Opernberichte der Saison 2023/24

  • Ich habe ja den Unter-35-Jahre-Freundeskreis bisher immer für eine Art Marketing-Schmäh gehalten, aber nein, den gibt es offenbar wirklich, und er ist kein nur aus sehr wenigen Personen bestehender Club.

    In der Staatsoper scheint es ja einige Freundeskreise zu geben. Der Direktor hat heute beim Publikumsgespräch vom Freumdeskreis gesprochen der aus ca 1800 Personen besteht und auch eine finanzielle Unterstützung bedeutet. Und dann wären da noch die Freunde der Wiener Staatsoper, die zumindest früher interessante Künstlergespräche organisiert haben.

  • Der Wiener Staatsoperndirektor Bogdan Roscic hat heute berichtet, dass die Staatsoper in dieser Saison eine Auslastung von 99,4% hatte, wahrscheinlich aber sogar auf 99,5% kommen werde. Das wundert mich schon bei diesen zumindest teilweise sehr gewöhnungsbedürftigen Inszenierungen und manchmal auch nicht so tollen Besetzungen . Das scheint den Leuten aber nichts auszumachen und er hat bei dieser Auslastung eigentlich gar keinen Grund irgendetwas zu ändern. Wie sieht es denn mit der Auslastung in anderen großen Opernhäusern aus?

    Außerdem wurde eine neue Spielstätte in Wien vorgestellt, die ab Dezember bespielt wird, das sogenannte NEST (Abkürzung für Neue Staatsoper). Hier wird es Oper, Ballet, Workshops etc. für junge Menschen geben, einiges für Kinder ab 6 , anderes für 10 - 14 Jährige, anderes für Jugendliche ab 16. Das neue Haus wird von Hans Peter Haselsteiner mitfinanziert, der ja auch an den Festspielen in Erl beteiligt ist.

  • Was die Auslastung großer Opernhäuser anlangt: Ich kann's nur von der Scala sagen, weil dort eine Freundin und ein Freund in Positionen arbeiten, die einen einigermaßen guten Einblick erlauben. Es gibt dort ähnlich gute Auslastungszahlen, ähnlich viele Touristen wie in Wien, allerdings sind viele Vorstellungen wattiert, wie sicherlich auch an der Staatsoper. Die VollzahlerInnen ergeben mit Sicherheit nicht 99,4 Prozent. Ich selbst krieg in Wien ja immer wieder Angebote per e-mail: 50 % Ermäßigung aus den und den Gründen, 30 % Treuebonus ecc.ecc. Natürlich nicht für das Kernrepertoire. Und man sollte nicht vergessen, dass viele KünstlerInnen Anrecht auf Regiekarten haben, für sich, Freunde und wer weiß wen noch. Das macht eine erkleckliche Anzahl von Freibillets aus.

  • Ich finde großartig, dass sich hier eine kleine John-Adams-Diskussion entwickelt hat und sich Hagen sogar einen vollständigen Mitschnittt (Dauer: über zwei Stunden) angehört hat! Das habe ich wirklich nicht erwartet! :)

    Leider kann ich zu John Adams kaum etwas beitragen, weil ich fast nichts von ihm kenne: Mir wurde aber von mehreren Leuten mit Affinität zum Musikschaffen des 20. und 21. Jahrhunderts glaubhaft versichert, dass Adams' "Nixon in China" von deutlich besserer Qualität als das Passions-Oratorium ist. Aber das ist "nur" eine Meinung aus zweiter Hand, ich selbst kann dazu nichts sagen. Was das besagte Passions-Oratorium betrifft, teile ich Hagens Eindruck übrigens vollinhaltlich:

    Das Ganze scheint keinen großen Bogen zu haben, wirkt substanzarm, uninspiriert und bemüht, abgesehen von wenigen wirklich schönen lyrischen ruhigen Stellen.

    Dabei könnte man aus dem Inhalt ja ein wirklich gutes Stück machen!

  • In der Staatsoper scheint es ja einige Freundeskreise zu geben. Der Direktor hat heute beim Publikumsgespräch vom Freumdeskreis gesprochen der aus ca 1800 Personen besteht und auch eine finanzielle Unterstützung bedeutet. Und dann wären da noch die Freunde der Wiener Staatsoper, die zumindest früher interessante Künstlergespräche organisiert haben.

    Die bisherigen "Freunde der Wiener Staatsoper" (Link), deren Generalsekretär Thomas Dänemark ist, sind dem Staatsoperndirektor Bogdan Roščić aus Gründen, die mir nicht bekannt sind, offenbar ein großer Dorn im Auge. Erst gestern wurde mir zufällig erzählt, dass Dänemark seinen Schlüssel für die Staatsoper abgeben musste.

