, allerdings gewann ich im Laufe des Abends immer mehr den Eindruck, dass die Stimme im wesentlichen schon ruiniert ist (wahrscheinlich bedingt durch das Thomas-Hampson-Syndrom, das heißt: längere Zeit mit einer nicht perfekten Technik zu schwierige Rollen gesungen zu haben): Die Stimme ist fahl, kernlos, viel zu leise, und generell hatte ich den Eindruck, dass er die ganze Zeit, anstatt frei zu singen, so seltsam in sich hineinsingt (und das rächt sich jetzt); viele wichtige Stellen wie beispielsweise „Willst du ein Königskind dich heißen, musst du eigen den Zauber zerreißen. Tapfer, wer nimmer der Furcht empfunden; tapferer, wer die Furcht überwunden.“ waren so, als ob sie gar nicht gewesen wären. Schade! (Ich höre gerade Hermann Prey mit „Verdorben! Gestorben!“ auf Youtube, der war ein ganz anderes Kaliber!) Sozusagen rollendeckend war Christina Baader als Hexe: Eigentlich kann man ihr nichts vorwerfen, außer dass ich mir Ausdruck und Dämonie gewünscht hätte. Das kann aber noch kommen, die Sängerin ist ja noch recht jung. (Iris Vermillion wäre DIE Interpretin!) Unter den Nebenrollen fiel Wilfried Zelinka als Holzhacker positiv auf, die übrigen Sänger bewegten sich im halbwegs akzeptablen Bereich. Ganz besonders positiv hervorheben muss ich noch Victoria Legart, die mit einer ausgezeichneten Kinderstimme die zahlreichen Solo-Stellen der des Besenbinders Tochter zum Besten gab (ich hoffe, dass man in den nächsten fünfzehn Jahren nichts von ihr hört und sich in dieser Zeit ihre Stimme behutsam entwickeln kann!). Überhaupt war der gesamte Kinderchor super, verglichen mit den oftmals katastrophalen Leistungen des Kinderchors der Wiener Staatsoper! Chor,Orchester und dem Dirigenten Marius Burkert kann ich nur ein Pauschallob aussprechen, da ich das Werk eben nicht kannte – allerdings hat mir die Orchesterleistung ausgezeichnet gefallen.


    Insgesamt war es den zahlreichen gesanglichen Mängeln zum Trotze eine beeindruckende Vorstellung mit einem zu Unrecht so selten gespielten Werk. Nicht verpassen! Wichtiger Hinweis für alle, die mit dem Zug kommen: Ende um 18:12 bei einem Beginn um 15:00.


    Für mich bleibt nur die Frage, wieso an der Wiener Staatsoper Hänsel und Gretel in einer völlig nichtssagenden Inszenierung 2015 gebracht werden musste, wenn es das Werk ohnehin an der Wiener Volksoper gibt (wo die beiden Produktionen seitdem mehr oder minder parallel aufgeführt werden)?! Noch dazu an der Staatsoper mit irgendwelchen Ensemblesängern, wenn man auch DEN Besenbinder engagieren hätte können (nämlich Franz Grundheber; jeder andere in Wahrheit undenkbar). Stattdessen wäre das doch angebracht gewesen, Humperdincks Königskindern zur LÄNGST überfälligen Erstaufführung an der Wiener Staatsoper zu verhelfen! DIESES Werk gehört dorthin (und zwar z.B. mit Florian Boesch als Spielmann), nicht das nur bedingt ernstzunehmende Hänsel und Gretel. Aber naja, diese Einfallslosigkeit ist man vom Wiener Staatsoperndirektor schon gewohnt. Glücklicherweise sind wir ihn bald los, denn es kann wirklich nur mehr besser werden!


    Übrigens: 2020/21 kommt in Linz La Juive von Halévy!

  • Mi., 25. Dezember 2019: WIEN (Volksoper): Engelbert Humperdinck, Hänsel und Gretel

    Hänsel und Gretel am Christtag in der Volksoper um 17:00 – das ist natürlich eine Kindervorstellung: Ganz kleine Kindern, die noch nicht sprechen können, in die Oper mitzunehmen, ist natürlich Schwachsinn, aber allgemein war auch heute zu merken, dass sich die Erwachsenen deutlich lästiger als die Kinder zu verhalten pflegen (ich habe tatsächlich zwei ca- 25 bis 30jährige gesehen, die ein Selfie WÄHREND der Aufführung machten). Wie auch immer, wenn man sich einen Stehplatz sucht, von dem man nur einen Teil des Zuschauerraums sieht, ist auch eine Kindervorstellung trotz dem Lärmpegel erträglich (übrigens: „trotz“ steht mit Dativ und nur mit Dativ, auch wenn mir das einige nicht glauben).


