Publikumsreaktionen in der Oper und im Konzert

  • Dieser und die folgenden drei Einträge entstammen dem Thread "Opernberichte der Saison 2023/24" (Link).

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    Interessant waren die Publikumsreaktionen: Nach dem Verklingen des letzten Tones jubelten ein paar Leute, worauf ich sofort gut hörbar in den Saal „buhte“. Bei den Einzelvorhängen wurde dem Chor und den beiden Hauptrollensängerinnen der stärkste Applaus zuteil, Kaufmann wurde mit zahlreichem Missfallen bedacht, und das Regieteam erntete einen regelrechten und sehr verdienten Buhorkan. Ich habe seit knapp zehn Jahren keinen Sänger mehr ausgebuht, aber heute bei Kaufmann war es notwendig, und beim Regieteam sowieso. [...]

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    was dann wieder Buhrufe (nicht von mir; ich tat das erst bei den Schlussvorhängen) provozierte – und Buhrufe nach „Nessun dorma“ sagen ohnehin schon alles.

    Mit Verlaub: Buhrufe halte ich allerdings in den allermeisten Fällen für verzichtbar. Es reicht, keinen Applaus zu spenden und den entsprechenden Sänger somit mit Nichtachtung zu versehen.


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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

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    Man kann natürlich über die Angemessenheit von Buhrufen diskutieren, und buhe nur äußerst selten (wie gesagt, bei einem Sänger zuletzt 2015), denn wenn es mir nicht gefällt, klatsche ich entweder nicht und verschwinde gleich nach dem letzten Ton (was am Stehplatz ja leicht funktioniert). Aber gestern war ich regelrecht empört darüber, wie Jonas Kaufmann sang, und mein Buhruf war eine Reaktion auf die ihm geltenden Bravorufe. Ich finde es absolut ungerecht, dass Kaufmann für die gestrige Darbietung von Teilen des Publikums und der Presse gefeiert wird, während deutlich bessere Sänger weit weniger im Rampenlicht stehen.


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  • Aber gestern war ich regelrecht empört

    Das kann ich gut verstehen. Ich habe zweimal Sänger bebuht. Einmal Franco Bonisolli, weil der eine unglaublich wurschtige Leistung bot und dann noch den Kasperl machte. Und einmal Andrea Rost, die für Anna Netrebko als Violetta einsprang. Macht man bei Einspringern normalerweise nicht. Aber die hätte wissen müssen, daß sie die Rolle nicht kann. Und ich war nicht die einzige, die buhte. Diese Darbietung grenzte an Frechheit.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Einmal Franco Bonisolli, weil der eine unglaublich wurschtige Leistung bot und dann noch den Kasperl machte.

    Das kann ich sehr gut nachvollziehen -- vor allem legte es Bonisolli meines Wissens ja auch darauf an. Es gibt folgende Geschichte aus Wien:

    An Skandale kann ich mich eigentlich nur im ZUsammenhang mit Franco Bonisolli erinnern, der wie kein anderer polarisierte. Man liebte ihn oder man hasste ihn, irgendwas dazwischen gab's offensichtlich nicht, und dementsprechend turbulent verliefen seine Vorstellungen auch sehr oft. Während seine Fans ob seiner fulminanten Spitzentöne, die er auch dort anbrachte, wo sie in der Partitur gar nicht vorgesehen waren, vor Begeisterung johlten, brüllten die Gegner "Zirkus" "Affentheater" u.ä. Nettigkeiten, und Bonisolli stand strahlend da und genoss den Wirbel um seine Person ungemein.

    Ich erinnere mich an eine Rigoletto-Serie, wo ihm der Dirigent Hans Graf das Dacapo von "la donna e mobile" verweigerte, worauf die Hölle losbrach und Bonisolli noch eins draufsetzte, indem er auf den Souffleurkasten sprang, sein Schwert zückte und dem Dirigenten ein "Vendetta!" entgegenschleuderte. Der blieb unbeindruckt, worauf der Tenor seine Arie a capella wiederholte. Angeblich (es wurde mir nur erzählt) haben einige Bonisolli-Fans Hans Graf nach der Vorstellung abgepasst und einige Ohrfeigen versetzt.