    Roščić hat stattdessen beim Antritt seiner Direktion einen neuen Verein gegründet, den "Offiziellen Freundeskreis der Wiener Staatsoper" (Link), der keine Künstlergespräche organisiert, sondern der ausschließlich dazu dient, die Einnahmen des Hauses zu erhöhen (aktueller Mitgliedsbeitrag: 110 Euro pro Saison, dafür Vorverkaufsrecht auf acht Kaufkarten pro Saison; mehr Vorteile sind mit dementsprechend höherem Mitgliedsbeitrag möglich, der Mitgliedsbeitrag der höchsten Kategorie beläuft sich auf nicht weniger als 30 000 Euro pro Saison!!). Junge Mitglieder (also bis 35 Jahre) zahlen 55 Euro pro Saison.
    Ich weiß gar nicht, was da im Hintergrund lief/läuft; möglicherweise waren die "Freunde der Wiener Staatsoper" ja dem Staatsoperndirektor zu kritisch oder haben sich in Belange eingemischt, die sie seiner Meinung nach nichts angingen. Aber das ist alles nur Spekulation.


    Nur am Rande: Ich war nie Mitglied in einem der beiden genannten Vereine, bin es nicht und habe nicht vor, es zu werden.


    In diesem Thread bin ich vor ein paar Monaten übrigens schon auf den "Offiziellen Freundeskreis der Wiener Staatsoper" zu sprechen gekommen:

    Abschließend möge noch eine Kuriosität erwähnt werden: Genau am selben Abend fand im Wiener Konzerthaus ein Benefizkonzert für die St. Anna Kinderkrebsforschung statt, das von der „Ristorante Sole Nuredini GmbH“ veranstaltet wurde (in solche Lokale wie in dieses in der Annagasse 8 bringen mich keine zehn Pferde, aber angeblich kehren dort die meisten Staatsopernsänger nach der Vorstellung ein). Erwähnenswert ist das deshalb, weil die „musikalische Leitung“ bei Bogdan Roščićs Vorgänger Dominique Meyer lag, Thomas Dänemark für die Moderation verantwortlich zeichnete (Dänemark ist Generalsekretär der „Freunde der Wiener Staatsoper“, die von Roščićs „Offiziellem Freundeskreis der Wiener Staatsoper“, soweit ich weiß, ausgebootet wurden) und dort zahlreiche Sänger auftraten, die früher oft in Wien sangen und von Roščić bedauerlicherweise ignoriert werden (etwa: Paata Burchuladze, Sorin Coliban, Ferruccio Furlanetto, Robert Holl, Antonino Siragusa, Linda Watson und einige mehr). Ich kann die Übereinstimmung mit dem Premierentermin nur dahingehend interpretieren, als wollte man der Direktion Roščić öffentlichkeitswirksam den Mittelfinger zeigen, und es ist schon interessant, über welche Macht ein italienisches Restaurant verfügt.

  • Außerdem wurde eine neue Spielstätte in Wien vorgestellt, die ab Dezember bespielt wird, das sogenannte NEST (Abkürzung für Neue Staatsoper). Hier wird es Oper, Ballet, Workshops etc. für junge Menschen geben, einiges für Kinder ab 6 , anderes für 10 - 14 Jährige, anderes für Jugendliche ab 16.

    Das finde ich großartig, und man kann es nur begrüßen. Erstens deshalb, weil die "Nachwuchsförderung" (und damit meine ich jetzt keine Angebote für Kinder, sondern für Jugendliche / junge Erwachsene) wichtig ist, und zweitens deshalb, weil damit hoffentlich (!) kleine Kinder von Opernvorstellungen, die sie überfordern und wo sie dann Wirbel machen, ferngehalten werden. Jetzt ist nur noch zu hoffen, dass die neue Spielstätte auch gut besucht wird.


    Das neue Haus wird von Hans Peter Haselsteiner mitfinanziert, der ja auch an den Festspielen in Erl beteiligt ist.

    Das machte mich allerdings stutzig, als ich es gelesen habe. Betätigt sich Haselsteiner, nachdem sein Spezi (österr.-dt. für "Busenfreund") Gustav Kuhn Erl verlassen musste, jetzt in Wien als Kulturmäzen? Wieso tut er das? (Gibt es eine Gegenleistung?) Dem sollte man nachgehen. Man darf nicht vergessen, dass Haselsteiner den Investigativjournalisten Markus Wilhelm, der (nicht nur) die unerfreulichen Erl-Vorgänge aufgedeckt hat, mit nicht weniger als 18 (!) Klagen einschüchtern wollte (vgl. Link und Link), die aber allesamt zu keinem Erfolg führten. Der Name "Haselsteiner" erweckt in mir sehr großes Misstrauen (vgl. auch das dreiste mutmaßliche Plagiat seiner Frau: Link).