    Hänsel und Gretel wird an der Volksoper (wohin das Stück auch gehört, nämlich nicht in die Staatsoper) seit 1985 in der Inszenierung von Karl Dönch (Bühnenbild und Kostüme von Toni Businger) gezeigt, und auch als Nicht-Fan traditioneller Produktionen muss ich einräumen, dass die Arbeit handwerklich sehr gut gemacht ist. Wenn man eine konservative Produktion sehen möchte, ist man mit der Dönchschen sehr gut beraten. Die Produktion kann, wenn es nach mir ginge, noch die nächsten 50 Jahre am Spielplan stehen, denn sie erfüllt ihren Zweck. Irritierend finde ich, dass die Hexe beim Zauberspruch elektronisch verstärkt/verzerrt wurde, aber das ist sicher nicht dem schon längst verstorbenen Regisseur anzulasten.


    Der große Pluspunkt der Aufführung war das Volksopernorchester unter der Leitung Christof Prick, das heute deutlich besser als üblich klang. Anita Götz hat mir als Gretel sehr gut gefallen, für diese Rolle an diesem Haus passt ihr heller Sopran. Elvira Soukop war allerdings kein guter Hänsel, denn ihre Stimme klingt in jeder Lage anders bzw. hört sich permanent irgendwie verkrampft an (soweit ich es mit bloßem Auge erspähen konnte, sperrte sie auch beim Singen den Mund fast dauernd auf). Elisabeth Flechl war eine sehr gute Mutter, während Morten Frank Larsen auch in der recht kurzen Rolle des Besenbinders zeigte, dass die Stimme schon fast komplett ruiniert ist (wie immer ging es genau zehn Minuten lang gut, dann hatte er große Stimmprobleme, vor allem am Schluss). Ulrike Steinsky ist als Knusperhexe genau richtig eingesetzt, auch wenn ihre Stimme von Jahr zu Jahr weniger wird. Für mich am spannendsten waren die Sängerinnen zweier Nebenrollen, weil ich diese noch nicht gehört hatte: Ghazal Kazemi (Sandmännchen) war ausgezeichnet und ist ein Gewinn fürs Ensemble, was ich von Lauren Urquhart (Taumännchen) nicht sagen kann: Laut Homepage ist sie „mit 22 Jahren eine der jüngsten Sängerinnen, die je fix ins Ensemble der Volksoper Wien aufgenommen wurden“, und die Stimme klingt in der Höhe noch unausgebildet. Soweit ich es von heute beurteilen kann, wäre es für sie sehr ratsam, die Technik zu verbessern und dann mit 25 wiederzukommen.


    Insgesamt hat mir‘s im großen und ganzen gefallen. Trotzdem ärgerlich, dass von Humperdinck so gut wie nur Hänsel und Gretel aufgeführt wird und man die (viel besseren) Königskinder mit der Lupe suchen muss.

  • Fr., 24. Jänner 2020: WIEN (Staatsoper): Richard Strauss, Salome

    Derzeit kann man sich des Wiener Kultur-Überangebots der Salome kaum erwehren – aber die Produktion im Theater an der Wien wird von mir trotz der grandiosen Marlis Petersen ignoriert, denn eine Orchesterfassung, die die Anzahl der Musiker von über 100 auf knapp die Hälfte reduziert, höre ich mir auch nicht an, wenn man mit 50 Euro drauflegt. (Wem ist denn dieser Blödsinn eingefallen? Typisch Theater an der Wien!)


    Insofern habe ich mir heute wieder einmal die Staatsopern-Salome angehört. Nein, das war heute keine solide Repertoireaufführung, das war eine insgesamt indiskutabel. Ich hätte auf den Freund hören sollen, der mir am Montag „W A R N U N G vor der Salome“ schrieb… Naja, im nachhinein ist man immer gescheiter.


    Aber nicht alles war schlecht, und die vergleichsweise beste Leistung kam von Michael Volle – ich bin nicht unbedingt ein Fan seiner etwas langweiligen, eindimensionalen Stimme, aber der Jochanaan IST ja auch ein eindimensionaler Charakter, das haut hin! Dass er zwischendurch mal zu früh einsetzte, sich nicht exakt an den Notentext hielt – geschenkt! Insgesamt passte seine Leistung. Ebenfalls in Ordnung war die Salome von Lise Lindstrom: Ja, die Stimme ist nicht schön, ihr Gesang entbehrt einer durchgehenden Linie (sie setzt die Töne großteils dorthin, wo sie hingehören, aber halt auch nicht mehr), die Stimme hat kein tiefes Fundament, aber immerhin war’s halbwegs effektvoll. Gut ist freilich was anderes.