    Auf jeden Fall kenne ich einige Leute, die nur deswegen in Bonisolli-Vorstellungen gingen, "weil's da eine Hetz (= Gaudium auf Wienerisch) gibt". :D :D


    Ansonsten schreibe ich zum Threadthema: Ich buhe nur wirklich äußerst selten. Wenn es mir gefällt, klatsche ich laut und lange und schreie auch des öfteren laut "Bravo". Aber äußerst selten (alle paar Jahre) habe ich, wenn ich an einem "ersten" Haus eine Besetzung erlebe, die völlig ungeeignet ist und zu der es (auch an kleineren Häusern) zig Alternativen gibt, die vermutlich vor allem aufgrund nicht-künstlerischen Gründen engagiert wurde, das Bedürfnis, das zu tun. Eine andere Möglichkeit, Missfallen auszudrücken, hat man ja nicht. Aber im Normalfall klatsche ich bei Missfallen eben nicht; Buhrufe sind bei mir nur eine sehr seltene Ausnahme.

  • Ich finde es absolut ungerecht, dass Kaufmann für die gestrige Darbietung von Teilen des Publikums und der Presse gefeiert wird, während deutlich bessere Sänger weit weniger im Rampenlicht stehen.

    Das verstehe ich auch sehr gut. Dieser Personenkult unabhängig von Leistungen war mir von je fremd.

    Es soll ja Opern, vornehmlich in Italien, geben, in denen es tatsächlich noch eine engagierte und bezahlte Claque gibt. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Weiß darüber jemand etwas von Ihnen?

    Liebe Ira, die Geschichte, die Sie da zitieren, ist wirklich köstlich. Was es alles gibt und gab!

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Ich habe nie verstanden, warum man Sänger, - und es betrifft vor allem die Tenöre - die offenbar bei einer Aufführung nicht gut in Form sind - bejubelt. Von Kaufmann war ich schon beim Andrea Chenier in Wien enttäuscht und auch den Otello fand ich nicht wirklich überzeugend.

    Bonisolli konnte sich leider manchmal wie ein richtiger Kasperl aufführen. Ich denke mit Entsetzen an seinen Herzog im Rigoletto, wo er Pirouetten nach der Arie im 2. Akt "Parmi veder le lagrime" drehte weil er seiner Meinung nach zu wenig Beifall erhielt. (So wurde zumindest am Stehplatz getuschelt). Ich habe ihn aber auch in sehr guter Form erlebt, z.B. im Maskenball und in Luisa Miller.

  • Ich habe nie verstanden, warum man Sänger, - und es betrifft vor allem die Tenöre - die offenbar bei einer Aufführung nicht gut in Form sind - bejubelt.

    Das ist wahrscheinlich psychologisch erklärbar:

    1) Ich bin Fan von XX, denn XX ist super.

    2) Also bin auch ich ein wenig super, denn mich trifft der Glanz von XX und erhellt auch mich. Das wertet mich ziemlich auf und steigert mein Selbstwertgefühlt, denn ich gehöre zu dem großen XX.

    3) Singt der große XX schlecht, glänzt er wenig. Mein Stern sinkt und meine Selbstwertgefühl sinkt.

    4) Um das zu vermeiden, ignoriere ich die schlechten Leistungen von XX. Ich tue vielmehr so, als sei er nach wie vor der Größte. Und ich äußere das durch Jubel. Somit kann ich bleiben, was ich bin und doch so gerne bleiben möchte, selbst groß als Anhang des ganz Großen.

    5) Buhs stellen dieses ganze Gedanken- und Gefühlsgebäude infrage und muss niedergemacht werden - wie anders als durch um so größeren Jubel!

