Marcel Prawy

  • Ganz abgesehen davon sehe ich Marcel Prawy, soweit ich mir ein Bild von ihm machen kann, allerdings kritisch...

    Ich habe einige Anmerkungen zu Marcel Prawy versprochen. Voilà.


    Wie bereits erwähnt, habe ich Dr. Prawy in einer Lehrveranstaltung 1973 kennengelernt, er war allerdings nur drei Mal im Semester persönlich anwesend und ließ uns Johann Strauß-Werke recherchieren (bei mir war’s der „Ritter Pázmán“), er wollte ja ein Buch zum Strauß-Jubiläum zwei Jahre später schreiben. Beeindruckend fand ich ihn damals ganz und gar nicht.


    Er kam aus einer anderen Welt, dem Opernstehplatz der Zwischenkriegszeit, war ein begnadeter Anekdotenerzähler, in Wien sagt man dazu Gschichtldrucker. Als ich den Stehplatz nach 1971 frequentierte, gab es noch etliche Leute, die aus seiner Zeit kamen und die hatten ein anderes Verständnis von musikalischem Theater als unsereins.


    Es stimmt, dass er der Meinung war, dass „Nessun dorma“ der letzte Opernschlager war, und da, denke ich, hat er nicht unrecht. Mir fällt keine spätere Melodie ein (vielleicht die eine oder andere aus "Arabella", „Capriccio“ oder „Porgy and Bess“, die ich nachsingen könnte). Ich kann mich nicht erinnern, dass er generell gegen die zeitgenössische Oper Stellung bezogen hätte. Mit „Besuch der alten Dame“ konnte er viel anfangen, mit Luciano Berios „Un re in ascolto“ oder Pendereckis „Teufel von Loudun“ sicherlich weniger.


    Die Operette starb mit dem Ende der Donaumonarchie. Lehár, Kálmán, Oskar Straus und kurzzeitig auch Leo Fall (die beiden letztgenannten sind mir lieber als die beiden erstgenannten, weil sie keine so bierisch ernstgenommene Standesunterschiedskonflikte ins zweite Finale schrieben) komponierten zwar weiter, aber diese, wie auch die jüngeren Paul Abraham oder Bruno Granichstaedten und Robert Stolz stammten noch aus der Monarchie. Es gab nach dem Krieg wirklich keine neuen Operetten mehr.


    Dr. Prawy emigrierte in die USA und dort wurde er mit anderen, wie dem späteren Burgtheater – Direktor Ernst Häussermann oder Friedrich Torberg, von einer Institution, von der es heißt, sie sei bei der CIA angedockt gewesen, ausgebildet worden, die „Coca-Colonisation“ durchzuführen, d.h. mit amerikanischer Kultur das Nazi-Gedankengut aus den Köpfen der Österreicher zu vertreiben. Und das Musical gehörte dazu.


    Wenn man bedenkt, dass Fritz Löw 1924 Wien Richtung USA verlassen hatte (als Frederick Loewe schrieb er dann „My fair Lady“), dann war ja eine gewissen Verbindung des alten Kontinents zum Musical gegeben.


    Die ersten Produktionen Prawys an der Volksoper „Kiss me Kate“ und „Westside Story“ waren umwerfend, auch "Show-Boat", nicht zu vergleichen mit dem was mit Andrew Lloyd Webber als Musical kam. Was das Musical anlangt, sehe ich Marcel Prawys Wirken nicht negativ.


    Mit moderner Inszenierungskunst konnte Dr. Prawy, der sich als Wagnerianer zum Quadrat verstand, nix anfangen. In diesem Zusammenhang will ich nur an das „Ring“-Desaster von 1981 erinnern, das ich hautnah miterlebt habe.


    Direktor Egon Seefehlner plante einen neuen „Ring“ mit Zubin Mehta und Harry Kupfer. Kurz darauf verbreitete sich ein Gerücht, Kupfer würde eine modernistische Aufführung planen, in der „Walküre“ aus drei Schauplätzen sechs machen u.s.w. „Wagner muss Wagner bleiben“: Mit diesem Kampfruf zogen Prawy, die Opernfreunde, Großkritiker und noch etliche Intriganten zu Felde, bis Seefehlner Kupfer ausbootete und Filippo Sanjust als Regisseur und Ausstatter holte. Dieser machte das, was immer wieder gefordert wird: Er setzte die Szenenanweisungen Wagners 1:1 um: Es gab im Rheingold also eine Riesenschlange, eine Kröte, Walhall, die Regenbogenbrücke, die Abendsonne.