    Der Rest war mehr oder weniger zum Schmeißen: Herwig Pecoraro ist ein sehr verdienter Ensemblesänger, der dem Vernehmen nach heute seinen letzten Herodes gesungen hat – gut so. Er kennt die Partie, weiß, worauf es ankommt, und an den richtigen Stellen schimmerte noch der tenorale Glanz der vergangenen Jahre durch, aber in Summe war das viel zu wenig. Seine Technik ist nach wie vor hervorragend, deshalb hat er (geboren 1957) auch kein Wobble etc., sondern wird einfach nur immer leiser, und mittlerweile ist er deutlich ZU leise, darüber kann auch ein perfekt hinausgehautes und lang ausgehaltenes hohe b bei „Man töte dieses Weib“ nicht hinwegtäuschen (auch wenn er danach Luft holen musste). Abgesehen davon finde ich Pecoraro ohnehin nicht ideal, weil ich für den Herodes (zweifelsohne die wichtigste Rolle in dieser Oper) einen Heldentenor will, keinen Charaktertenor. (Gerne erinnere ich mich an Wolfgang Schmidt oder Jörg Schneider letztens.)


    Eine wirklich ganz üble Katastrophe war Waltraud Meier als Herodias, die uns Wiener seit ein paar Jahren als vollkommen indiskutable Klytämnestra und Waltraute belästigt (demnächst beide Rollen wieder), muss sie das jetzt auch als Herodias tun? Einfach furchtbar, die Stimme ist überhaupt nicht mehr da, sie kann aber auch mit Ihren Stimmresten überhaupt keinen Effekt erzeugen. Da darf man gar nicht dran denken, was Iris Vermillion, Linda Watson, Jane Henschel, Elisabeth Kulman etc. unlängst aus dieser Rolle machten – hat es Frau Meier wirklich notwendig, im Spätherbst ihrer Karriere ihren Ruf so dermaßen zu beschädigen?! Das war heute ohne Übertreibung beinah so schlimm, als sich Gwyneth Jones weiland einbildete, die Herodias singen zu müssen (damals plante ein mittlerweile Ex-Stehplatzler, nach „Achte nicht auf die Stimme Deiner Mutter“ laut „Bravo!“ zu rufen).


    Aus dem restlichen Ensemble sind einzig und allein Thomas Ebenstein (1. Jude) als positiv und Ulrike Helzel (Page) und Marcus Pelz (1. Soldat) als neutral zu nennen – ALLE anderen Sänger boten INFERIORE Leistungen, und dieses Desaster ist die Schuld des Noch-Direktors. Es waren Carlos Osuna (ein Narraboth so, als ob er gar nicht gewesen wäre), Peter Jelosits (2. Jude, mittlerweile vollkommen ausgesungen), Pavel Kolgatin, Benedikt Kobel, Ryan Speedo Green, Alexandru Moisiuc, Hans Peter Kammerer und Dan Paul Dumitrescu. Gut so, dass der neue Direktor einen Kahlschlag im Ensemble plant, denn was sich heute so auf der Staatsopernbühne tummelte, war ihrer in keiner Weise würdig. Da gibt’s in JEDEM Stadttheater viel bessere Leute!!


    Meine Freude war groß, als ich vom Einspringen des von mir außerordentlich geschätzten Michael Boder erfuhr, aber heute hatte er es mit einem neben sich stehenden Orchester zu tun (vielleicht vom gestrigen Philharmoniker-Ball nicht fit?). Dass ganz am Ende das gesamte Orchester hinausgeflogen ist, hat wirklich JEDER mitbekommen (auch meine Stehplatznachbarn, die mit Oper nichts am Hut haben), aber auch sonst hab ich die Salome schon viel besser vom Staatsopernorchester gehört. Boder bemühte sich merklich um Balance und Dynamik, stand aber auf verlorenem Posten. Schade – aber das war heute auch schon wurscht. Man kann nur auf eine Besserung ab September 2020 hoffen.

  • Do., 30. Jänner 2020: WIEN (Staatsoper): Antonín Dvořák, Rusalka

    Nachdem ich heute wieder die Rusalka gehört hab: Ich liebe diese Oper nach wie vor, aber ich komm langsam drauf, dass sie musikalisch schon seeehr einfach gestrickt ist. Ist schon lang nicht mehr meine Lieblingsoper...


    Außerdem halte ich es für großen Schwachsinn, dieses so zu Herzen gehende Stück in einer Sprache (Tschechisch) zu spielen, die nur wenige im Wiener Publikum verstehen. Im Grunde genommen sind die Aufführungen in Nicht-Landessprache die reinste Perversion (wenn auch eine mittlerweile international leider übliche).


