Publikumsreaktionen in der Oper und im Konzert

  • "Was ist denn los? Der ist doch heute auch nicht besser als sonst?" Antwort: "Das nicht, aber heut mach ma'n fertig."

    "Verdammte Bosheit"

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Je länger die Karriere eines Sängers ist, dessen Fan man ist, desto größer und intensiver und wohl auch oft unkritischer ist die (Über -) Identifikation mit ihm.

    Das mag in manchen Fällen so sein (ich kenne jemanden, auf den das zutrifft). Aber normalerweise besteht doch eine Distanz, auch wenn man einen Sänger noch so bewundert.

    Ich habe Plácido Domingo immer bewundert, habe ihn auch persönlich als einen liebenswerten, humorvollen Menschen kennengelernt, identifiziert habe ich mich aber nie mit ihm.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Wäre da nicht das Publikum....

    Ich entnehme der Kritik, dass Michele Pertusi nach der Pause „angesagt“ wurde, das wurde im Stream auf ARTE vergangenen Donnerstag nicht gezeigt. Mir kam Pertusi in der Übertragung allerdings nicht anders vor als im französischen Carlos in Wien vor einigen Jahren. Der Philipp scheint nicht wirklich seine Rolle zu sein.

    Was die tumultuarischen Ereignisse vor und während der Vorstellung anlangt, da fällt mir die Inaugurazione mit Verdis „Ernani“ unter Muti vor vielen Jahren ein, die ich miterlebt habe. Die Regie stammte von Luca Ronconi, von dessen „Don Carlos“-Inszenierung mit Claudio Abbado man in Mailand heute noch schwärmt. Die Besetzung des „Ernani“ war kaum zu toppen: Mirella Freni, Palcido Domingo, Renato Bruson und Nicolai Ghiaurov. Allerdings war schon einige Tage vor der Premiere aus Kreisen der „Loggionisti“ (der Stehplatzler) zu vernehmen, dass die Freni keinen angenehmen Abend haben werde, weil die Elvira nicht ihre Partie sei (es gab damals noch die sogenannten „Callas-Witwer“ an der Scala). Und so war es auch. Von der Galerie wurde sie schon vor ihrer Arie mit Schimpfworten begrüßt, die ich nicht wiederholen möchte. Und sie wurde den ganzen Abend sehr unfreundlich behandelt. Muti, der ja Purist war, hatte zudem die sehr effektvolle Cabaletta „Infin che un brando vindice…“, die im Original nicht vorhanden ist und von der man damals auch nicht genau wusste, ob sie wirklich von Verdi stammt, nicht singen lassen, was wiederum ein Proteststurm auslöste. „Vai dal filologo“ war noch das Harmloseste, das er sich anhören musste. Nach der Pause wurde er minutenlang auf so wüste Weise angefeindet, dass er nicht mehr weiter dirigieren konnte. Da stand plötzlich der von seinen Landsleuten besonders verehrte Staatspräsident Sandro Pertini auf, der übrigens nicht in der Königsloge saß, wie am Donnerstag ein spezieller Polit-Rüpel, ging nach vorne, und umarmte den Dirigenten. Erst dadurch kehrte Ruhe ein. Domingo hat der Zirkus nix ausgemacht, die Freni war klarerweise gezeichnet, brachte die Aufführung aber mit Anstand zu Ende, und Bruson, offensichtlich sensibler als Domingo oder Ghiaurov, bekam leichte Hüstelanfälle.

    Das war allerdings auch die Zeit, in der es vor der Premiere wilde politische Demonstrationen gab und die Besucher nur mit Polizeischutz die Scala betreten konnten, die Damen beispielsweise ihre teuren Pelzmäntel zu Hause lassen mussten, wollten sie nicht Gefahr laufen, einen Farbbeutel abzubekommen. "Wäre da nicht das Publikum ..." hatte damals noch einen intensiveren Hautgout.

  • Aus dem Artikel:


    "Aber dem Publikum gefällt es nicht mehr" bzw. "... und die Zuschauer bleiben fern"

    Dieses obige Zitat stammt aus einem anderen Thread. Es animiert mich aber dazu, etwas über die Zuschauerprioritäten mitzuteilen und von mir dazu bereits in der Vergangenheit gemachte Gedanken mit Ihnen zu teilen.


