Opernberichte der Saison 2020/21

  • Fr., 11. September 2020: WIEN (Staatsoper): Richard Strauss, Elektra

    „Wenn Elektra gespielt wird, dann ist das der Sollzustand, alle anderen Werke dienen nur zur Überbrückung bis zur nächsten Elektra.“ hat einmal ein Freund formuliert, und diese Aussage bestätigte sich heute einmal mehr. Nach corona-bedingter halbjähriger Musikpause (ein überraschender Besuch bei der Styriarte Mitte Juli in Graz zählt nicht) war es natürlich besonders schön, die beste Strauss-Oper, vielleicht sogar die beste Oper überhaupt, live zu hören. Dass das Stück WIRKLICH genial ist, merkt man sogar auch dann, wenn gerade einmal Franz Welser-Möst das (heute sehr gut disponierte) Staatsopernorchester dirigiert – ein Boder oder Metzmacher ist er nicht und wird er nie sein, aber Befürchtungen ob seiner (von mir ausdrücklich NICHT begrüßten) Rückkehr an die Staatsoper stellten sich als unnötig heraus.


    Obwohl ich, wie hoffentlich die meisten Besucher, in erster Linie wegen der Musik in die Oper gehe und Inszenierungen keine sonderlich große Bedeutung beimesse, habe ich mich riesig auf die Wiederaufnahme der hervorragenden, von Dominique Meyer aus vollkommen unverständlichen Gründen entsorgten Elektra von Harry Kupfer gefreut. Mit dieser Inszenierung habe ich 2011 und 2012 das Stück kennen- und lieben gelernt; von 2015 bis Feber 2020 wurde dem Staatsopernpublikum die in absolut jeder Hinsicht völlig missratene Laufenberg-Elektra vorgesetzt; und jetzt endlich gibt es wieder (hoffentlich möglichst lange) die handwerklich und künstlerisch tolle Kupfer-Produktion. Super! Diese mustergültige Inszenierung zu entsorgen, war eine Schnapsidee ersten Grades.


    Ein gutes Opernhaus erkennt man weniger an den zugekauften Stars, als vielmehr an der Qualität der „kleinen“ Ensemblesänger – und auch in dieser Hinsicht hat Bogdan Roščić dem heutigen Abend nach zu schließen ausgezeichnete Arbeit geleistet. Was wurde da schon im vorhinein alles über ihn geraunzt: von seiner Ö3-Vergangenheit über seine serbische Herkunft bis zum „radikalen Kahlschlag im Ensemble“, und bitte ganz ehrlich: Um alle Sänger, die dem Ensemble seit Beginn dieser Saison nicht mehr angehören, ist es doch kein bisschen schade (Ausnahme: Herwig Pecoraro)! Eine Entfernung derer, die u.a. als im Don Carlo(s) als Graf von Lerma oder als Erster Nazarener in der Salome oder als Arabella-Mutter regelmäßig das Publikum zusammenzucken ließen, war mehr als allerdringendst geboten. Umso erfreulicher, dass heute eine runde Ensembleleistung zu hören war und die zahlreichen neuen Ensemblemitglieder einen sehr guten Eindruck hinterließen.


    Ricarda Merbeth ist in der Berliner Lindenoper eine sehr gute Elektra (Feber 2019), in Wien „nur“ eine gute – das ist aber mehr, als ihr viele zugetraut haben. Es war zwar ziemlich „leichtgewichtig“, und man merkt, dass die Elektra eine Grenzpartie für sie ist und sie sich wohl auf Dauer damit keinen Gefallen tun wird, aber alles in allem war es eine gute Leistung, auch wenn ihr helles Timbre, das eher zu einer Daphne als zu einer Elektra passt, den Hörgewohnheiten dieser Rolle entgegensteht. Camilla Nylund ließ eine sehr, sehr gute Chrysothemis hören (zu einer perfekten fehlt noch der Feinschliff, der aber sicher noch kommen wird); Doris Soffel (nach über 30 Jahren wieder in der Wiener Staatsoper zu hören) war trotz ihrer (bedingt durch ihr hohes Alter) nicht mehr frischen Stimme eine sehr eindrucksvolle Klytämnestra (das gelingt beileibe nicht jeder Sängerin; den Damen Meier und Baltsa gelang das keineswegs; es ist völlig unverständlich, dass Doris Soffel in Wien jetzt erst als Klytämnestra zu hören war!). Jörg Schneider steuerte einen sensationell guten Aegisth bei (das hohe h bei „Sie morden mich!“ war bestens zu hören), Derek Walton einen soliden Orest (zeitweise hatte ich den Eindruck, dass er elektronisch verstärkt würde, aber bei den übrigen Sängern vermute ich das nicht). Unter den Nebenrollen stachen Regine Hangler (Vierte Magd) und Vera-Lotte Boecker (Fünfte Magd) besonders positiv hervor; markant im positiven Sinne war Michael Laurenz als Junger Diener.