    Die Leistungen waren insgesamt durchschnittlich: Olga Bezsmertna ist eine solide Hausbesetzungs-Rusalka, kommt aber (vor allem hinsichtlich der viel zu unruhigen Stimmführung) in keiner Hinsicht an die Premierenbesetzung Krassimira Stoyanova (schade, dass diese wunderbare Sängerin in der heurigen Spielzeit nur bei Verdi eingesetzt ist!) heran. Piotr Beczała ist wohl einer der derzeit weltbesten Interpreten des Prinzen, dennoch nicht fehlerfrei: teilweise super, teilweise klingt die Stimme belegt und eher zu leise. Deutlich unter den Erwartungen war Jongmin Park in der so wichtigen Rolle des Wassermanns, der einige Jahre lang tolle Leistungen gebracht hat, in den letzten Monaten aber deutlich nachlässt!! Früher hatte er wunderschönes Legato, heute wechselten sich sehr gute Passagen mit vielen beiläufig gesungenen ab, die obendrein technische Defizite (zu schlechte Höhe) offenbarten. Was ist los mit ihm?


    Sehr erfreulich hingegen Monika Bohinec als Ježibaba und Elena Zhidkova als Fremde Fürstin (wenn auch letztere mit zu starkem Scheppern). Unter den kleinen Rollen fiel Szilvia Vörös als zweite Elfe positiv auf, negativ allerdings Diana Nurmukhametova als erste Elfe mit einem flackernder, unschöner und leiser Stimme.


    Die Leistung des Orchesters der Wiener Staatsoper war zwiespältig: Die Orchestereinleitung zum ersten Akt war extrem übel, da ist jedes Musikschulorchester besser, und auch im Verlauf des Abends störten insbesondere die Hornisten mit Patzern am laufenden Band, peinlich!!! Anderseits dirigierte Tomáš Hanus ganz wunderbar: Farben und Schattierungen malten die seelische Tragödie, die in dieser nichtssagenden Unglücksproduktion von Sven-Eric Bechtolf kaum zu sehen ist. Die erste halbe Stunde war mir zu langsam dirigiert, danach war es in Ordnung.


    In ein paar Stunden gehts nach Prag zum Lohengrin. Ob das gescheit ist...?

  • Fr., 31. Jänner 2020: PRAHA/PRAG (Nationaltheater): Richard Wagner, Lohengrin

    Jedem, der eine Zeitreise in der Operngeschichte unternehmen möchte, sei ans Herz gelegt, am So., 2. Feber nach Prag zu fahren, denn dann wird dort zum letztenmal das Remake der Lohengrin-Produktion aus dem Jahre 1967 von Wolfgang Wagner gespielt, und auch für mich als bekennenden Freund des sogenannten Regietheaters war die Aufführung ein lohnendes Erlebnis. Die Stärke dieser Produktion ist das Bühnenbild: historisch, aber nie überladen, und durch Lichteffekte können Stimmungen gut vermittelt werden (beispielsweise wunderbar zu sehen, wie sich im Laufe des zweiten Aktes das Rotlicht der Nachtszene zum Tageslicht verwandelte bzw. wie im ersten und dritten Akt ein schemenhafter Schwan im Hintergrund erschien), allerdings gibt es zwei deutliche Kritikpunkte: Erstens ist die Personenzeichnung viel zu eindimensional (Telramund und Ortrud werden nicht näher hinterfragt; keine Spur davon, dass beide im Grunde genommen unglückliche Menschen sind), und zweitens wird fast dauernd bloß herumgestanden (wenn auch nicht ganz so furchtbar wie im sterbenslangweiligen Tristan von Heiner Müller): Sänger A tritt vor, singt, tritt wieder zurück, dann tritt Sänger B vor, singt, tritt wieder zurück - und das nervt. Vorschlag: einen tollen Regisseur engagieren, um gute Personenführung in dieses Bühnenbild zu bringen.


    Zu den Sängern möchte ich mich nur knapp äußern in Anbetracht dessen, dass ich es zwar nicht sicher weiß, aber um viel Geld wetten würde, dass elektronisch verstärkt wurde - und was soll dieser Schwachsinn?!? Das ist die Bankrotterklärung der Oper, und das meine ich genau so, es ist keine Übertreibung.


    Aleš Briscein ist ein toller Sänger, überschreitet mit dem Lohengrin aber seine Grenzen. Auch wenn er an den erforderlichen Stellen ("aus Glanz und Wonne kam ich her") stimmlich gut attackieren kann, kommt er insgesamt mit der Partie zu 80 Prozent nicht zurande. Fast hätte ich ihn für das mustergültige langsame Abschwellen der Lautstärke bei der "Taube" in der Gralserzählung gelobt, aber ich weiß nicht, ob die elektronische Technik da nicht mitgeholfen hat... (weil es gleich danach massiv übersteuert war und ganz allgemein in der Vorstellung die bewussten Konsonanten deutlich hervorstechend zu hören waren - eine SCHANDE für die Prager Oper). Die Elsa der Dana Burešová hörte sich an wie eine Parodie: möglichst laut, möglichst scharf, möglichst wortundeutlich. Erfreulicher hingegen das andere Paar: Martin Bárta ist ein Heldenbariton par excellence, wenngleich er heute einmal in der Höhe an seine Grenzen stieß; nichtsdestoweniger lieferte er die beste Leistung des Abends. Die zweitbeste Leistung kam von Eva Urbanová, deren Ortrud man die bereits lange Karriere anmerkte, deren - unter anderem - Entweihte Götter aber sehr imposant waren, und darauf kommt es ja bei der Ortrud an. Jiří Sulženko klang als König Heinrich so ähnlich wie Karl Ridderbusch in seiner schlechten Zeit. Jiří Brückler war ein wohltönender Heerrufer, leider ist diese Rolle ziemlich kurz.


