Tosca NP in München am Pfingstmontag, den 20. Mai 2024

  • Ich schließe mich gänzlich an und danke zudem dafür ganz besonders:


    Nach einer bekannten Anekdote [...]

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Was ist mit Scarpia? Ich hatte doch geschrieben, daß es den wirklich gab.

    Es gab ihn nicht so, wie es Boris Godunov oder Philipp II. gab. Ich denke, schon darauf hingewiesen zu haben, dass Sardou aus zwei italienischen Ungustln, einer davon ein in Palermo wirkender bigotter folternder Richter, eine Figur geschaffen hat, der den Namen Scarpia erhielt. Er hat auch einen Konsul in Büchern ausgemacht, der ähnlich wie Angelotti hieß, nur ist der mit den Franzosen aus Rom geflohen und lebte noch lange.

    Sardou war ein so cleverer Geschichtsklitterer gewesen wie Eugène Scribe, der in seinen Libretti zu „Hugenotten“ und „Jüdin“ mit der Bartholomäusnacht und dem Einzug des Kaisers Sigismund zwei historische Ereignisse auf die Bühne brachte.

    Ich versuche jetzt ein bisschen, Werke, die ich gesehen habe, auf ihre historische Relevanz abzuklopfen: Man weiß, wann Cola di Rienzo ermordet wurde, man weiß, wann Simone Boccanegra (möglicherweise vergiftet) gestorben ist, man kennt den Todestag von Boris Godunov, man nimmt historisch an, dass Papst Leo III. 452 Attila getroffen hat. Man weiß, wann André Chenier guillotiniert wurde, allerdings allein, seine Zellgenossin, die Coigny wurde mit ihrem Mann gerettet.

    Verdi hat, wie bereits erwähnt, nicht nur rasch aus dem ermordeten Schwedenkönig den Bostoner Gouverneur gemacht und aus dem Mörder Anckarström den Renato, alles andere ist gleichgeblieben. Wen stört es heute?

    Auch hat er nicht lange gezögert, als ihm der österreichische Zensor den Franzosenkönig Franz I. nicht gestattete und aus diesem einen Herzog von Mantua gemacht. Ihm ging es um ganz Anderes als historische Genauigkeit und das ist in seinen Briefen auf sehr eindrückliche Weise nachzulesen.

    Seine „Traviata“ spielte lt. Programmheft des La Fenice bei der Premiere im Jahr 1700 unter Ludwig XIV., weil der österreichische Zensor die Gegenwart von 1850 sehr zum Leidwesen des Komponisten nicht gestattete. Und das blieb dem Programmbuch zu Folge das ganze 19. Jahrhundert in Italien so. Funktioniert die „Traviata“ im Barock? Und was ist mit dem „Urgel viva!“ aus dem Finale des II. Aktes des „Troubadour“? Auch das ist historisch und bezieht sich auf eine uns halt sehr ferne kriegerische Auseinandersetzung.

    Ich habe jetzt also Werke aufgezählt, die ich gesehen habe und in denen historische Personen und Ereignisse gestaltet sind, ganz im Gegensatz zu „Tosca“, dort führt ein kurzer Bericht über die Schlacht von Marengo zur Wende in der Handlung.

    Was mich wieder zur Frage zurück führt: Warum nur, warum ist das immer nur bei der „Tosca“ d a s Thema? Weil von den „Veristen“ um die Wende zum 20. Jahrhundert durch ihre naturalistischen Anwandlungen falsche Fährten gelegt wurden. Ich kann es mir nicht anders erklären.

    Wenn Marcel Reich-Ranicki einmal auf seine unvergleichliche Art fragte: „Worum geht es in der Literatur?“ und zur Antwort gab „Um Liebe und Tod“, so gilt das für die Oper in gleichem Maße. Das Historisierende ist nur die Folie, vor der die essenziellen Themen abgewandelt werden.

    Wie jemand dieses historische Kolorit in seiner Inszenierung umsetzt, das ist eine andere Frage. Da sind die sehr gegensätzlichen Positionen ja in allen Kulturforen sehr festgefahren. Diese Umsetzung war allerdings nicht der Ausgangspunkt dieses Threads.

    'karnifeln' ist ein Austriazismus mit der Bedeutung "quälen, ärgern":

    Wäre nicht "piesacken" im deutschen Deutsch ein adäquates Wort für "karniefeln"?

  • Was mich wieder zur Frage zurück führt: Warum nur, warum ist das immer nur bei der „Tosca“ d a s Thema?

    Vermutlich weil in dieser Oper, im Gegensatz etwa zum 'Ring des Nibelungen' ganz konkrete Orte (die man heute noch so aufsuchen kann) zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt als Ort der Handlung angegeben sind.

    Wenn Marcel Reich-Ranicki einmal auf seine unvergleichliche Art fragte: „Worum geht es in der Literatur?“ und zur Antwort gab „Um Liebe und Tod“, so gilt das für die Oper in gleichem Maße.

    Reich-Ranicki war allerdings in Hinblick auf Operninszenierungen eher traditionell und hat beklagt, dass Regisseure häufig genug vergäßen, dass die Oper doch auch eine 'kulinarische' Kunstform sei.

