Tosca NP in München am Pfingstmontag, den 20. Mai 2024

  • Da bin ich mich nun leider gar nicht so sicher.

    In München ist es schon so, daß beispielweise für Wagner-Aufführungen sehr kurzfristig noch Karten zu bekommen sind. Das war früher undenkbar. Zehn Minuten nach VVK-Beginn war alles weg!

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • In München ist es schon so, daß beispielweise für Wagner-Aufführungen sehr kurzfristig noch Karten zu bekommen sind. Das war früher undenkbar. Zehn Minuten nach VVK-Beginn war alles weg!

    Ok. In Bayreuth hat die Nachfrage ja auch nachgelassen...

  • Wie sieht es denn mit dem Willen des Komponisten aus, wenn Tenöre auf einmal die Bariton-Rollen singen? Das darf man wohl seltsamerweise ignorieren? Meinen Sie nicht, dass Verdi die Rolle für einen Tenor geschrieben hätte, wenn er das für richtig gehalten hätte?
    Und wie sieht es bei Bizet aus? Dessen Carmen wurde erst zum Erfolg, nachdem man nach seinem Tod eine neue Fassung erstellt hat. Also wenn das nicht gegen den heiligen Willen des Komponisten geht...

    Nun, lieber Enrico, das ist ein andres! Es kommt nicht darauf an, wie die Noten in Töne umgesetzt werden, nicht darauf, welches Stimmfach einem Sänger offiziell zugeordnet wird. Dabei geht es also um unterschiedliche Nuancen und Interpretationen, nicht um eine Veränderung des aufgeführten Werkes.

    Lieber Hagen! Finden Sie nicht, dass Sie es sich hier etwas zu einfach machen? Wenn man darauf besteht, dass er Komponistenwillen umgesetzt wird, dann muss man doch konsequent sein (und ich finde die Einwürfe Carusos sehr wertvoll).

    Und was ist denn die neue Fassung der "Carmen", wenn nicht eine "Veränderung des aufgeführten Werkes"?

  • Lieber Sadko, ich habe jetzt nicht und auch sonst nie nur plump und apodiktisch den Willen des Komponisten in den Vordergrund gestellt, schon gar nicht als "heiligen" solchen, sondern noch viel eher und mehr die Kerngedanken und Aussagen des Werkes, die nicht immer mit dem Willen des Komponisten einhergehen müssen, aber es natürlich oft tun.

    Wenn ein Sänger mit dem Fach "Tenor" eine Partie des Faches "Bariton" singt, dann ist das vornehmlich eine musikalische Frage. So etwas kann danebengehen, oder auch gutgehen. Das hat aber nichts mit der Verfälschung eines Werkes zu tun, sondern vielleicht mit einer klanglich anderen Nuance.

    Dass ein regielicher Eingriff, wie wir ihn heute so oft vorgesetzt bekommen (Extrembeispiel: "Tannhäuser" in Biogasanlage) in einer ganz anderen Werkverfälscherliga spielt, nämlich in einer viel höheren, sollte doch ohne weiteres einleuchten können.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Das mit den Veristen und "falschen Fährten" verstehe ich nicht.

    Diese TV-Aufführung der „Tosca“ an den im Libretto beschriebenen lokalisierbaren Schauplätzen unter Zubin Metha ist ja der beste Beleg für die falschen Fährten. Der „ultra-realismo“ (mit diesem Begriff hat die RAI für dieses Projekt geworben) dieser TV-Inszenierung sollte große Wirklichkeitsnähe suggerieren. Das Ergebnis war dann ein filmisches Historienspektakel, schön anzuschauen (ich hab’s damals ja auch verfolgt), aber dem, worin es in der Oper vor allem geht, hat das alles nicht gedient.

    Beim „Rigoletto“ wurde es nochmals versucht, den fand ich schon deshalb unerträglich, weil Domingo einfach nicht die Stimmfarben für den Protagonisten hat. Bei der „Traviata“ glaubte die RAI nicht mehr an ihr Konzept, denn da scheint sie die Oper TV-mäßig umrahmt zu haben und verlegte die Handlung an die Wende zum 20. Jahrhundert.