    Die großen Gewinner des heutigen Abends saßen aber im Graben: Die Wiener Philharmoniker haben letztens inferiore Leistungen gebracht, hingegen war das Orchester des Prager Nationaltheaters unter Robert Jindra ausgezeichnet. Ebenfalls sehr loben muss ich den Chor (Chor des Prager Nationaltheaters und Chor der Prager Staatsoper) UND das Publikum, das auch aus zahlreichen interessiert wirkenden und sich diszipliniert verhaltenden jungen Leuten bestand (damit meine ich nicht mich und eine gleichaltrige Freundin, die mit war, sondern zahlreiche andere Besucher). Welch ein Kontrast zu Wien!

  • Sa., 8. Feber 2020: WIEN (Staatsoper): Ludwig van Beethoven, Fidelio (Fassung 1805)

    Anlässlich des heurigen Beethoven-Jubiläums brachte die Wiener Staatsoper die Fidelio-Fassung von 1805 („Urfassung“) szenisch heraus, die ich schon im Oktober 2017 im Theater an der Wien konzertant gehört habe. Obgleich ich sämtliche Beethoven-Aktivitäten des heurigen Beethoven-Jahres zu meiden versuche, war ich heute dort – und vor der Pause war’s zwar wirklich fad (das liegt aber am Stück, nicht an der Aufführung), nach der Pause hat es mir gut gefallen.


    Es ist schon klar, dass die Regisseurin Amélie Niermeyer im konservativen Wien einen Empörungssturm provoziert, wenn sie eine gegen den Strich gekrempelte Fidelio-Fassung auf die Bühne bringt, aber mir gefällt das Resultat großteils: Die Dialoge wurden gestrichen und hauptsächlich durch Quasi-Monologe ersetzt, die die Leonore-Sängerin mit einem alter ego führt. Die Geschehnisse während des Gefangenenchors wie auch das Jubelfinale träumt Leonore nur, die von Pizarro „wirklich“ erstochen wird. Ja, die Hälfte vor der Pause enthält einfach zu wenig gute Musik für diese Länge und wird daher fad, aber auch wenn das Ende der zweiten Hälfte nicht mehr glaubhaft erscheint, war die zweite Hälfte für mich deutlich besser. Stärke der Produktion ist aber nicht das Konzept, sondern die Detailarbeit: Rocco nicht als Walter-Fink-mäßiger, gutmütiger, verschmitzter Kerkermeister, sondern als Pizarros geldgieriger Spießgeselle, Marzelline, die genau versteht, dass „Fidelio“ eine Frau ist und trotzdem an „ihm“/ihr Gefallen findet etc. Wirklicher Schwachpunkt der Produktion ist die sprachlich-stilistische Ebene der Textfassung von Moritz Rinke, die in piefkinesischem Deutsch geschrieben ist, und wenn man schon einen Norddeutschen für eine in Wien gespielte Fidelio-Textfassung verpflichtet, sollte man dessen Texte der in Österreich gesprochenen Schriftsprache anpassen.


    Besonders gut gefallen hat mir das Orchester der Wiener Staatsoper unter Tomáš Netopil; offenbar wurde geprobt, da passierten dann nicht solche Schnitzer wie in den letzten beiden von mir besuchten Aufführungen und dem Vernehmen nach auch im gestrigen Otello. Auch der Chor hat mir super gefallen, von den beiden Gefangenen Oleg Zalytskiy und Panajotis Pratsos abgesehen; diese Rollen sind zwar klein, aber zu wichtig, um sie bloß durchschnittlichen Chorsängern anzuvertrauen.


    Benjamin Bruns war als Florestan (dessen Partie in der 1805er-Fassung deutlich lyrischer angelegt ist als in der vertrauten Fassung) ausgezeichnet, da wächst ein toller Tenor heran! Ebenso gut war Jörg Schneider als Jaquino, allerdings ist der Jaquino ja sehr unproblematisch. Jennifer Davis war eine gute Leonore, zu einer sehr guten fehlt es noch an stimmlicher Durchschlagskraft und Gestaltung (ich weiß, dass nicht alle dieser Meinung sind, aber MEINE Leonore ist Waltraud Meier, als sie im Gegensatz zu jetzt noch gut singen konnte). Ein guter Rocco wurde unverkennbar (und das meine ich jetzt positiv) von Falk Struckmann gegeben. Ein wirkliches Desaster war Thomas Johannes Mayer, der als Pizarro so klang wie immer, nämlich heiser, kraftlos, fahl und mit Druck auf die Stimme, für mich nicht auszuhalten. Chen Reiss war eine wirklich schlechte Marzelline, und Clemens Unterreiner ergänzte als Minister ganz passabel.