    Insgesamt eine sehr gute Aufführung; dass es bei Elektra und Orest noch Luft nach oben gab, tat dem sehr guten Gesamteindruck keinen Abbruch. Das corona-bedingte Stehplatzsystem funktioniert sehr gut (auch wenn mehr Zeit fürs Anstellen drauf geht als in der vorigen Saison, aber man kann nicht alles haben).

  • Sa., 19. September 2020: WIEN (Staatsoper): Richard Strauss, Elektra

    Heute war es erneut eine sehr gute Repertoirevorstellung, deren Qualität stark deswegen gewann, weil heute nicht der fürchterliche Welser-Möst am Pult stand, sondern Alexander Soddy, den ich überhaupt nicht gekannt hatte, der aber ein ausgezeichnetes Dirigat brachte; ich freue mich auf seine Salome demnächst! Ricarda Merbeth und Doris Soffel fielen im Vergleich zur vorigen Aufführung leicht ab, dafür legte Camilla Nylund zu. Derek Welton ist ein guter Sänger, aber für den Orest viel zu freundlich (das Düster-Dämonische geht im ab), und ich wurde den Eindruck nicht los, dass ihm die Wiener Staatsoper zu groß ist. Thomas Ebenstein sprang als Aegisth ein und war passabel bzw. in der Höhe auf meinem Galerie-Halbmitte-Stehplatz schlecht hörbar (auf der Galerie-Seite soll es besser gewesen sein); dass er bei „Wo find’ ich die fremden Männer“ eine Achtelnote zu früh einsetzte, haben wir überhört. Bedauerlicherweise ein Ausfall war das neue Ensemblemitglied Robert Bartneck als Junger Diener, erstens „hatte“ er die Töne nicht, zweitens war er falsch im Rhythmus und drittens viel zu leise (es bleibt zu hoffen, dass er sich nach diesem Fehlstart ins Ensemble noch steigern kann; die Wiener Staatsoper ist halt was anderes als das Meininger Staatstheater) – diese kurze, aber wichtige Rolle hat sogar ein Spezialist wie Benedikt Kobel deutlich besser hinbekommen, und das heißt was. Die Mägde (Monika Bohinec, Noa Beinart, Margaret Plummer, Regine Hangler, Vera-Lotte Boecker) waren sehr gut; die Inszenierung von Harry Kupfer ist großartig, es ist eine wahre Wohltat, nicht mehr den Laufenberg-Blödsinn anschauen zu müssen.

  • Mo., 21. September 2020: WIEN (Theater an der Wien): Ruggero Leoncavallo, Zazà

    Ein für Raritätensammler gefundes Fressen gibt es derzeit mit Ruggero Leoncavallos Zazà am Theater an der Wien – und ehrlich gesagt taugt das Stück meiner Meinung nach höchstens für die Raritätensammlung. Es klingt über weite Strecken wie Leoncavallos Bajazzo, bleibt qualitätsmäßig aber weit darunter. Auf der Bühne wird viel geschrieen und gelitten, aber ich konnte mich dafür nicht interessieren, also einmal und nie wieder. Die Besetzung war durchaus gut: Christopher Maltman (einer meiner Lieblingssänger) als Cascart war laut und grobschlächtig unterwegs, was ihm heute kaum zum Nachteil gereichte (die Arie im 4. Akt hätte er zugegebenermaßen weniger brüllen müssen). Svetlana Aksenova erbrachte in der Hauptrolle eine sehr gute Leistung, Nikolai Schukoff als Milo eine gute (am Ende war er heiser), aber ich kannte das Stück davor überhaupt nicht, daher kann ich auch die Leistung von Stefan Soltesz und des RSO Wien nicht beurteilen. Von der Inszenierung von Christof Loy habe ich aufgrund meines Galerie-Ganzseiten-Platzes wenig mitbekommen.

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