    Ich beziehe mich dabei auf:

    Erwartungen an den Opernbesuch und

    bevorzugte Inszenierungsstile

    Eine empirische Analyse der ästhetischen Präferenzen von Opernbesuchern von K.-H. Reband, 2010


    Die Zitate aus der Studie sind mit eigenen persönlichen Kommentaren versehen:


    1) "[...] erweist sich das musikalische Erleben für sie als wichtigster Aspekt. Rund vier Fünftel

    der Düsseldorfer und Kölner Befragten stufen diesen Aspekt als „sehr

    wichtig“ ein. An zweiter Stelle folgen die sängerischen Leistungen mit

    Werten von 77 % bzw. 66 % (vgl. Tab. 1)."


    Das zeigt deutlich, dass Oper primär als ein musikalisches Ereignis wahrgenommen wird. Regie ist sekundär, dient damit der Darbietung des primär Musikalischen.


    2) "Und danach hat die Inszenierungspraxis eine gegenüber der Musik höchst nachrangige Funktion."


    Das sollten Regiekonzeptionen berücksichtigen und auch Intendanten. Denn es stellt sich damit auch die Frage, wie aufwendig Regie sein sollte, wenn die Menschen doch vor allem Musik hören und erleben wollen.


    3) "Es geht für sie um Emotionen, nicht um eine intellektuelle Dechiffrierung des Geschehens."


    Das war schon für Wagner das Entscheidende. Über die Emotion gelangt man zum Nachdenken. Bei mir persönlich ist das anders. Ich suche gerne Impulse zum Nachdenken über das Werk, auch oft beim Hören des Werkes und bin dankbar, wenn die Regie mir solche Impulse gibt. Ich muss allerdings den Eindruck haben, dass die Impulse aus dem Werk oder / und der Intention des Komponisten abgeleitet sind, denn nicht die Willkür des Regisseurs interessiert mich, sondern die Tiefendimension des Werkes.


    4) "Und bei musikalischem Erleben wiederum geht es nicht in  erster Linie um die Sänger und ihre Spitzenleistung, sondern das Gesamterleben, von dem die Sänger lediglich ein Bestandteil sind."


    Ich kenne viele, bei denen es anders ist. Aber bei mir ist es so, wie die Studie sagt: die Sänger betrachte ich nicht vor allem als Stars und Virtuosen, sondern als musikalisch und darstellerisch Ausübende, die mit dem Orchester zusammen eine Gesamtleistung bringen. Ich erwarte keine Stars, sondern überzugende, packende und spannende musikalische und musikdramatische Gesamtdarbietungen.


    5) "Unter den Opernbesuchern ist sehr wohl eine gewisse Aufgeschlossenheit für Experimente vorhanden. Die Frage ist eher, wo die Grenzen gezogen werden, was noch als tolerabel  angesehen wird und was nicht."


    Das ist ja der springende Punkt. Es geht nicht um Schwarz - Weiß, so wie man immer wieder als Staubi bezeichnet wird, wenn man nicht alles Regietheatralische kritiklos hinnimmt oder gar genial findet, man mag auch noch so offen sein. Ich habe auch gerne nicht in der Zeit der Handlung spielende Inszenierungen, wenn sie abstrahierend sind und mich die Inszenierung damit zum Nachdenken anregt und mir zugleich das Werk nahebringt.


    6) "Die Antworten zeigen (Tab. 2), dass in Düsseldorf wie in Köln eine relative  bzw. sogar absolute Mehrheit eine Aufführung in der Zeit der Handlung  vorzieht."


    Zu dieser Mehrheit gehöre ich nicht prinzipiell. Da die Anliegen des Werkes auch in Inszenierungen dargebracht werden können, die aus der Handlungszeit herausfallen, wenn sie denn wirklich auftauchen und wenn sie wirklich im Vordergrund stehen und nicht in der Inszenierung durch werkfremde Elemente überlagert werden.


    7) "Das ‚moderne‘ Regietheater, das sich im Gewand der Neuzeit darstellt, findet offensichtlich nur bei einer kleinen Minderheit explizit Beifall"


    Das ist nichts Neues, und jeder der ins Theater geht, weiß und erlebt das. Nur einige wenige Regietheater - Freunde versuchen sich immer wieder das vernichtende Echo im Publkum schönzureden, sei es, dass sie es wirklich selbst glauben, sei es, dass sie anderen nur etwas vormachen wollen.