    Ich bin gespannt, ob die Produktion unter Roščić noch zu sehen sein wird; vermutlich wohl eher nicht.

  • So., 9. Feber 2020: WIEN (Staatsoper): Richard Strauss, Elektra

    Elektra ist eindeutig die beste Strauss-Oper, die bringt auch die Blödsinns-Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg nicht um. Mittlerweile habe ich mich schon weitgehend an sie gewöhnt; der lächerliche „Tanz“ gegen Ende wurde glücklicherweise mittlerweile deutlich entschärft, und jetzt müssten noch die beiden viel zu früh kläffenden Köter verschwinden, dann wäre die Produktion halbwegs erträglich. Wie man in letzter Zeit aber immer öfter hört, soll aber unter Bogdan Roščić die hervorragende Vorgängerproduktion von Harry Kupfer reaktiviert werden, und wenn das stimmt, dann wäre es die beste die Staatsoper betreffende Nachricht seit Ewigkeiten. Eine NOCH bessere Nachricht wäre freilich, wenn man die Elektra endlich mal ungekürzt spielte!!!


    Gewinnerin des Abends war Simone Schneider in der sauschweren Rolle der Chrysothemis. Ja, ihr Gesang berührte mich heute zwar nicht (im Gegensatz zu ihrer Kaiserin, 2017 in Leipzig), aber stimmlich war’s sehr gut, und ihr gewöhnungsbedürftiges Timbre störte überhaupt nicht. Eine recht gute Besetzung war Christine Goerke in der Titelrolle. Man hat zwar recht wenig vom Text verstanden, und ein scharfer Registerbuch war nicht zu überhören, aber die Mittellage ist ausgezeichnet, und insgesamt passte das schon. Die zarten Lyrismen nach der Wiedererkennung habe ich selten so schön gehört wie heute, dafür hat ihr im Finale die stimmliche Kraft ziemlich gefehlt, aber was soll’s. Ein Totalausfall war Waltraud Meier als Klytämnestra, die zwar in den letzten Jahren in dieser Rolle deutlich schlechter als heute tönte (heute war es bis zum „Ich will hinunter. Lasst, lasst, ich will mit ihr reden.“ viel besser als üblich, aber danach kam nichts mehr), die aber nichtsdestoweniger alles schuldig blieb, was eine gute Klytämnestra ausmacht (das Maß aller Dinge der Gegenwart ist die enorm unterschätzte Iris Vermillion!!!). Blass und farblos blieb Michael Volle als Orest, und wenn ihn ein Merker-Schreiber tatsächlich als den besten Wiener Orest der letzten 15 Jahre bezeichnet, so hat er offenbar Falk Struckmann und andere Sänger nicht gehört. Recht gut Norbert Ernst als Aegisth (er war schon besser), und die Nebenrollen zogen sich ziemlich unterdurchschnittlich aus der Affäre (Dan Paul Dumitrescu schaffte es, in der Sechs-Wörter-Rolle des Alten Dieners negativ aufzufallen, Marcus Pelz hinterließ einen negativen Eindruck in der nicht viel größeren Rolle des Pflegers; dafür war Thomas Ebenstein als Junger Diener ganz okay). Semyon Bychkov am Pult wähle einen gewaltigen, radikalen, zupackenden Zugang, und das passt ja generell sehr gut, und heute verzichtete er glücklicherweise darauf, ganz am Ende das Tempo massiv anzuziehen (dem Vernehmen nach war da in der vorigen Aufführung Chaos im Orchester); insgesamt gehört er mit Michael Boder und Ingo Metzmacher zu den drei besten Elektra-Dirigenten, die ich in Wien gehört habe. Aus dem Staatsopernorchester drangen zwar einige Schnitzer (vor allem bei den Hörnern), die aber durch die insgesamt ausgezeichnete Orchesterleistung fast entschädigt wurden.