    Die Premiere war ein Tohuwabohu, ein Oberintrigant schrie „Kulturschande“. Bei der „Walküre“ war’s nicht anders. Und weil die ganze Opernwelt über Wien lachte, wurde der Zyklus nach der „Walküre“ abgebrochen.


    Sieben Jahre später machte Harry Kupfer den „Ring“ in Bayreuth, in Wien folgte erst 1992 der Ring von Albert Dresen mit Robert Hale, Domingo, Waltraud Meier und Hildegard Behrens unter Christoph von Dohnány.


    Das war eben die zweite Seite von Marcel Prawy: er war auch ein Verhinderer.


    Marcel Prawy hat einmal den Wechsel von der Volksoper zur Staatsoper als „schwarzen Tag“ in seinem Leben bezeichnet. Denn: In der Volksoper war er Produktionsdramaturg, leitete also Produktionen, auch von Opern und Operetten, übersetzte Musicals ecc., in der Staatsoper gestaltete er vorrangig Premieren-Matineen. Die Vermittlungsarbeit leistete er dann in den Fernsehsendungen, da aber überwog das Anekdotische, das Kulinarische, der Starkult. Mit einer sehr konservativen Grundhaltung, die erst nach und nach an der Staatsoper aufgebrochen wurde. Zugegeben: Nicht immer mit guten Resultaten.



    Moderative Anmerkung vom 16. Juni 2024: Dieser und die folgenden 31 Beiträge wurden aus dem Thread "Opernberichte der Saison 2023/24" hierher verschoben.

  • keine so bierisch ernstgenommene

    Sehr schöner Neologismus! Eine Zusammensetzung aus "tierisch ernst" und "bierernst"!

    Aber auch sonst: besten Dank für die interessanten Insider - Informationen über Prawy!

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Ich habe einige Anmerkungen zu Marcel Prawy versprochen. Voilà.

    Vielen Dank für die vielen Informationen! Ich würde gerne etwas dazu schreiben, schlage aber vor, dass die Prawy-Beiträge in einen eigenen Thread verschoben werden. Ist das in Ordnung? Es wäre schade, wenn sie hier untergehen.

  • Ich habe einige Anmerkungen zu Marcel Prawy versprochen. Voilà.

    Einen eigenen Prawy Thread habe ich nicht gefunden, daher schließe ich mich hier an. Ich habe bei Marcel Prawy zwei Lehrveranstaltungen besucht, da war er jedes Mal anwesend, es war allerdings gegen Ende seiner offiziellen Lehrtätigkeit. Ich habe damals gemeinsam mit einer Kollegin die Oper "Andre Chenier" vorgestellt und er hat uns gelobt. Wir haben uns natürlich ein bisschen an dem orientiert wie er es immer gemacht hat, aber nicht nur. Er hat die Oper, die Operette und das Musical geliebt und ich fand vieles sehr interessant, was er erzählt hat. Das Regietheater hat er - glaube ich - aus tiefster Seele verabscheut. Seine Operneinführungsmatineen waren sehr unterhaltsam, aber er war - wie man in Wien sagt eine Plaudertasche, aber eine sehr liebenswürdige. Und er hatte seine Liebelingssänger, über einige hat er ja auch ein Porträt fürs Fernsehen gedreht.

  • Das Regietheater hat er - glaube ich - aus tiefster Seele verabscheut.

    Er sagte: "

    "Regietheater ist ein vom Regisseur dominiertes und diktiertes
    Theater. [...] Es ist die Aufgabe des Regisseurs, das vom Autor
    verfasste Stück dem heutigen Publikum klar und verständlich zu
    erzählen. Wenn er unverständlich erzählt, womöglich unverständlicher
    als das Stück selbst, hat er versagt. Wenn er das Stück anders
    erzählt, als vom Autor erdacht - wenn man etwa ob seiner Launen die
    Inhaltsangabe des Werkes umschreiben muss, - wurde das Publikum
    betrogen und hat das Recht, das Geld für die Eintrittskarte
    zurückzuverlangen." (s. https://www.derstandard.at/sto…0/marcel-prawy-in-zitaten )

    Hätte ich dieses Recht wahrgenommen, hätte ich etliche tausend Euro mehr auf dem Sparbuch.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Wenn er unverständlich erzählt, womöglich unverständlicher
    als das Stück selbst, hat er versagt. Wenn er das Stück anders
    erzählt, als vom Autor erdacht - wenn man etwa ob seiner Launen die
    Inhaltsangabe des Werkes umschreiben muss, - wurde das Publikum
    betrogen und hat das Recht, das Geld für die Eintrittskarte
    zurückzuverlangen."