    8) "Gleichgültig wie alt jemand ist oder welche Bildung er  hat – das musikalische Erleben steht im Vordergrund dessen, was er sich  von einem Opernbesuch in erster Linie erwartet."


    Wenn also neue Zielgruppen erreicht werden sollen, sollte ein Theater auf Musik setzen und nicht auf Skandal.


    9) "Die besser Gebildeten sind weniger darauf festgelegt, dass das Geschehen in der Zeit der Handlung stattfindet. Sie sind aber auch nicht häuger für eine Verlagerung in die Gegenwart."


    Ersteres ist klar. Als gebildeter Mensch ist man aufgrund seines Bildungshorizontes und seines Wissens eher fähig, Regietheater - Kapriolen zu verstehen und vielleicht auch bereit und daran gewöhnt, überhaupt über manche Verrenkungen des Regietheaters nachzudenken. Der zweite Satz des Zitats zeigt aber, dass Gebildete auch ohne Regietheater in der Lage sind nachzudenken. Auch in konservativen Inszenierungen können für mich Denkimpulse liegen. Denn konservativ muss ja nicht plakativ, langweilig, altbacken heißen. Auch konservative Inszenierungen können den Kern des Werkes freilegen und emotional wie kognitiv ansprechen.


    10) "[...] dass die Mehrheit der Zuschauer in Opernaufführungen nicht Anregungen zum Nachdenken, sondern in erster Linie das musikalische Erleben suchen. Sie wünschen sich emotionale und nicht kognitive Erfahrungen."


    Für mich muss das keine Alternative sein.

    11) "Und sie präferieren mehrheitlich einen Inszenierungsstil, der das Geschehen – in konkreter oder abstrahierender Form – in der Zeit der Handlung stattfinden lässt und nicht in der Gegenwart."

    Interessant, dass hier durch die Bestimmung "in abstrahierender Form" deutlich wird, dass die Aufführung zur Zeit der Handlung spielen lassen zu wollen nicht gleichzusetzen ist mit naturalistischer Darstellung. So einfältig sind Freunde dessen, dass man die Handlung in ihrer Zeit belässt, wohl doch nicht!


    12) "Das Regietheater unterliegt eigenen Dynamiken und ist in Teilen ein selbstreferentielles System, das sich primär oder ausschließlich an den aktuellen, geläu figen Standards und Moden innerhalb der‚Regie-­Community‘ orientiert, ohne die Rezipienten – das Publikum – zur Kenntnis zu nehmen. Es läuft dabei Gefahr, selbst in neugeschaffener Konvention zu erstarren (FRIEDRICH 2005)."


    Bemerkenswert! Ein kleiner Kreis feiert sich selbst und lacht über das Publikum, dabei vergreist dieser kleine einstmals so avangardistische Kreis mehr und mehr und merkt gar nicht, wie alt und langweilig er geworden ist.


    13) "Inzwischen aber ist das moderne Regietheater längst an vielen Orten zur neuen Orthodoxie geworden"


    Und wehe, man widerspricht! Dann werden Kübel des Lästerns über einen ausgeschüttet und man wird als Lieschen Müller oder Staubi unmöglich gemacht. Das ersetzt die Auseinandersetzung mit der Kritik, und man kann weitermachen wie bisher.


    14) "Dass sich manche Zuschauer dennoch am Schluss mit der Aufführung, ja selbst der Inszenierung hinlänglich zufrieden äußern (REUBAND 2005a), dürfte teilweise darauf zurückzuführen sein, dass Opernbesucher Experimente nicht schlichtweg ablehnen, sondern dem Regisseur durchaus einen gewissen Spielraum einräumen. Teilweise arrangiert

    man sich auch mit dem Gesehenen, indem man sich vorstellt, dass es alles hätte noch schlimmer werden können: „Gelegentlich vernimmt man nach einer Vorstellung das fast erleichterte Aufatmen, dass es ja ‚sooo schlimm‘ gar nicht gewesen sei“ – als „handele es sich bei einer Theateraufführung nicht etwa um ästhetisches Vergnügen, sondern einen

    Zahnarztbesuch“ (FRIEDRICH 2005: 33)."


    Dieser Effekt wird dann fälschlicherweise so interpretiert, als habe das Publkum doch alles gutgefunden, was aber gar nicht der Fall war ( s. z.B. "Lohengrin" in Bayreuth, von H. Neuenfels inszeniert).