  • Do., 20. Feber 2020: BRATISLAVA/PRESZBURG (Neues Opernhaus): Antonín Dvořák, Rusalka

    Bratislava – das war bis zum Jahr 2018 opernmäßig ein Geheimtipp und fast immer einer Fahrt wert. Von Wien mit dem Zug oder Bus super zu erreichen, sehr billige Opernkarten, spannendes Programm, interessante Produktionen, gute Sänger, gute Nachtverbindung nach Wien, einfach perfekt. Gerne erinnere ich mich an Janáčeks Sache Makropulos, Wolf-Ferraris Schmuck der Madonna, Ravels Spanische Stunde, Puccinis Trittico, Halévys Jüdin, Puccinis Bohème, Szymanowskis König Roger, Suchoňs Krútňava, Cavalleria/Bajazzo etc etc. 2018 gab es allerdings finanzielle Zores und Posten-Umbesetzungen, seitdem ist das Programm dort mit einem Wort ÖDE, ÖDE, ÖDE. Wer eine spannende Spielplangestaltung außerhalb Wiens schätzt, muss derzeit auf Brünn/Brno ausweichen, denn in Bratislava ist das Programm eine halbe Katastrophe. Wurden früher hervorragende Regisseure wie Konwitschny (schon lange kein Provokateur mehr) beschäftigt, fühle ich mich jetzt dort in die szenische Einfallslosigkeit zurückversetzt: Der Tiefpunkt war der Don Carlo, aber die Neuproduktion der Rusalka, deren erste Premiere ich heute miterlebt habe (die zweite Premiere in anderer Besetzung folgt übermorgen), ist keine Trendumkehr.


    Doch das Wichtige sind natürlich die Sänger, und da war ich überwiegend sehr zufrieden: Eva Hornyáková war in der Titelrolle aufgeboten und hinterließ einen guten Eindruck. Es ist ihr überhaupt nichts vorzuwerfen, aber einen „sehr guten“ Eindruck hätte sie dann hinterlassen, wenn ihr Timbre klangvoller, schmalziger wäre: So hat sie alles richtig gemacht und konnte durch innige Gestaltung auch berühren, aber ihr Timbre ist einfach nicht optimal für die Rusalka... nicht ihre Schuld. Positiv überrascht war ich von Peter Berger, um den ich generell einen großen Bogen mache, der sich aber heute deutlich verbessert zeigte: Die Stimme ist eigentlich prachtvoll, ein „kerniger“ Tenor, der attackieren kann, aber mit einigen Unarten (Herausdrücken der hohen Töne aus dem Brustkorb), die sich heute allerdings deutlich weniger ausgeprägt zeigten als bisher. Freilich: Einen Ton in der Schlussszene im Falsett zu singen ist ziemlich peinlich. Hervorragend besetzt war der Wassermann mit Peter Mikuláš, der übrigens bei den Schlussvorhängen eine stärkere Zustimmung als die übrigen Sänger für sich verbuchen durfte: Für den Wassermann passt er optimal: Was für ein toller Sänger! Heute zeigte die herrliche Stimme des seit den 1970er-Jahren an der Oper Bratislava beschäftigten Sängers fast keinerlei Abnützungserscheinungen, und ihr Besitzer bot mit hervorragendem Material und ausgezeichneter Gesangskultur (Pianofähigkeit und super Technik) eine sehr erfreuliche Leistung. So gut wie heute habe ich ihn nur selten gehört, er sollte unbedingt an der Wiener Staatsoper singen. Sein Wassermann ist eindeutig gutmütig, es tut ihm wirklich leid um Rusalka, seine Verfluchungen und Warnungen kommen mehr bemitleidend als zornentbrannt. Eine Luxusbesetzung war Jolana Fogašová, die zeigte, dass man die Fremde Fürstin gleichzeitig schön und bedrohlich singen kann (endlich einmal eine richtige Sängerin in dieser Rolle und keine halb-ausrangierte dramatische [Mezzo-]Sopranistin!). Denisa Hamarová war eine rollendeckende Ježibaba mit eher trockener Stimme (gerne würde ich übermorgen die Alternativbesetzung Jitka Sapara-Fischerová hören, aber nur wegen einer Ježibaba fahr ich nicht nach Bratislava; na gut, Adriana Kohútková als Fremde Fürstin kann man sich auch guten Gewissens anhören). Katarína Flórová als Küchenjunge und Daniel Čapkovič als Heger waren sehr gute Besetzungen, wobei letzterer als auch als Jäger besetzt war und in dieser sehr kurzen Rolle die Stilistik komplett verfehlte, da er sie eher im Stil eines Verdibaritons anlegte. Sehr gut gefallen haben mir die drei Elfen: Lenka Máčiková, Adriana Banásová und Alena Kropáčková. Das Orchester leistete sich nur wenige Patzer (jedenfalls viel weniger als Ende Jänner das Wiener-Staatsopernorchester in der Rusalka) und gefiel mir ziemlich gut (von zwei Hornpatzern abgesehen, aber dass sich zeitweise die Querflöten zu sehr in den Mittelpunkt drängten, könnte auch auf dem Mist des Dirigenten gewachsen sein). Der noch recht junge Dirigent Ondrej Olos ist noch kein Meister seines Faches, dazu sind seine Tempovorstellungen zu ungleichmäßig: zeitweise (insbesondere am Ende des zweiten Aktes) deutlich zu langsam, dann wieder Vollgas bei den Humptata-Stellen... das geht nicht.