    Ich sehe das auch so. Es ist mir ein Rätsel, dass Regisseure das Publikum entmündigen dürfen, weil sie diesem nicht mehr zutrauen sich eigene Gedanken zu dem zu machen, was Komponisten und Librettisten verfasst haben. Wahrscheinlich würde das Regietheater nur dann zumindest eingeschränkt werden, wenn das Publikum wirklich sein Geld zurückverlangen dürfte.

  • Es ist mir ein Rätsel, dass Regisseure das Publikum entmündigen dürfen, weil sie diesem nicht mehr zutrauen sich eigene Gedanken zu dem zu machen, was Komponisten und Librettisten verfasst haben.

    Sie hindern einen mit ihren abstrusen Gehirnwindungen daran, gedanklich einzutauchen in das Original. Und lenken auch noch damit von der Musik ab.

    Wahrscheinlich würde das Regietheater nur dann zumindest eingeschränkt werden, wenn das Publikum wirklich sein Geld zurückverlangen dürfte.

    Das wird wohl schwer zu verwirklichen sein. Denn welche Kriterien legt man an?

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Was eventuell helfen würde, wäre, wenn das Publikum mit den Füßen abstimmen würde. Das tut es aber nicht, zumindest nicht in ausreichendem Maße.

    Die Frage ist: warum? Ich nehme an, weil die meisten sich einfach so sehr auf die Musik freuen, dass sie das Bühnen - (Regie - ) Theater einfach inkauf nehmen. Und wurden früher noch Skandale gesehen, denen man sich entgegengestellt hat, hat man sich heute einfach zu sehr daran gewöhnt, winkt ab, regt sich nicht mehr auf, weil man meint, man könne sowieso nichts dagegen tun. Das ganze Regie - Theater hat sich ja abgenutzt. Es hängt jetzt am Tropf der Gewöhnung und des Publikums und der Aufmerksamkeit der Presse, die es immer noch erreicht. Man stelle sich stattdessen vor, ein Kritiker beschreibt mal einfach nur noch ausführlich die musikalische Seite und schreibt dann: "Über die szenische Realisierung schweigt des Kritikres Höflichkeit". Aber vielleicht würde manche erst recht neugierig machen und anlocken. Und natürlich stellt sich die Frage: wieviele Neuinszenierungen würden dann überhaupt noch szenisch besprochen? Jedenfalls hätten Kritiker auf diese Weise eine gewisse Macht. Aber der Druck der Zeitungen und der Theater würde sicher rasch zu groß werden, und so schreibt man halt doch lieber weiter über die Regie, auch wenn sie Nonsens zur Schau stellt. Also doch bei den Intendanten ansetzen? Ja, es müssen dafür musikliebende und kompetente Menschen sein, ausgestattet mit Mut und Rückgrat.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Ich nehme an, weil die meisten sich einfach so sehr auf die Musik freuen, dass sie das Bühnen - (Regie - ) Theater einfach inkauf nehmen.

    Das ist sicher richtig, bei mir verhält es sich (noch) so.

    Man stelle sich stattdessen vor, ein Kritiker beschreibt mal einfach nur noch ausführlich die musikalische Seite

    Möglicherweise mangelt es da häufig an Fachwissen. Zu einer Inszenierung fällt einem allemal etwas an. Und wenn es Partygeschnatter à la Rosamunde ist.

  • Ich nehme an, weil die meisten sich einfach so sehr auf die Musik freuen, dass sie das Bühnen - (Regie - ) Theater einfach inkauf nehmen.

    Ich habe einen guten Bekannten, der einmal neben mir saß. Ich fragte ihn in der Pause, wie er die Inszenierung fände (sie war schrecklich!). Er sagte, keine Ahnung, "nachdem ich die erste Szene gesehen habe, machte ich die Augen zu"....