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Zum Bonisolli-Theater fällt mir eine Aufführung von Verdis „Troubadour“ an der Wiener Staatsoper ein. Es war noch zu meiner Stehplatz-Zeit, und die endete Ende der 70er Jahre. Bonisolli plärrte das C in der Stretta, er konnte offensichtlich den Ton nicht ordentlich zu Ende bringen, denn er plärrte noch weiter, als der Vorhang schon gefallen war. Das Ganze ging dann in einen unartikulierten Gurgel-Laut über, den das Publikum klarerweise nicht goutierte. Im letzten Akt sitzt Manrico bekanntlich im Turm. Zur Verblüffung aller tauchte Bonisolli nach dem Vorspiel zum vierten Akt auf der Bühne auf, plärrte einen sehr hohen Ton und verschwand wieder, genau so plötzlich wie er aufgetaucht war. Manchmal frage ich mich nach der zeitlichen Distanz, ob mir da die Erinnerung nicht einen Streich spielt, aber dann halte ich mich an die Zeile aus der „Watschenmann“-Sigla, einer Satiresendung Anfang der 70er Jahre auf Ö: „Solchene Sachen lassen sich nicht erfinden, nicht einmal in unserem Etablissement!“ Und bin beruhigt.

    An eine seltsamliche Publikumsreaktion erinnere ich mich bei einer „Troubadour“-Aufführung im Mai 1971, ebenfalls an der Staatsoper. Es war der erste von drei Abend mit Montserrat Caballé als Leonore. Lange Schlangen seit dem Vormittag vor der Stehplatzkassa. Die Caballé sagte kurzfristig ab, ebenso der Manrico, Robert Ilosfalvy (statt ihm kam Ion Buzea), auch die Azucena war nicht die ursprünglich vorgesehene, ich weiß nicht mehr, wer sie hätte singen sollen, aufgetreten ist die Cvejic, nur Sherill Milnes kam wie vorgesehen. Am Nachmittag landete Enriquetta Tarres als Ersatz für die Caballé. Sie wurde von Anfang an auf eine Weise angefeindet, die jeder Beschreibung spottete. Als sie im 4. Akt auf die Bühne kam, musste die Vorstellung wegen des Unmuts-Geplärrs vom Stehplatz aus minutenlang unterbrochen werden. Die Aufführung wurde bis zum bitteren Ende durchgezogen. Der Schlussvorhang fiel gleichzeitig mit dem Eisernen. Das Erstaunliche – und das ist der eigentliche Grund, warum ich die Episode erzähle: Das Publikum applaudierte dann einhellig minutenlang dem Eisernen, so als hätte es sich für das respektlose Betragen während der Aufführung plötzlich geschämt.

    Ganz wüste Szenen habe ich auch an der Scala in den 70ern am Stehplatz in Erinnerung. Jetzt habe ich den Eindruck, dass das Publikum (auch am Stehplatz) milder geworden ist. Mittlerweile ist zwar bei jeder Premiere erwartbar, dass die Inszenierung „angefeindet“ wird, was die SängerInnen-Leistungen anlangt, habe ich in vielen Vorstellungen argumentierbare Misfallensäußerungen befürchtet, und nix passierte. So etwa hätte ich mir die letzten drei Male, die ich Jonas Kaufmann in Wien gesehen habe (als französischen Carlos, als Andrea Chénier und Peter Grimes) Boos erwartet. Aber bei den Kaufmann-Begeisterten habe ohnedies immer etwas von Groupie-Verhalten verspürt. Ich habe ihn zum ersten Mal 98 als Ferrando am neuen Piccolo Teatro gehört, aber er hat mich nur dreimal wirklich begeistert: als Königssohn in den „Königskindern“ in Zürich, bei einer „Winterreise“ und einem Liederabend mit Diana Damrau in Wien. Meine Münchner Erfahrungen sind hier nicht mitgezählt, weil ich keinen Bedarf an verbalen Dachteln habe.

    Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich ziehe es wie Hagen vor, den Applaus zu verweigern statt zu buhen.

  • weil ich keinen Bedarf an verbalen Dachteln habe

    Was sind "Dachteln"? ?(

    Bonisolli war ja berühmt dafür, daß er immer den Affen machte.

    Enriquetta Tarres

    Sie war in München eine Zeit lang die "Troubadour"-Leonore vom Dienst. Damals bin ich in fast jeden "Troubadour" gerannt, den es gab. Mit Robert Ilosfalvy. Und Victor Conrad Braun als Luna.