    Klar kann man die Handlung etwa vom Tannhäuser von der sicher eher sagenhaften mittelalterlichen Wartburg in den Hörsaal eines US-Colleges verlegen wie jetzt in Frankfurt und aus Tannhäuser einen Schwulen oder Bisexuellen machen. Wenn ich dann allerdings in der Vorstellung sitze, lese die Übertitel mit und sehe, dass die vom gesungenen Text erzählte Geschichte haarsträubende Unterschiede zu der auf der Bühne gezeigten aufweist, stört mich das, und ich verstehe nicht, dass es nicht noch mehr Leute stört. Ich jedenfalls kriege das nicht zusammen. Es ist für mich so, als sähe man Film A und hört dazu die Tonspur von Film B.

    Ich frage mich auch, warum macht der Regisseur eigentlich den Tannhäuser, wenn ihn die in Libretto und Partitur niedergelegte Geschichte offensichtlich nicht oder nur sehr am Rande interessiert. Man hat den Eindruck, der Regisseur hat eine Idee im Kopf, was er machen will und sucht sich dann dazu die Oper aus, von der er meint, sie passe noch am ehesten zu seiner Idee. Ehrlichweise sollte sich der Regisseur zur neuen Geschichte auch neuen Text und das ganze als 'sehr frei nach Motiven aus Wagners Tannhäuser' verkaufen. Dann würde niemand etwas sagen, denn man wüsste, es ist ist eine Bearbeitung und keine Inszenierung.

    Sicher, wenn man den Tannhäuser sehr oberflächlich zusammenfasst - genialischer Künstler scheitert an der Borniertheit seiner Mitmenschen -, dann scheint so ein Konzept wie in Frankfurt zu passen. Aber wenn man sich im Detail mit dem Stück befasst, merkt man, dass man dem Stück schon ziemlich viel Gewalt antun muss, um es so hinzubiegen wie jetzt in Frankfurt.

  • Warum nur, warum ist das immer nur bei der „Tosca“ d a s Thema? Weil von den „Veristen“ um die Wende zum 20. Jahrhundert durch ihre naturalistischen Anwandlungen falsche Fährten gelegt wurden. Ich kann es mir nicht anders erklären.

    Weil gerade bei der "Tosca" Zeit und Ort so exakt datiert sind.

    Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern, ist schon ewig lange her: da wurde jeder Akt der "Tosca" genau zu dem Zeitpunkt und an dem Ort aufgeführt, zu denen das jeweilige Geschehen zugeordnet war.

    Kam im TV, mit Plácido Domingo, Catherine Malfitano und Ruggero Raimondi. Ich glaube, "Zubi" hat dirigiert.

    Ich habe mir den Spaß gemacht und mich daran gehalten. Ich hätte das Ganze ja einfach aufnehmen können. Aber irgendwie hatte es was....

    Das mit den Veristen und "falschen Fährten" verstehe ich nicht.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Weil gerade bei der "Tosca" Zeit und Ort so exakt datiert sind.

    Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern, ist schon ewig lange her: da wurde jeder Akt der "Tosca" genau zu dem Zeitpunkt und an dem Ort aufgeführt, zu denen das jeweilige Geschehen zugeordnet war.

    Kam im TV, mit Plácido Domingo, Catherine Malfitano und Ruggero Raimondi. Ich glaube, "Zubi" hat dirigiert.

    Ich habe mir den Spaß gemacht und mich daran gehalten. Ich hätte das Ganze ja einfach aufnehmen können. Aber irgendwie hatte es was....

    Das mit den Veristen und "falschen Fährten" verstehe ich nicht.

    Eine tolle Sache war das und ich habe das seinerzeit auch live verfolgt, weil ja tatsächlich die Handlung sich innerhalb von 24h abspielt. Ich erinnere mich noch, wie Domingo recht bemerkbar im ersten Akt hingefallen war und dann später auf der Engelsburg geschlottert haben dürfte. Er meinte später einmal, dass die Kälte und Müdigkeit ihm zusetzten. Es war eine tolle Idee, in dieser Art gab es dann noch Traviata und Rigoletto.

  • Ja, und er sah echt schlecht aus auf der Engelsburg, und irgendwie war das Ganze sehr eindrücklich.

    Für mich war das DER Beweis, daß es einfach eine unvergleichlich bessere Wirkung hat, wenn es authentisch gemacht ist.

    "Rigoletto" habe ich auch gesehen, die "Traviata" ist mir leider entgangen.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • "Rigoletto" habe ich auch gesehen, die "Traviata" ist mir leider entgangen.


    Wie sieht es denn mit dem Willen des Komponisten aus, wenn Tenöre auf einmal die Bariton-Rollen singen? Das darf man wohl seltsamerweise ignorieren? Meinen Sie nicht, dass Verdi die Rolle für einen Tenor geschrieben hätte, wenn er das für richtig gehalten hätte?


    Und wie sieht es bei Bizet aus? Dessen Carmen wurde erst zum Erfolg, nachdem man nach seinem Tod eine neue Fassung erstellt hat. Also wenn das nicht gegen den heiligen Willen des Komponisten geht...