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Aus Hagens Link zur Prawy-Zitaten-Sammlung aus der Tageszeitung „Der Standard“


    "'Oper' nenne ich die musikdramatische Darstellung einer unser Herz bewegenden Story mit Melodien, die unser Leben dauernd bereichern. Wenn davon nur ein Kriterium fehlt - die Story berührt nicht unser Herz, die Melodien bereichern unser Leben nicht etc., - kann es sich um ein bedeutendes Kunstwerk handeln, das aber den heiligen Begriff 'Oper' nicht für sich usurpieren darf. (...) Eine Oper ist keine Oper, wenn sie uns nicht süchtig danach macht, sie omnipräsent in unserem Leben zu haben."



    Ja eh, das ist aber seine Privatdefinition, die nur von jemand stammen kann, der nicht sehr viel Beziehung zum realen Leben hat. Das er das Gehirn nicht braucht, spricht Bände und nicht unbedingt für ihn. Dadurch erklärt sich allerdings auch, dass er hauptsächlich die vorromantische, romantische, spätromantische und spätspätromantische Oper von Weber bis Korngold und Strauss schätzte, in der das, was so im Alltagsverständnis als Emotionalität (für ihn „Herz“) bezeichnet wird, eine sehr bedeutsame Rolle spielt. Möglicherweise baut seine Definition auf etwas dem Gartenlauben-Herzen nicht sehr entfernt Liegendes.


    Deshalb konnte er mit Mozart nicht allzu viel anfangen, mit dem, was davor war, schon gar nix. Und es ist verständlich, dass er bei der Melodie „Glück, das mir verblieb…“ von Hilde Zadek gesungen, dahin geschmolzen ist. Die Melodie, die er suchte, gab es nicht bei Mussorgsky, nicht bei Debussy, nicht bei Janáček, nicht bei Weishappels „König Nicolo“, bei deren Theater-Bearbeitung für die Volksoper Prawy dort arbeitete, sondern bei den Musicals und vor allem bei Robert Stolz, dem er bis an das Lebensende des Grazers sehr verbunden blieb.


    Es ist schön, wenn Prawy es schaffte, seiner Leidenschaft so zu frönen, wie er es tat. In der Staatsoper immer in der Proszeniumsloge rechts. Als man ihn einmal fragte, ob es ihm nicht langweilig wäre, zum x-hundertsten Mal die „Bohème“ zu sehen, war seine Antwort: Nein, denn er schaue einmal der zweiten Klarinette oder dem dritten Horn u.s.w. beim Spielen zu. Auch o.k.


    Dr. Prawy heute noch als Zeugen für wünschenswerte Veränderungen im Opernbetrieb zu nehmen, scheint mir absurd zu sein. Wer Prawy als Leitfigur nimmt, wird den Gral in der Regiearbeit nie finden.


    Der von genauer Textexegese ausgehende Dekonstruktionismus in der Opernarbeit ist an seine Grenzen gestoßen, das weiß man, so wie es irgendwann mit dem Neubayreuther Regietheaterstil geschah, und wie es im Sprechtheater mit den Überschreibungen gerade passiert.


    Das „Heil“ wird nicht mehr von den alten Recken kommen, nicht von einer „Lasst-uns-rückwärts-gehen“-Haltung (ich weiß nicht, ob die Neuinszenierung der ‚Carmen‘ nach dem Regiebuch der Uraufführung an der Oper von Rouen noch auf Youtube zu finden ist), sondern wenn überhaupt kann es nur von jüngeren Menschen kommen, die für das Genre stimmige ästhetische Positionen entwickeln. Ich bin überzeugt, es gibt diese Menschen.


    Da schon viele von uns Zeugen aus dem Freundeskreis aufgerufen haben, will ich das auch tun: Eine Verwandte, Bäuerin, hat Interesse an der Oper entwickelt, zunächst jedes Jahr ein paar Aufführungen in ihrem Landestheater gesehen. Als die MET in die Kinos ging, fuhr sie immer wieder 40 Kilometer, um die Vorstellungen zu sehen. Schließlich bekam sie ein Staatsopern-Abonnement geschenkt. Nach drei Jahren hat sie es zurückgegeben. Als ich nach dem Warum fragte, war die Antwort: Weil sie nur altvaterisches Zeug zeigen, und als ich nachfragte, was denn das letzte Altvaterische gewesen sei, war es die Heilige Kuh der Wiener Opernfreaks, Zeffirellis „Bohème“. Das ist nur eine Meinung unter vielen, ich weiß. Aber auch eine Stimme aus dem Publikum.