    Tja, und die Inszenierung von Martin Kákoš (Bühnenbild von Milan Ferenčík, Kostüme von Ľudmila Várossová) ist so übel nicht: Es handelt sich um eine vollkommen „klassische“ Produktion im Disney-Otto-Schenk-Stil, das kann man mögen, muss man aber nicht. Eine psychologische Ausdeutung ist nicht einmal ansatzweise vorhanden, dafür ist das Bühnenbild recht gelungen, von den Holzstäben (wir sagen dazu „Stempfel“, ich kenne den schriftdeutschen Begriff nicht) am Steg des ersten und dritten Aktes abgesehen, an denen der Wassermann öfter als einmal hängen blieb. Der zweite Akt ist eher im 50er-Jahre-Opernregiestil, und das Ende des dritten Aktes ist so kitschig, als es nicht kitschiger sein könnte, aber na ja, man weiß, was man bekommt. Eher ärgerlich sind die Kostüme: Der Wassermann mit wallendem Umhang, Perücke und aufgeklebtem Rauschebart wie eine Mischung aus Dumbledore und Merlin, der Prinz im zweiten Akt wie eine Mischung aus Priester und Matrose, ein extravagantes Kostüm der Ježibaba und sehr ulkige Gewänder der drei Elfen, aber man gewöhnt sich daran. Die Personenführung ist weder einfallsreich, noch störend, zeitweise ist die Bühne zu voll mit Tänzern. Insgesamt trifft die Produktion nicht meinen persönlichen Geschmack, sie ist mir aber lieber als eine missglückte „moderne“.


    Ende um genau 22:22, der 22:38-Zug nach Wien geht sich also nicht aus (aber es gibt noch einen um 23:15, mit dem man am Hauptbahnhof die letzte U1 ohne Rennen kriegt). Tschechische Sprache, deutsche Übertitel. Stark besuchtes Haus.

  • So., 8. März 2020: GRAZ (Opernhaus): Engelbert Humperdinck, Königskinder

    Am 22. Dezember 2019 hatte ich bereits die Grazer Produktion der viel zu selten gespielten Humperdinckschen Königskinder erlebt und war schon damals angetan - der positive Eindruck wurde heute noch um ein vielfaches verstärkt. Wer meine Texte regelmäßig liest, weiß, dass ich nur wirklich Gutes lobe und Schlechtes konsequent verreiße, aber die heutige Aufführung würde ich in ihrem Gesamtpaket als mein unbestrittenes Opern-Highlight der bisherigen Saison 2019/20 bezeichnen.


    Zumal im Bericht vom Dezember schon einiges ausführlich beschrieben ist, fasse ich heute kurz: Für die größte Überraschung sorgte Maximilian Schmitt, der sich in viel besserer Verfassung als im Dezember präsentierte (damals krank?) und heute eine ausgezeichnete Leistung ablieferte, wie auch Ivan Oreščanin als hervorragender Spielmann der Aufführung zu einem hohen Niveau verhalf (zeitweise sollte er noch weniger in sich hinein singen, aber es war nicht zu schlimm). Ebenfalls sehr gut besetzt waren die Gänsemagd mit Polina Pastirchak (zeitweise zu scharf in der Höhe) und wie auch im Dezember die Hexe mit Christina Baader. Alle Nebenrollensänger machten ihre Sache sehr gut (welch ein Konstrast zur Wiener Staatsoper); und Stephanie Fournier sang die Kinderrolle des Besenbinder-Töchterchens sehr gut, wenn auch nicht so grandios wie Victoria Legat im Dezember. Hervorragend die Grazer Philharmoniker (unter Marius Burkert) und der Chor der Oper Graz. Die Produktion von Frank Hilbrich, Volker Thiele und Gabriele Rupprecht ist sowieso fabelhaft.


    Ja, das war eine der GANZ seltenen Aufführungen, bei der wirklich ALLES passte (von der sprachlichen Gestaltung des Librettos abgesehen). Ebenfalls super die gemeinsamen Hin- und Rückfahrten sowie das rein zufällige Treffen in der Oper Graz jemandes, den ich seit über 5 Jahren nicht gesehen und komplett aus den Augen verloren hatte, also insgesamt ein super Opern-Ausflugstag. Den vordergründig sympathischen Spielmann (die wahre Hauptrolle dieser Oper) halte ich übrigens für eine ungute Figur, auch wenn er aus hehren Motiven handelt, aber letztlich ist der ganze Scherbenhaufen (Tod der Königskinder im Schnee) auf seinem Mist gewachsen. Wer hält dagegen?


    Und nun ein Schlusssatz: Wer die Grazer Königskinder verpasst, ist selbst schuld. Humperdinck hat nicht nur Hänsel und Gretel geschrieben, sondern auch die VIEL besseren Königskinder - diese Oper sollte man kennen. (Dass sie ein Jahr nach Strauss' Elektra uraufgeführt wurde, sollte man allerdings lieber ausblenden...)

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