Neil Shicoff zum 75. Geburtstag

  • "Ich nehme meinen Beruf unglaublich ernst"


    Er hatte eine dieser Stimmen, von denen Opernfans nicht genug bekommen können: der amerikanische Tenor Neil Shicoff. Es gab ein halbes Dutzend Partien, in denen ihm kein Kollege das Wasser reichen konnte – vor allem Rollen des französischen Repertoires. 2015 nahm der gebürtige New Yorker an seinem Lieblingshaus, der Wiener Staatsoper, seinen Bühnenabschied. Am 2. Juni wird Neil Shicoff 75 Jahre alt.


    https://www.br-klassik.de/aktu…g-portraet-tenor-100.html


    Herzlichen Glückwunsch!

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Danke für’s Einstellen dieser Meldung und zum Eröffnen dieses Threads! Ich habe mir selbst schon überlegt, anlässlich seines heutigen Geburtstages etwas zu Neil Shicoff zu schreiben.


    In meiner Opern-Anfangszeit (Beginn der 2010er-Jahre) war Shicoff in Wien vielbeschäftigt. Zu Beginn mochte ich ihn gar nicht (ich erinnere mich daran, dass ich einen „Maskenball“ hauptsächlich seinetwegen nach dem ersten Bild verlassen habe, was ich normalerweise nicht mache), aber mit der Zeit kam ich darauf, dass er in den richtigen Rollen packende Leistungen bringt und obendrein technisch sehr gut singt. Ich schätze sein charakteristisches Timbre, und er bleibt mir vor allem als jemand in Erinnerung, der seelisch zerrissene Rollen packend interpretieren konnte, ohne ins Lächerliche oder Banale abzugleiten. (Dass der Gustav III. = Riccardo mit 62 Jahren für ihn viel zu spät war, obendrein war er an diesem Abend krank: geschenkt).


    Besonders gerne erinnere ich mich an seinen Éléazar (Wien 2015), an seinen Hoffmann (Wien 2014) und an seinen Calaf (Wiener Volksoper 2014); ich hatte ihn auch als Hermann (Wien 2010), Cavaradossi (Wien 2011, 2012), Gustaf III. (Wien 2012) und Canio (Wien 2014). Dass ich 2011 seinen Captain Vere verpasst habe, tut mir immer noch leid. Gerüchtehalber hätte er 2013 in Wien den Peter Grimes singen sollen (Ben Heppner war angesetzt gewesen, hatte abgesagt, daraufhin wurde angeblich Shicoff gefragt, er soll bereits geprobt haben, dann aber abgesagt haben, worauf Herbert Lippert aus dem Hut gezaubert wurde), aber ob es stimmt, weiß ich nicht.


    Ziemlich sicher ist hingegen, dass Shicoff als Nachfolger für Ioan Holender als Direktor der Wiener Staatsoper gehandelt wurde (die damalige Kulturministerin Claudia Schmied setzte allerdings gegen den Willen des mit Shicoff befreundeten Bundeskanzlers Alfred Gusenbauer Dominique Meyer durch); darauf nahm Ioan Holender in seiner Rede am Ende der Shicoff-Gala (siehe hier und hier) zwischen den Zeilen deutlich Bezug. Im Zuge der Lobreden bei dieser Gala stellte Dominique Meyer weitere kleinere Rollen an der Wiener Staatsoper in Aussicht, was Shicoff nonverbal mit einer unmissverständlichen Handbewegung ablehnte, was ich immer sehr schade fand.


    In den Jahren 2015–2016 soll er das Michailowski-Theater in St. Petersburg geleitet haben. Mit Wien scheint Shicoff bedauerlicherweise abgeschlossen zu haben (mir wurde 2014/15 erzählt, er habe seinen Wiener Wohnsitz schon verkauft), aber in jüngerer Zeit musste ich einerseits zu meiner großen Freude und anderseits zu meinem großen Bedauern (weil ich es zu spät gemerkt habe und es weit weg von Wien ist) feststellen, dass er noch sehr kleine Rollen übernahm: 2023 bei der Ruhrtriennale den Alten Sträfling in Janáčeks „Totenhaus“ (siehe Link mit Szenenfoto) und 2024 in Washington D. C. als Altoum in „Turandot“ (siehe Link mit Szenenfoto). Vielleicht gibt es ja wieder einmal ein Comeback in Wien? Schön wäre es.

    Am 18. Nov. 2023 gab er (in meiner Abwesenheit) eine öffentliche Meisterklasse an der MDW (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien), der damalige Link ist nicht mehr aktiv.

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