  • Ich weiß gar nicht, was da im Hintergrund lief/läuft; möglicherweise waren die "Freunde der Wiener Staatsoper" ja dem Staatsoperndirektor zu kritisch oder haben sich in Belange eingemischt, die sie seiner Meinung nach nichts angingen. Aber das ist alles nur Spekulation.

    Dass der Direktor kein Freund der Freunde der Wiener Staatsoper ist, war gestern deutlich zu merken. Ich habe es für mich so interpretiert, dass diese das Geld der Mitgliedsbeiträge für sich behalten haben, während der Freundeskreis Geld der Staatsoper zur Verfügung stellt.

    Betätigt sich Haselsteiner, nachdem sein Spezi (österr.-dt. für "Busenfreund") Gustav Kuhn Erl verlassen musste, jetzt in Wien als Kulturmäzen? Wieso tut er das? (Gibt es eine Gegenleistung?)

    Ich habe es so verstanden, dass er sich als Kulturmäzen betätigt und dass er keine Gegenleistung dafür erwartet.

    Außerdem wurde gestern noch ein Thema angesprochen, das ich ergänzen möchte. Eine Besucherin hat gefragt, warum man für die Generalprobe in der Staatsoper keine Karten kaufen kann. Der Direktor hat geantwortet, dass diese Karten zu einem Großteil den Mitgliedern des Betriebsrates und deren Verwandten und Freunden zur Verfügung stünden und dass die Künstler nicht zustimmen würden wenn Karten für die Generalprobe verkauft werden würden, sie würden dann für die GP eine Gage verlangen. Auf Nachfrage, warum es in der Volksoper möglich sei, die doch auch zu den Bundestheatern gehört, war die Antwort des Direktors, dass er das nicht wisse. Ich hatte den Eindruck, dass es überhaupt keine Kontakte zwischen den beiden Häusern gibt. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es früher einmal Direktoren beider Häuser gab.

  • Eine Besucherin hat gefragt, warum man für die Generalprobe in der Staatsoper keine Karten kaufen kann.

    Ich bin jetzt verblüfft. Ich war immer der Meinung, dass der jetzige Staatsoperndirektor die Generalproben für Menschen unter 27 reserviert hat. Was ich unterstützen würde.

    Der Name "Haselsteiner" erweckt in mir sehr großes Misstrauen

    Sadko in mir auch. Allerdings:

    Vor etlichen Jahren hat Hans Peter Haselsteiner, einer der reichsten Österreicherer und in einem Geschäft tätig, in dem Korruption Voraussetzung für wirtschaftliches Handeln ist, öffentlich erklärt, dass Begüterte wie er viel zu wenig Steuern zahlen. Da sich in Österreich keine politische Gruppierung findet, die die Steuerquote der Superreichen ( 20 % ist) auf die Steuerquote der normalsterblichen Österreicher bringt (sie beträgt das doppelte), finanziert Haselsteiner deshalb Kulturprojekte: Erl, die Albertina, jetzt NEST. Dafür zolle ich ihm Respekt. Für seine Slapp-Klagen natürlich nicht.

    Die Prozentzahlen waren vor kurzem in Medien zu lesen. Wenn jemand die Quellen wissen will, werde ich mir die Mühe machen, sie nachzuliefern, da ich nicht zu den Superreichen gehöre und daher auch die Welt nicht durch deren Brille sehe.

  • Ich war immer der Meinung, dass der jetzige Staatsoperndirektor die Generalproben für Menschen unter 27 reserviert hat.

    Die Besucherin, die gefragt hat, war eindeutig älter als 27. Möglich, dass es für diese Altersgruppe Karten gibt. Eine andere (auch ältere) Besucherin hat angemerkt, dass sie aus Graz kommt und es für sie schön wäre, könnte sie Generalproben besuchen. Bei Abendvorstellungen muss sie sich immer ein Hotelzimmer in Wien nehmen, was den Besuch natürlich verteuert. Eine Bekannte von mir geht in jede Generalprobe in der Volksoper, die Karte kostet 20 €.

  • Ich habe es so verstanden, dass er sich als Kulturmäzen betätigt und dass er keine Gegenleistung dafür erwartet.

    Vor etlichen Jahren hat Hans Peter Haselsteiner, einer der reichsten Österreicherer und in einem Geschäft tätig, in dem Korruption Voraussetzung für wirtschaftliches Handeln ist, öffentlich erklärt, dass Begüterte wie er viel zu wenig Steuern zahlen. Da sich in Österreich keine politische Gruppierung findet, die die Steuerquote der Superreichen ( 20 % ist) auf die Steuerquote der normalsterblichen Österreicher bringt (sie beträgt das doppelte), finanziert Haselsteiner deshalb Kulturprojekte: Erl, die Albertina, jetzt NEST. Dafür zolle ich ihm Respekt. Für seine Slapp-Klagen natürlich nicht.