    Es gab auch eine Reihe von Operfilmen seit der „Aida“ mit Sophia Loren/Renata Tebaldi. Diese kenne ich nicht, dafür Bergmanns „Zauberflöte“, für mich das gelungenste Beispiel eines Opernfilms, Francesco Rosis „Carmen“, der ebenfalls die filmischen Mittel sehr künstlerisch einsetzte, und natürlich Zeffirellis „Traviata“, ein typischer Zeffirelli am Rande des Kitsches. Und natürlich Joseph Loseys „Don Giovanni“, der in schönen Palladiovillen in Vicenza und an der Brenta gedreht wurde (nicht in Sevilla), mit dem grandiosen Ruggero Raimondi.

    Ich bitte sehr, mich nicht misszuverstehen: Wem diese Spektakel Vergnügen bereiten, wunderbar, ich gratuliere dazu.

    Ich wehre mich nur dagegen, solchen naturalistischen Hyperrealismus quasi als ästhetischen Maßstab zu nehmen. Denn Oper ist die Artifiziellste aller theatralischen Kunstsparten. Jeder Versuch, sie nach den Versen von Morgensterns „Auf einer Bühne“ darzustellen, zielt ins Leere. Das Gedicht endet:

    Im Stehparkett der kleine Cohn,

    zerbirst vor lauter Illusion.

    Der kleine Cohn ward zum Gericht

    Für das, was Kunst war und was nicht.

    Im Jahr der Uraufführung der „Tosca“ sagte Paul Cézanne in einem Interview: „Die Kunst ist eine Harmonie parallel zur Natur“. Mutatis mutandis lässt sich das auch auf andere Kunstsparten übertragen, denke ich.

    Treffen werden sich beide, Kunst und Natur, wohl erst im Unendlichen, nehme ich an.

    Und, um zu einem Schluss zu kommen: Die falsche Fährte besteht meines Erachtens darin, dass Anhänger des Naturalismus, wie eben auch die italienischen Veristen, zu denen Puccini mit seiner „Tosca“ auch zu zählen ist, Kunst eher als Abbild verstanden. Für mich war das ein Irrweg.

  • Die falsche Fährte besteht meines Erachtens darin, dass Anhänger des Naturalismus, wie eben auch die italienischen Veristen, zu denen Puccini mit seiner „Tosca“ auch zu zählen ist, Kunst eher als Abbild verstanden.

    Wenn Sie den Naturalismus als Kunstepoche betrachten, auch literarisch, so wird zwar Realität abgebildet, doch nicht um der Abbildung selbst willen. Es geht bei der Darstellung der Realität doch auch um Kritik an den Zuständen, die so natürlich wie möglich dargestellt werden, und um Mitleiden mit denen, die an diesen Zuständen leiden. Und um dieses Mitleiden hervorbringen zu können und die Zustände ändern zu können, müssen Sie eben so daragestellt werden, dass der Zuschauer emotional angesprochen wird. Und das kann eben sehr gut geschehen in dem ursprünglich historischen Ambiente.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Wenn ich die Paare der "Cosi" in heutigem Gewand auftreten lasse, dann spießt sich das mit dem Charakter der mozartischen Musik.

    Ich hatte das Glück, unter den vielen „Così fan tutte“-Inszenierungen, die ich erlebt habe, zwei wunderbare, aber völlig konträre zu erleben:

    1982 war der Regisseur Michael Hampe in den Bühnenbildern des großartigen Mauro Pagano, die ganz raffiniert illusionistisch den Zauber einfingen, den die Costa Amalfitana ausübt. Riccardo Muti war der Dirigent, dem ich gewünscht hätte, dass er sich öfter an Regie – Kalibern wie Hampe orientiert hätte, dann hätten manche seiner Opernpremieren eine bessere Nachrede. Die Besetzung war in Gesang und Spiel außergewöhnlich: Margaret Marshall, Agnes Baltsa, Francisco Araiza, Kathleen Battle, James Morris und José van Dam. Es war Regietheater vom Feinsten. In einem manichäischen Denken würde man sie als konventionell klassifizieren, was sie natürlich nicht war. Im Gegenteil: Sie genügte höchsten ästhetischen Ansprüchen.