    15) "Partiell dürfte die geäußerte Zufriedenheit mit einer Inszenierung, die man aufgrund eigener ästhetischer Präferenzen eigentlich hätte ablehnen müssen, ebenfalls Folge eines unbewussten innerpsychischen

    Prozesses sein, der in der Sozialpsychologie als ‚kognitive Dissonanzreduktion‘ bezeichnet wird. Danach werden Entscheidungen, zumal wenn sie mit Ambivalenzen einhergehen, nachträglich durch konsonante Realitätsdeutungen kognitiv aufgewertet und abgesichert (FESTINGER 1957). Was im vorliegenden Fall bedeutet: Man rechtfertigt vor sich selbst im Nachhinein die Entscheidung, in die Oper gegangen zu sein, und man tut dies umso mehr, je mehr dies mit Aufwand und Kosten verbunden war. Die Positivbewertung einer Inszenierung, die man eigentlich hätte

    ablehnen müssen, fällt zudem umso leichter, je mehr andere Aspekte der Aufführung positive Eindrücke verschaffen. Das musikalische Erleben überlagert teilweise die Unzufriedenheit mit der Inszenierung und fließt in das Urteil mit ein (REUBAND 2005a)."


    Den Inhalt des Zitates Nr. 14 und der dieses Zitates sehe ich nach wie vor als einen der Hauptgründe an, warum in Bayreuth angeblich viele z.B. den "Lohengrin" in der Inszenierung von H. Neuenfels in Bayreuth so gut fanden: "Es muss gut sein, es ist Bayreuth, ich habe viel dafür gezahlt, außerdem hätte es noch schlimmer kommen können."
    Nicht zu vergessen ist die Gewöhnung. Dass etwa nach fünf Jahren Schlingensief nicht mehr viel gebuht und sich empört wurde, liegt doch vor allem an der Gewöhnung und nicht so sehr am wachsenden Gefallen des Publikums.


    Zitate aus der Studie mit eingen persönlichen Kommentaren versehen, Teil IV:


    16) "Unsere Befunde belegen, dass das Urteil über die ästhetischen Standards der Jüngeren der Realität unter den Opernbesuchern nicht gerecht wird und sich die Jüngeren in ihren ästhetischen Präferenzen nicht nennenswert

    von den Älteren unterscheiden."


    Darum sollte man etwa in Bayreuth schnellstens von der Vorstellung wegkommen, mit besondes schrägen Inszenierungen und Regie - Verpflichtungen könne man nachhaltig ein junges Publikum ansprechen. Gute Musik in überzeugender, spannender und professioneller Darbietung, orientiert sich am Werk. Damit erreicht man - vielleicht - auch Jüngere, vielleicht auch nicht. Aber in jedem Fall zieht Wagner mehr als Castorf oder Meese, nach Bayreuth und in andere Opernhäuser.


    17) "Daraus folgt, dass das Regietheater der Tendenz nach geeignet ist, den Einfluss der sozialen Kluft auf Opernbesuch

    und Nichtbesuch eher zu vergrößern als zu verringern."


    Wer, außer denen, die sich als Lobby für das "Regietheater" verstehen; wer, der die Oper kennt, wollte das bestreiten, auch vor der Kenntnis dieser Studie?


    18 ) "Das Regietheater, das einst in den 1960er Jahren im Kontext der Gesellschaftskritik entstand, versehen mit

    maßgeblichen Impulsen marxistischer und neomarxistischer Kritik, stabilisiert paradoxerweise das System sozialer Ungleichheit, das einst Anlass des eigenen Aufbegehrens war."


    Das müsste den Regietheater - Machern eigentlich wehtun. Aber es sind ja nicht mehr die aus den 1960er Jahren, es sind die von heute, denen damalige Neuerung heute zu einem salonsozialistischen Ruhekissen degeneriert ist.


    19) „Denn solange der Unmut ein gewisses Grummeln nicht übersteigt, fördert er die Attraktivität

    des Hauses: Nur die ausgebuhte Inszenierung garantiert Aufmerksamkeit“ (BREMBECK 2010: 11)."


    Ja, das ist schlimme ideologische Selbstrechtfertigung. Aber sie ist längst entlarvt, auch wenn sie noch immer unbeschämt den Kopf hoch trägt.


    20) "Doch Aufmerksamkeit im auswärtigen Feuilleton oder unter Intendanten und Kulturpolitikern kann nicht der Maßstab für Erfolg sein."