    Zu Prawy zurückkehrend schlage ich vor, ihn als charmanten Plauderer aus einer völlig vergangenen Opernzeit, der Zwischenkriegszeit, zu nehmen, der das damals Erlebte perpetuieren wollte, als Meister des Anekdotischen, auf das Wien so stolz ist, ihn vielleicht sogar als Verkörperung des „se non è vero, è ben trovato“ zu begreifen und sich an seinen „Seitenblicke“-Plaudereien aus der Opernkünstlerwelt zu delektieren.

  • Ich habe einen guten Bekannten, der einmal neben mir saß. Ich fragte ihn in der Pause, wie er die Inszenierung fände (sie war schrecklich!). Er sagte, keine Ahnung, "nachdem ich die erste Szene gesehen habe, machte ich die Augen zu"....

    So weit kann ich nicht gehen. Denn dazu bin ich zu neugierig, und außerdem bin ich - ganz geprägt von Wagner - der Auffassung, dass Bühne und Musik einfach zusammengehören. Zudem wäre mir das zu teuer. Dann kann ich mir auch eine Platte zu Hause anhören. Aber bei vielen Opern kommt rein musikalisch nicht so viel rüber. Oper bedarf der Szene, sonst wäre sie ja auch Konzert. Selbst bei konzertanten Darbietungen von Opern kann man Mimik und ein wenig Gestik wahrnehmen.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Ja eh, das ist aber seine Privatdefinition, die nur von jemand stammen kann, der nicht sehr viel Beziehung zum realen Leben hat.

    Handelt es sich nicht bei jeder Meinung eines Menschen zu einem Kunstwerk um dessen Privatmeinung? Auch die zitierte Bäuerin hat ihre Privatmeinung zu Zeffirellis Boheme geäußert, die sicher nicht jeder, der diese Opernaufführung gesehen hat, teilt. Geschmäcker sind eben verschieden, das ist ja auch gut so.

    Zu Prawy zurückkehrend schlage ich vor, ihn als charmanten Plauderer aus einer völlig vergangenen Opernzeit, der Zwischenkriegszeit, zu nehmen, der das damals Erlebte perpetuieren wollte,

    Wieso soll Marcel Prawy auf die Zwischenkriegszeit reduziert werden? Er war auch nach seinem Wechsel an die Staatsoper ein charmanter Plauderer und so völlig vergangen ist diese Opernzeit auch nicht, da es noch immer einige sehr erfolgreiche Inszenierungen aus früheren Zeiten gibt, die vom Publikum positiv aufgenommen wurden und werden. Mir gefallen die Neuinszenierungen von Carmen oder Traviata gar nicht und was den Macbeth z.B. betrifft, ist nach der Inszenierung von Peter Wood (1982) meiner Meinung nach nichts Besseres nachgekommen obwohl es einige Versuche gab. Mit dem Lohengrin hat man auch kein Glück. Die Beispiele ließen sich lange fortsetzen.

  • Aus Hagens Link zur Prawy-Zitaten-Sammlung aus der Tageszeitung „Der Standard“


    "'Oper' nenne

    Nur damit keine Missverständnisse aufkommen. Prawys Auffassung, die er dort äußert teile ich nicht. Für mich darf die Oper auch den Verstand bedienen, gerne im Einklang mit oder über die Emotionen. Ich möchte etwas mitnehmen. Das darf ruhig anspruchsvoll sein, aber es soll mir aus derm Werk kommen. Denn ich interessiere mich z.B. für Mozart und seinen "Don Giovanni" und bin, wenn ich ihn sehe, gespannt, was mir das Werk heute sagt, neu sagt, oder anderes sagt. Ich vertraue auf die Unerschöpflichkeit dieses Werkes. Ich interessiere mich aber nicht für den Regisseur und seine Gedankenwelt, sofern sie über die Realisierung von "Don Giovanni" hinausgehen. Jedenfalls interessiert mich das nicht, während ich den "Don Giovanni" höre, ebenso wenig wie mich Herbert Blomstedt persönlich interessiert, wenn er eine Beethoven - Symphnnie aufführt. Ich bin dann wegen Beethoven da, und weil Blomstedt nach eigenen Worten anstrebt, in das Werk einzudringen und es neu und / oder tiefen zu erschließen. Regisseur und Dirigent sind interessant, sofern ich mich frage, wie kam er zu den Gedanken, die mir die Meister näherbringen. Sofern sie sich Gedanken an den Werken, die sie auf die Bühne bringen vorbei oder gegen sie machen, stören sie, setzen sie einen Keil zwischen Werk / Komponist und mich als Hörer. Das brauche ich nicht. Wenn sie kreativ sein wollen, sollen sie es gerne tun, experimentieren, etwas ganz Neues machen, meinetwegen auch Collagen. Aber dann sollen Sie das, wie Melzer es auch schon einmal gesagt hat. " "Bearbeitung" nach dem Werk X von Y" nennen. Wenn sie dann gute, interessante Arbeiten vorzeigen, was ich nicht ausschließe, dann sollen sie ihre Resonanz gerne erhalten, aber bitte nicht, wenn sie auf Kosten der Stücke der Weltliteratur, die ihnen anvertraut sind, sich aufblähen in Hybris und ihre eigenen Gedanken Werk, Aufführenden und Publikum aufdrängen.