    2021 erlebte ich die zweite zunächst im TV, sie hat mich so begeistert, dass ich ein Jahr später nach Salzburg gefahren bin, um sie live zu erleben. Es handelte sich um die coronabedingt gekürzte pausenlose Version (Sakrileg?). Regie führte Christoph Loy, den ich besonders schätze und der auch ein Meister des Regietheaters ist, in den Bildern von Johannes Leiacker. Besser gesagt, es war nur eine Wand mit Türen, einmal öffnete sich ein Spalt und gab eine Gartenansicht frei. Joana Mallwitz war am Dirigentinnenpult, Elsa Dreisig, Marianne Crebassa, Andrè Schuen, Bogdan Volkov, Lea Desandre und Johannes Martin Kränzle haben nicht weniger gut gesungen als die Besetzung von 1982. Loy ist ein Meister der Personenführung, und obwohl die jungen Leute auf der Bühne Gegenwartskleidung trugen, hat mich das so exzellent inszenierte Verwirrspiel der Gefühle vor zwei Jahren viel mehr zum Nachdenken gebracht als damals, als die Sängerinnen und Sänger sehr hübsche sommerliche Kostüme aus der Zeit trugen. Und das, obwohl ich vor zwei Jahren schon um einiges älter als der Don Alonso auf der Bühne war, 1982 dagegen im Alter der Liebespaare.

    Ich habe mich keine Sekunde gefragt, ob das, was ich sehe, mit jedem Textwort übereinstimmt.

    Sowohl die Aufführung von 1982 als auch die vierzig Jahre später war für mich das, was Alexander Kluge unter Oper versteht: ein „Kraftwerk der Gefühle“.

  • Dirigentinnenpult

    Was ist das?

    Ich habe mich keine Sekunde gefragt, ob das, was ich sehe, mit jedem Textwort übereinstimmt.

    Das frage ich mich auch nie aktiv. Sondern es fällt einem ins Auge und ins Ohr, wenn es so ist. Und dann stört es, weil Text und Darstellung nicht zusammenpassen.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • „Così fan tutte“-Inszenierungen, [...]

    Bei der Gelegenheit: heute gibt es eine Premiere des Werkes im Musiktheater im Revier. Regie: David Hermann

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Wenn Sie den Naturalismus als Kunstepoche betrachten, auch literarisch, so wird zwar Realität abgebildet, doch nicht um der Abbildung selbst willen. Es geht bei der Darstellung der Realität doch auch um Kritik an den Zuständen, die so natürlich wie möglich dargestellt werden, und um Mitleiden mit denen, die an diesen Zuständen leiden.

    Ja, aber das trifft doch auf zeitgenössische Themen mit Personen aus unteren sozialen Schichten zu. Niemand verlangte je, dass im „Bajazzo“ der kalabresische Ort Montalto Uffugo auf die Bühne gestellt wird, wo sich zwei Morde fast so ähnlich wie in der Handlung der Oper ereigneten. Die viel authentischer als die „Tosca“ ist, denn der Vater Leoncavallos hat den Täter verurteilt.

    „Tosca“ bleibt für mich ein in historischer Zeit angesiedelter Sex & Crime – Plot.

  • Es gab auch eine Reihe von Operfilmen

    Um die geht es mir nicht, sondern um die Zeit- und Ort-Einheit.


    Beim „Rigoletto“ wurde es nochmals versucht, den fand ich schon deshalb unerträglich, weil Domingo einfach nicht die Stimmfarben für den Protagonisten hat.

    Da bin ich d'accord. Das paßte nicht. Bei seinem Simone war das durchaus anders, das war m.E. die beste seiner Bariton-Rollen. Auch sein Père Germont war sehr gut. Macbeth wiederum braucht einen genuinen Bariton.