    Die Formulierung ist schlecht gewählt: "kann nicht" stimmt nicht. Sie kann schon, sie sollte aber nicht. Und darum muss das Publikum selbstbewusster werden und deutlicher sagen, was es denkt, und Theater sollten ihr Publikum in einen Diskurs hineinziehen, statt über dessen Köpfe hinweg Kulturpolitik zu machen und Opern an ihnen vorbei zu inszenieren. Das Publikum will ernstgenommen werden von den Kunstmachern und gefordert werden von der Kunst. Wenn beides zusammenkommt, wird es gelingen, das Publikum an sein Theater, seine Theatermacher und die aufgeführte Kunst zu binden.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Ich will nicht auf alles hier eingehen, aber einige Sachen stoßen mir doch etwas auf.


    Zunächst ist es meiner Meinung nach nicht hilfreich alles was keine 1:1 Widergabe des Librettos ist, als Regietheater über einen Kamm zu scheren. Jede Produktion ist für sich zu betrachten und zu bewerten.

    Der Zuschauer äußert seine Meinung im Theater und danach - sollte er auch. Auch im Applaus sollte, ganz im Sinne des Bayreuther Geistes, Kritik enthalten sein dürfen. Natürlich zielgerichtet an die mangelhaften Teile der Produktion. Nur die langweiligsten (und damit aus meiner Sicht schlechtesten) Vorstellungen erzeugen keinen Diskurs. Ich höre aber oben heraus, dass wenn besagter Zuschauer dieses "Regietheater" sogar gut findet, sich und die anderen anlügt. Das halte ich für Quatsch. Es sollte auf der Hand liegen, das unterschiedliche Typen, unterschiedliche Meinungen haben und vertreten.


    Weiterhin ist jede Oper ein unglaublich großes Projekt, mit dutzenden, manchmal mit an die hunderte Beteiligte. Ich finde es falsch die Regie derart in den Vordergrund zu stellen und überzugewichten.


    Ich verstehe grundsätzlich natürlich das manche traditionellere Vorstellungen bevorzugen, daran ist nichts auszusetzen. Aber man sollte vom konkreten Beispiel argumentieren und keine Pauschalverurteilung für alles Neue oder Experimentelle ausüben.

  • Zunächst ist es meiner Meinung nach nicht hilfreich alles was keine 1:1 Widergabe des Librettos ist, als Regietheater über einen Kamm zu scheren. Jede Produktion ist für sich zu betrachten und zu bewerten.

    Das sehe ich auch so. Es geht aber hier nicht darum, ob einer von rechts oder links auftritt. Das sind Kleinigkeiten. Um welche Dimensionen es geht, wird deutlich, wenn man meinen Bericht über die "Cosi fan tutte" in Gelsenkirchen liest, oder wenn man an den "Ring" in der Inszenierung von Herrn Castorf oder an H. Neuenfels´ "Lohengrin" - Inszenierung denkt.

    Ich höre aber oben heraus, dass wenn besagter Zuschauer dieses "Regietheater" sogar gut findet, sich und die anderen anlügt.

    Der Effekt, der gemeint ist und auf den Sie sich beziehen, ist wohl der, dass man etwas unbewusst gutredet, damit man sich nicht ärgert, für etwas Übles Geld ausgegeben zu haben. Dass es einen solchen Effekt gibt, dürfte unbestritten sein, nicht nur in Bezug auf die Oper.

    Weiterhin ist jede Oper ein unglaublich großes Projekt, mit dutzenden, manchmal mit an die hunderte Beteiligte. Ich finde es falsch die Regie derart in den Vordergrund zu stellen und überzugewichten.

    Das ist richtig. Darum ist ein Regisseur ein Spielleiter und hat dienende Funktion, statt der Regie ein solches Gewicht zu geben, dass sie das ganze Werk in eine Schieflage bringt. Die Dabietung des Orchesters, der Solisten, des Chores, der Bühne, der Regie und der Technik dienen dem Werk, bzw. deren Kernaussage(n) und / oder der Intention des Komponisten bzw. Librettisten. Insofern ist jede Oper ein Gesamtkunstwerk. Es gibt keine künstlerische Legitimation dafür, dass die Regie sich herausnimmt, das Werk so zu bearbeiten, dass Kernaussagen und / oder Intentionen unbeachtet bleiben, oder so, dass sie diesen sogar entgegenwirkt, sich in Widerspruch zu ihnen befindet. Auch ein Dirigent ändert nicht plötzlich die Musik ab, macht aus Dur moll, oder aus einem Adagio ein Presto.