    Ja eh, das ist aber seine Privatdefinition, die nur von jemand stammen kann, der nicht sehr viel Beziehung zum realen Leben hat. Das er das Gehirn nicht braucht, spricht Bände und nicht unbedingt für ihn. Dadurch erklärt sich allerdings auch, dass er hauptsächlich die vorromantische, romantische, spätromantische und spätspätromantische Oper von Weber bis Korngold und Strauss schätzte, in der das, was so im Alltagsverständnis als Emotionalität (für ihn „Herz“) bezeichnet wird, eine sehr bedeutsame Rolle spielt.


    Deshalb konnte er mit Mozart nicht allzu viel anfangen, mit dem, was davor war, schon gar nix.

    Natürlich braucht er das Gehirn, ohne kann er sich auch keine Melodien merken. Aber ich finde sein Opern - Verständnis auch defizitär. Er reduziert die Oper auf "Emotionalität" und nimmt sich damit selbst vieles. Allerdings kann ich mir denken, dass die Formulierung aus seinem Zitat auch überpointiert ist. Denn die Emotion hängt ja nicht in der Luft sondern erdet sich, verankert sich, materialisiert sich. Wer Mitgleid hat, mich Figuren, denen es schlimm ergeht, der macht sich auch Gedanken über dessen Situation. Das kann man gar nicht trennen. In jedem Fall ist aber auch das etwas anderes, als wenn dem Werk völlig fremde Gedanken, Ideen, Handlungen aufgepfropft werden.

    Das „Heil“ wird nicht mehr von den alten Recken kommen, nicht von einer „Lasst-uns-rückwärts-gehen“-Haltung (ich weiß nicht, ob die Neuinszenierung der ‚Carmen‘ nach dem Regiebuch der Uraufführung an der Oper von Rouen noch auf Youtube zu finden ist), sondern wenn überhaupt kann es nur von jüngeren Menschen kommen, die für das Genre stimmige ästhetische Positionen entwickeln. Ich bin überzeugt, es gibt diese Menschen.

    Nein, "Heil" kommt niemals von "alten Recken", aber auch nicht von "stimmigen ästhetischen Positionen", sondern von der Orientierung an den Meistern, die man auf die Bühne bringt und dem Vertrauen darauf, dass sie und ihre Werke uns mehr werden sagen können, auch den jüngeren Menschen, als solche veralteten Regie - Theater - Recken, die meinen, die Werke ausnutzen zu können, um dem Publikum über diesem Weg ihre eigenen Gedanken aufzuzwingen und es zu belehren jenseits der Werke, an ihnen vorbei oder gegen sie.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Und in der Wien-Bibliothek in seinen berühmten „Sackerln“ zu wühlen. Den Nachlass zu erschließen ist eine ziemlich monumentale Aufgabe

    Können Sie mir das bitte mal erklären? Was hat es mit diesen "Sackerln" auf sich? Danke!

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Deshalb konnte er mit Mozart nicht allzu viel anfangen, mit dem, was davor war, schon gar nix.

    Das verstehe ich nicht. Gibt es bei etwas in den Händel - Opern keine Gefühle, sogar sehr intensive Gefühle?

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Handelt es sich nicht bei jeder Meinung eines Menschen zu einem Kunstwerk um dessen Privatmeinung?

    Bei Geschmacksurteilen trifft das zu, aber nicht wenn es um die Bestimmung etwa einer Kunstgattung geht. Da kann man schon definieren, was sie ist, oder was sie nicht ist. Natürlich muss das alles nicht nur aus dem Bauch heraus, sondern kriteriengeleitet geschehen. Auch Urteile sollten aber auch nachvollziehbar sein und argumentativ gestützt werden können, ansonsten ist kein Dialog möglich.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

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