    Die falsche Fährte besteht meines Erachtens darin, dass Anhänger des Naturalismus, wie eben auch die italienischen Veristen, zu denen Puccini mit seiner „Tosca“ auch zu zählen ist, Kunst eher als Abbild verstanden. Für mich war das ein Irrweg.

    Dann sind für Sie all die Maler, die naturalistisch gemalt haben "auf der falschen Fährte", oder hab ich da was mißverstanden. Allen voran ein Dürer? Gerade der Verismo hat die eindringlichsten und emotionalsten Opern hervorgebracht.

    „Tosca“ bleibt für mich ein in historischer Zeit angesiedelter Sex & Crime – Plot.

    Dann sind Sie an der Oberfläche geblieben. Puccini und seine Librettisten nicht.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • solchen naturalistischen Hyperrealismus quasi als ästhetischen Maßstab zu nehmen.

    Wobei ja interessanterweise auch gerade Regietheaterproduktionen einem solchen Hyperrealismus frönen können, wenn auch nicht die eigentlich vorgesehen Schauplätze der Handlung gezeigt werden; man denke etwa an den aktuellen Tannhäuser in Frankfurt oder die Kosky-Meistersinger in Bayreuth oder zum Teil auch der Schwarz-Ring.

    Die Alternativen sind ja nicht historisch genauer Rekonstruktion einerseits und totale Verfremdung andererseits, dazwischen gibt es ja noch jede Menge Möglichkeiten.

    Was mich angeht: ich brauch auch nicht die Ausstattungsorgien eines Zeffirelli, die lenken nur ab. Von mir aus kann auch auf weitestgehend leerer Bühne gespielt werden mit wenigen, andeutenden Hinweisen, wo man sich befindet. Das wichtigste ist eh' die Personenregie.

    Don Giovanni“, der in schönen Palladiovillen in Vicenza und an der Brenta gedreht wurde (nicht in Sevilla)

    Für den Don Giovanni ist es natürlich völlig unerheblich, ob er, wie im Libretto angegeben, in Sevilla spielt oder nicht. Die Handlung nimmt darauf, wenn ich mich nicht irre, keinen weiteren Bezug. Das unterscheidet ihn von der Tosca. Ebenso wenig muss eine Cosi in Neapel angesiedelt sein.

  • Dann sind für Sie all die Maler, die naturalistisch gemalt haben "auf der falschen Fährte", oder hab ich da was mißverstanden.

    Ja, haben Sie. Aber, mit dem Hut in der Hand, ich habe den Eindruck, das tun Sie öfter. Die Vertreter des Naturalismus in den Künsten um die Wende zum 20. Jahrhundert haben ihre spezifischen Anliegen, die nichts damit zu tun haben, dass Dürer und alle anderen Maler bis Cèzanne gegenständlich gemalt haben.

    Beim italienischen Naturalismus denke ich doch eher an Giovanni Verga, den wir ja alle von „Cavalleria rusticana“ kennen, die im Übrigen auch historisch wesentlich genauer ist als die „Tosca“.

  • Ja, haben Sie. Aber, mit dem Hut in der Hand, ich habe den Eindruck, das tun Sie öfter.

    Aha. Dann ist die Frage, ob das an mir oder an Ihnen liegt. Oder an uns beiden. ;-))

    Sie sprachen ja zeitlich uneingeschränkt von der "Kunst als Abbild". Na, egal.

    die im Übrigen auch historisch wesentlich genauer ist als die „Tosca“.

    Die Story vielleicht, aber nicht die Oper. Die spielt ganz lapidar "am Ostermorgen in einem sizilianischen Dorf". Es erübrigt sich wohl, zu erläutern, warum die "Tosca" genauer ist. Genauer geht gar nicht.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Was mich angeht: ich brauch auch nicht die Ausstattungsorgien eines Zeffirelli, die lenken nur ab.

    Das ist bei dem eben immer das Problem. Boheme ist ein Arme-Leute-Stück und nicht von Cecil B. DeMille. Dreihundert Komparsen auf der Bühne und ein Montmartre, den es auch in Paris nie gegeben hat, mögen den Amerikanern zwar gefallen, aber haben mit Puccini nichts zu tun.

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