Original/Live kontra Repro/Konserve

  • Dieses Thema, das schon in einem anderen Thread andiskutiert wurde, bedarf über rein subjektive Vorlieben hinaus sicher einer grundsätzlichen Erörterung, ohne daß man unbedingt in allen Punkten zu einem schlüssigen Ergebnis kommen wird oder muß. Aber wie alle Gedankenspielereien, die an die Probleme "Was ist Kunst?" und "Wie konsumiere ich Kunst" anstreifen, ist das ein weites Feld, das man stets aufs neue beackern kann und dabei immer auf neue Fragen stoßen wird. Akzeptiert man die Unzulänglichkeit, den Dingen völlig auf den Grund zu gehen, dann läßt sich auch aus der Verfolgung des Prinzips "Der Weg ist das Ziel" genügend Befriedigung gewinnen.


    Unstrittig als Ausgangspunkt ist die Tatsache, daß jede Aufzeichnung in Bild und/oder Ton das Kunstwerk verändert und bis zu einem gewissen Grad sogar verfälscht. Jede CD, DVD oder jedes bebilderte Werk über Malerei, Plastik, Architektur und Kunstgewerbe vermittelt einen anderen Eindruck als das Original. Über das "Wie" lassen sich Bände schreiben und wir könnten das bei Bedarf auch diskutieren. Andererseits ist es ja unmöglich, alle Werke zu kennen und zu konsumieren, ohne sekundäre Wiedergaben heranzuziehen. Zu billig wäre es aber, den Nutzen der Reproduktion nur auf den Informationswert zu reduzieren. Denn so wie diese wesentliche Eigenschaften des Originals schwächen oder unterdrücken kann, so vermag sie auch unter Umständen, bestimmte Charakteristika besonders herauszustreichen oder überhaupt erst bemerkbar zu machen. Sitze ich im Konzert, oder in der Oper, macht es einen großen Unterschied, ob ich rechts, links, oben oder unten, nah oder weit entfernt postiert bin, ob der Saal voll ist oder halbleer. Was ich höre, ist letztlich nur ein Teil des Originalwerks, kaum je - wenn wir penibel sind - das "Ganze". Dem komme ich nur näher (wohlgemerkt: näher, nicht mehr), wenn ich das Werk wiederholt und unter verschiedenen Bedingungen erlebe.

    Die mit der Aufzeichnung oder sonstigen Wiedergabe verbundene Umformung des Originals läßt sich mit zunehmender Erfahrung teilweise kompensieren, wenn man sich mit den Reproduktionsgewohnheiten und -stilen vertraut macht. Jeder einigermaßen aufmerksame TV-Seher weiß, daß etwa bei Landschaften die Farben meist künstlich satter erscheinen als in Wirklichkeit, ein routinierter Opernhörer wird halligere von trockeneren Einspielungen unterscheiden, Studioaufnahmen von Live-Aufzeichnungen usw. Höre ich eine Aufnahme aus den 1930er Jahren, stelle ich mehr oder weniger unterbewußt die damalige Technik und ihre Resultate in Rechnung. Natürlich ersetzt mir das nicht das Präsenzerlebnis, aber das Kunstwerk ist damit nicht "ausradiert". Inwieweit man das Verbliebene goutiert, ist subjektiv bedingt. Manchem ist das zu wenig, andere sind trotzdem begeistert oder zumindest zufrieden. Und dazwischen gibt es alle möglichen berechtigten Schattierungen. Und wie steht es mit einem Karajan, der ja teilweise ganz bewußt für Reproduktionsmedien gestaltet hat?

    Man kann Wiedergaben mit ein bißchen Erfahrung manchmal ganz gut datieren, man kann dank Wiedergabe vergleichen und sogar werten (es gibt nun einmal Referenzwiedergaben, die Maßstäbe setzen - was nicht heißt, daß damit andere ebenso wertvolle Interpretationen oder Neugestaltungen weniger wert sind), wir können dank der Wiedergaben trotz deren Unzulänglichkeit unser Kunstverständnis vertiefen und unser Hör- und Seherlebnis intensivieren. Inwieweit wir uns darauf einlassen, ist individuelle Geschmackssache und sollte daher außer Streit stehen. Keine Kopie kann das Original ersetzen, aber oft kann sie den Weg zum Original ebnen. Manchmal auch verstellen. Jedoch trotz allen Mißbrauchs: Meine persönliche Welt wäre ärmer ohne sie.

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