    Hätte ich sicher nicht gemacht, wennn es so schlecht gewesen wäre.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • 1. Bei der Dachtel hätte ich gedacht, dass man eigentlich Tachtel schreibt, aber laut österreichischem Wörterbuch sind beide Schreibweisen möglich. Ich habe dieses Wort aber schon lange nicht mehr gehört.

    2. Bonisolli hat auch bei der Generalprobe zum Troubadour im Jahr 1978 Karajan das Schwert hingeschmissen und die Bühne verlassen weil ihm ein Ton missglückt ist. Die Premiere wurde im Fernsehen übertragen, Domingo sprang ein, das Ende der Stretta ist auch ihm missglückt, es wurde aber trotzdem heftig applaudiert.

    3. Lieber Hagen, Ihre Thesen, dass sich die Fans mit ihrem Idol selbst identifizieren, klingt interessant. An so etwas hab ich noch nie gedacht. Es gibt aber auch die These, dass vor allem in Wien immer daran gedacht wird wie gut jemand in der Vergangenheit einmal war und das in die Gegenwart miteinbezogen wird.

    4. Das Stehplatzpublikum ist eindeutig viel milder geworden. Was der armen Enriquetta Tarres als Einspringerin (!) damals passiert ist, käme heute wohl nicht mehr vor.

  • 3. Lieber Hagen, Ihre Thesen, dass sich die Fans mit ihrem Idol selbst identifizieren, klingt interessant. An so etwas hab ich noch nie gedacht. Es gibt aber auch die These, dass vor allem in Wien immer daran gedacht wird wie gut jemand in der Vergangenheit einmal war und das in die Gegenwart miteinbezogen wird.

    Da drüber schreibt schon Mark Twain in seinem Europabummel. Er hört einen schrecklichen Sänger, dem trotzdem applaudiert wird, und auf Nachfrage hört er: „Ja schon, aber vor fünfzehn Jahren war er einfach herrlich…“

  • Es gibt aber auch die These, dass vor allem in Wien immer daran gedacht wird wie gut jemand in der Vergangenheit einmal war und das in die Gegenwart miteinbezogen wird.

    Das ist in München definitiv auch so. Domingo wurde in den Opernfestspielen in München sicher nicht nur wegen seiner aktuellen Leistung (die aber erstaunlich gut war) gefeiert, sondern vor allem wegen seiner Lebensleistung.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • In der Münchner Opernszene kursiert eine Anekdote: Ein Tenor, der üblicherweise schlechte Leistungen zeigt, wird an einem Abend stürmisch gefeiert, ja, der Applaus will nicht enden. Man erzwingt sogar ein Dacapo. Er ist langsam erschöpft.

    Ein Opernbesucher fragt den Nachbarn: "Was ist denn los? Der ist doch heute auch nicht besser als sonst?" Antwort: "Das nicht, aber heut mach ma'n fertig."

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Ein Gegenteil gab es aus Parma. Ein Tenor trat am Teatro Regio auf und wurde weidlich ausgebuht. Am nächsten Tag kam er mit Schrankkoffer am Bahnhof an. Der Gepäckträger legte den Kopf schief: „Haben Sie gestern nicht den Manrico gesungen?“ „Ja, das war ich!“ Worauf der Gepäckträger auf Nimmerwiedersehen verschwand und Manrico den Koffer selber schleppen ließ

  • Ihre Thesen, dass sich die Fans mit ihrem Idol selbst identifizieren, klingt interessant. An so etwas hab ich noch nie gedacht. Es gibt aber auch die These, dass vor allem in Wien immer daran gedacht wird wie gut jemand in der Vergangenheit einmal war und das in die Gegenwart miteinbezogen wird.

    Ich denke, dass beides der Fall ist und miteiander eine Verbindung eingeht. Je länger die Karriere eines Sängers ist, dessen Fan man ist, desto größer und intensiver und wohl auch oft unkritischer ist die (Über -) Identifikation mit ihm.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

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