    Ich verstehe grundsätzlich natürlich das manche traditionellere Vorstellungen bevorzugen, daran ist nichts auszusetzen. Aber man sollte vom konkreten Beispiel argumentieren und keine Pauschalverurteilung für alles Neue oder Experimentelle ausüben.

    Werkgerecht oder werktreu oder wie auch immer man es nennt, ist nicht immer identisch mit "traditionell". Gute Regie kann auch neues entdecken am Werk, oder Neues ausprobieren in der Realisierung des Werkes. Es sollte aber deutlich werden, oder zumindest beabsichtigt sein, dass beides nicht am Werk vorbei sondern um der Verdeutlichung des Werkes für die Menschen heute geschieht. Neues um seiner selbst willen dient nicht per se dem Werk, und Traditionelles um seiner selbst willen tut das auch nicht.

    Die Werke bieten viele Möglichkeiten, Innovatives einzubringen, Neues zu entdecken und damit zugleich die Zuschauer zu überzeugen, und das, auch - und gerade! - wenn Regisseure dem Werk und dessen Autor mehr dienen wollen, als dass sie ihre eigene Phantasie sich über das Werk erheben lassen. Und Zuschauer, egal ob eher konservativ oder eher progressiv, lassen sich von Qualität zumeist überzeugen, gleich ob sie mit eher traditionellen oder mit innovativen Mitteln erzeugt wird.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Es gibt keine künstlerische Legitimation dafür, dass die Regie sich herausnimmt, das Werk so zu bearbeiten, dass Kernaussagen und / oder Intentionen unbeachtet bleiben, oder so, dass sie diesen sogar entgegenwirkt, sich in Widerspruch zu ihnen befindet. Auch ein Dirigent ändert nicht plötzlich die Musik ab, macht aus Dur moll, oder aus einem Adagio ein Presto.

    Obwohl das grundsätzlich ein gutes Argument ist, würde ich sagen das eine Legitimation besteht, wenn das Gesamtwerk durch Änderungen in der Regie verbessert wird. Was genau damit gemeint ist, weis ich meistens erst nach der Vorstellung. Natürlich funktioniert das nicht immer.


    Das sehe ich auch so. Es geht aber hier nicht darum, ob einer von rechts oder links auftritt. Das sind Kleinigkeiten. Um welche Dimensionen es geht, wird deutlich, wenn man meinen Bericht über die "Cosi fan tutte" in Gelsenkirchen liest, oder wenn man an den "Ring" in der Inszenierung von Herrn Castorf oder an H. Neuenfels´ "Lohengrin" - Inszenierung denkt.

    Ich finde was in Bayreuth teilweise inszeniert wird, ist eine ganz spezielle Art von Theater. Schon fast losgelöst von den "normalen" Opernhäusern. Die Speerspitze der Provokation und wahrscheinlich auch ein Verkaufsargument für das Spektakel. Bayreuth ohne Dramen und Exzesse wäre ja auch ein wenig langweilig und vor allem sehr ungewohnt ;)

  • Die Speerspitze der Provokation und wahrscheinlich auch ein Verkaufsargument

    Provokation darf gerne sein, wenn das Werk solchen Sprengstoff enthält. Provokation aus Prinzip ist dumm. Doe Werke an sich bieten genug Sprengstoff. Der "Ring" und der "Parsifal" waren an sich schon Provokation, weil völlig neu. Man muss nicht noch zusätzliche Provokationen aufladen. Wieland und Wolfgang waren mit Neu - Bayreuth auch provokativ, aber eben aus dem Geiste des Werkes heraus. So war es auch z.B. bei Chereau, Friedrich und Kupfer. Die Neuerungen waren aus intensivem Studium des Werkes heraus geboren und gestaltet. Das war dann bei Schlingensief, Baumgarten, Castorf, Guth, Tscherniakov anders. Da wurden die Werke durch eigene Ideen des Regisseurs ersetzt oder überlagert. Provokativ ist das schon lange nicht mehr, das war Anfang der 1970er noch anders. Das ist heute nur noch langweilig. Was sollte uns heute noch provozieren können nach Jahrzehnten der Gewohnheit?