  • Wie sieht es denn mit dem Willen des Komponisten aus, wenn Tenöre auf einmal die Bariton-Rollen singen? Das darf man wohl seltsamerweise ignorieren? Meinen Sie nicht, dass Verdi die Rolle für einen Tenor geschrieben hätte, wenn er das für richtig gehalten hätte?

    Nun, lieber Enrico, das ist ein andres! Es kommt nicht darauf an, wie die Noten in Töne umgesetzt werden, nicht darauf, welches Stimmfach einem Sänger offiziell zugeordnet wird. Dabei geht es also um unterschiedliche Nuancen und Interpretationen, nicht um eine Veränderung des aufgeführten Werkes.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Sie haben es mir gerade voweggenommen, lieber Hagen!

    "Das ist ein Fall (bzw. Fälle) von andrer Art"!

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Sie haben es mir gerade voweggenommen, lieber Hagen!

    Das tut mir leid, werte Ira! Soll ich meinen Beitrag löschen?

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Puccinis Musik gehört nun einmal stilistisch eindeutig in die Jahrzehnte um 1900. Wenn ich Scarpia und seine Mannschaft zum Beispiel in SS-Uniformen stecke, dann ergibt das zwar eine Übereinstimmung bezüglich der Fiesität, aber es bleibt ein Stilbruch, denn die SS asoziiert man nicht böser Eleganz und heuchlerischer Sentimentalität sondern mit brutaler Gewalt (Cavaradossi wird im Original ja nicht auf der Bühne gefoltert). Ebenso wenn ich die Paare der "Cosi" in heutigem Gewand auftreten lasse, dann spießt sich das mit dem Charakter der mozartischen Musik. Solche Widersprüche wirklich glaubhaft zu überwinden, bedarf es außergewöhnlichen Talents. Nicht umsonst verschwinden fast alle Inszenierungen bald in der Vergessenheit und nur wenige prägen die Erinnerung wie etwa ein Wieland Wagner.


    Rilke, ein Zeitgenosse Puccinis, sehr treffend:

    Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.

    Sie sprechen alles so deutlich aus.

  • Wenn ich Scarpia und seine Mannschaft zum Beispiel in SS-Uniformen stecke, dann ergibt das zwar eine Übereinstimmung bezüglich der Fiesität, aber es bleibt ein Stilbruch, denn die SS asoziiert man nicht böser Eleganz und heuchlerischer Sentimentalität sondern mit brutaler Gewalt (Cavaradossi wird im Original ja nicht auf der Bühne gefoltert).

    Und vor allem wäre damit gar nichts gewonnen. Ist die Grausamkeit mehr oder weniger grausam, wenn sie von Nazis statt von historisch passenden Personen begangen wird? Nein! Die Geschichte kommt einem mit der SS nicht näher. Im Gegenteil sogar: die persönliche Gransamkeit Scarpias wird eher noch dadurch relativiert, dass ein SS-Mörder Teil einer skrupellosen Gruppe ist, erzogen und sozialisiert zum Mord und zur Kaltblütigkeit. In der SS spielen staatlich geförderte Gruppendynamik, Manipulation, Führer- und Gehorsamsideologie, geplant vollzogene Degeneration und sozialpsychologische Prozesse eine große Rolle. Man kann also die Brutalität von SS - Leuten leicht einordnen und herleiten. Aber die Grausamkeit Scarpias? Sie hat andere Ursachen, tiefere, über die sich nachzudenken lohnt und die nicht so einfach schubladenhaft in eine massenpsychologische Degenerierung einzuordnen sind, nach dem Motto: Ach so, SS - Leute! Na dann!
    Fazit: Scarpia als SS - Mann erklärt nichts, nimmt dem Stück stattdessen eine bedeutende Tiefendimension: nämlich die Frage nach den Ursachen individueller Boshaftigkeit und Schuld.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Rilke, ein Zeitgenosse Puccinis, sehr treffend:

    Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.

    Sie sprechen alles so deutlich aus.

    Diesen Vorwurf kann man Rilke hingegen nicht machen. ;)

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Aus dem Artikel:


    "Aber dem Publikum gefällt es nicht mehr" bzw. "... und die Zuschauer bleiben fern"


    Da bin ich mich nun leider gar nicht so sicher. Der Tannhäuser in Frankfurt ist ja immer ausverkauft und das Publikum bejubelt ihn bzw. johlt und jault, wie das heutzutage üblich ist und auch am letzten Sonntag war. Frei nach Goehte: "Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen und jedermann erwartet sich ein Fest Spektakel"

  • Darin auch: "Prachtvolle Zeitkostüme und Modeattribute wie Bärte sind verschwunden, die Geschichten wurden jedoch sinngemäß erzählt."

    Genau das ist die Kunst der Regie: Alte Zöpfe und Bärte gerne abschneiden, aber alles im Dienst des Kerns oder der Kernaussagen der Werke! Diese gilt es zu verdeutlichen, nicht zu verzerren oder ihnen zu widersprechen. Letzteres zu tun oder auch nicht, sollte man den Zuschauern überlassen.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

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