    Bayreuth ohne Dramen und Exzesse wäre ja auch ein wenig langweilig und vor allem sehr ungewohnt ;)

    Die Zeit der Familienfehfen der Wagners ist vorbei. Und als Nicht - Leser der "Bunte" hat sie mich auch nie interessiert, nur sofern es dabei um die Gestaltung der Festspiele geht.

    Und so gib es nur eines zu erhoffen und zu erwarten von Bayreuth: mustergültige Aufführungen der Werke des Meisters, die erst Herz und dann Verstand ansprechen und uns in beidem zu bereichern und ein wenig zu veredeln vermögen.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • wenn das Gesamtwerk durch Änderungen in der Regie verbessert wird. Was genau damit gemeint ist, weis ich meistens erst nach der Vorstellung.

    Das sehe ich anders. Prämisse ist, dass das Werk uns was zu sagen hat. Wenn ich meine, ich kann das Werk verbessern, lohnt es sich nicht, dass ich es inszeniere.

    Also sagen wir, das Ziel der Regie ist es, zu zeigen, dass das Werk uns heute was zu sagen hat, oder zumindest, dass es zu hören und sehen sich lohnt. Ein Werk, dass beides nicht liefert, möge in der Versenkung bleiben. Ein Regisseur, der nichts mit ihm anfangen kann, soll es liegenlassen und seine eigenen Ideen in eigene neue Stücke fassen.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Das sehe ich anders. Prämisse ist, dass das Werk uns was zu sagen hat. Wenn ich meine, ich kann das Werk verbessern, lohnt es sich nicht, dass ich es inszeniere.

    Also sagen wir, das Ziel der Regie ist es, zu zeigen, dass das Werk uns heute was zu sagen hat, oder zumindest, dass es zu hören und sehen sich lohnt. Ein Werk, dass beides nicht liefert, möge in der Versenkung bleiben. Ein Regisseur, der nichts mit ihm anfangen kann, soll es liegenlassen und seine eigenen Ideen in eigene neue Stücke fassen.


    Letzterer Punkt ist verdammt schwierig geworden, da neue Stücke sehr selten überhaupt auf die Bühne kommen. Ich denke das ist ein grund warum Regisseure vermehrt versuchen in alte Stücke neues Leben einzubringen. Aber der Anfang dieser Entwicklung ist zweifelsfrei mit dem Aufstieg des Films einzuordnen und daher auch schon ein paar Jahre alt. Das müsste einfach bereitwillig sein neue Sachen anzunehmen und Regisseure/komponisten/opernhäuser müssten dies auch vermehrt anbieten. Leider ein Teufelskreis.

  • Leider ein Teufelskreis.

    Nein, warum?

    Theater soll Theater machen, Oper soll Oper machen, Kinos sollen Filme aufführen.

    Theaterregisseure sollen Theater machen, Opernregisseure sollen Oper machen, Filmregisseure sollen Filme machen. Wer alles drei kann, soll alles drei machen. Wer kein Werk vorfindet, das er machen will und / oder kann, soll es lassen und / oder ein neues Werk schaffen, oder seine Ideen und Gedanken anders in die Welt bringen. Wo soll da ein Teufelskreis sein?

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Nein, warum?

    Theater soll Theater machen, Oper soll Oper machen, Kinos sollen Filme aufführen.

    Theaterregisseure sollen Theater machen, Opernregisseure sollen Oper machen, Filmregisseure sollen Filme machen. Wer alles drei kann, soll alles drei machen. Wer kein Werk vorfindet, das er machen will und / oder kann, soll es lassen und / oder ein neues Werk schaffen, oder seine Ideen und Gedanken anders in die Welt bringen. Wo soll da ein Teufelskreis sein?

    Weil Anreize fehlen, nicht nur finanzieller Art. Und weil das Publikum auch nicht wirklich nachfragt. Dann schaut man sich lieber Altgewohntes an und probiert damit, etwas Neues zu erschaffen. Das ist aber auch nicht speziell ein Problem der Oper, sondern in vielen Medien wiederzufinden, siehe die hundertste Fortsetzung/ Remake von Film oder Serie WX oder der 50. Remix von Song YZ. Das die Zauberflöte und La Traviata hoch und runter gespielt werden, hat seinen Grund. Und damit will ich nicht sagen, dass das schlechte Stücke sind. Ein bisschen (etwas untertrieben) Marktwirtschaft ist auch im Theater angekommen.

  • Marktwirtschaft ist auch im Theater angekommen.

    Klar! Mit Flotow!

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
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