    Vielen Dank für die Ergänzungen bzw. Richtigstellungen! Es ist schön, dass Haselsteiner auch gute Eigenschaften hat: Aber so ist es nun einmal, die Welt ist nicht schwarz/weiß!

  • Ich hatte den Eindruck, dass es überhaupt keine Kontakte zwischen den beiden Häusern gibt. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass es früher einmal Direktoren beider Häuser gab.

    Diesen Eindruck habe ich (ganz unabhängig von der Generalproben-Angelegenheit) auch: Er zeigt sich ja nicht zuletzt an der offenbar nicht miteinander abgesprochenen Spielplangestaltung. Ich glaube, es wäre nicht das Schlechteste, wenn es einen fähigen (!) Direktor beider Häuser gäbe, dann könnte man die Potentiale beider Häuser wahrscheinlich besser nützen.


    Ich war immer der Meinung, dass der jetzige Staatsoperndirektor die Generalproben für Menschen unter 27 reserviert hat.

    Ja, das ist die offizielle Information, aber soweit ich es mitbekommen habe, wird durchaus eine gewisse Anzahl der Karten an diverse "Freunderl" vergeben. Ich selbst kann dazu nichts sagen, ich war noch nie in einer Generalprobe und habe es auch nicht vor (denn Sänger singen dort ja teilweise nicht aus, das möchte ich nicht hören).


    Eine andere (auch ältere) Besucherin hat angemerkt, dass sie aus Graz kommt und es für sie schön wäre, könnte sie Generalproben besuchen. Bei Abendvorstellungen muss sie sich immer ein Hotelzimmer in Wien nehmen, was den Besuch natürlich verteuert.

    Das verstehe ich gut (wobei es einen sehr späten Zug von Wien nach Graz gibt: 23:24 Wien -- 2:03 Graz), und ich freue mich, wenn Häuser auch Nachmittagsaufführungen anbieten (gerade Graz verhält sich da sehr kundenfreundlich!). Dass das an der Wiener Staatsoper nicht gemacht wird, ist für Personen aus den Bundesländern sicher unerfreulich. Offenbar steht die Staatsoper auf dem Standpunkt, dass sie auch ohne Nachmittagsaufführungen genug Besucher hat ...

  • Do., 21. Juni 2024: WIEN (Staatsoper): Giuseppe Verdi, Falstaff

    Die hervorragende „Falstaff“ Produktion von Marco Arturo Marelli und Dagmar Niefind, die 2003 zur Premiere gelangte und bis 2011 am Spielplan stand, ehe sie 2016 durch das museale, hölzerne und langweilige David McVicar’sche Machwerk abgelöst wurde, wieder an die Staatsoper zurückzubringen, war eine ganz hervorragende Entscheidung Bogdan Roščićs: Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie man jemals auf die Idee kam, diese ausgezeichnete Marelli-Inszenierung zu ersetzen (Gerüchte wollen wissen, dass sich Zubin Mehta die 2016-Neuproduktion wünschte), denn in ihr ist alles perfekt: Die Ausstattung ist gleichzeitig reduziert und stilvoll farbenfroh, und auf dieser sparsam ausgestatteten Bühne können sich die Charaktere sehr gut – nämlich humorvoll, aber ohne jeden Klamauk – entfalten, und das ironisierende (gemeint ist der Theatervorhang vor „Tutto nel mondo è burla“) und gleichzeitig versöhnliche Ende (gemeint ist das festliche Bankett) passt wunderbar dazu: Nicht alles, was Marelli gemacht hat, ist gelungen, aber diese Produktion ist ganz wunderbar. Anfügen möchte ich allerdings, dass ich mir auch beim heutigen dritten Anhören mit dem Stück sehr schwer getan habe, aus meiner Sicht ist und bleibt es furchtbar langweilig und sperrig: Natürlich könnte sich die dem Stück angeblich innewohnende Komik nicht erschlossen haben, weil ich es bisher nur auf Italienisch (statt in deutscher Übersetzung) kenne, aber es gibt auch die Musik für mich gar nichts her, und bevor ich erneut in Verdis „Falstaff“ gehe, höre ich mir das deutsche Pendant Otto Nicolais gerne wieder an.


    In musikalischer Hinsicht war die Aufführung durchaus gelungen, wobei ich, ich habe es bereits angedeutet, diese Oper so gut wie nicht kenne. Luca Salsi, den man ja gemeinhin nicht gerade als Komödianten kennt, gefiel mir in der Titelrolle sehr gut: Freilich könnte man da und dort „humorvoller“ singen, doch war es wohltuend, die Rolle ohne jede Blödelei (wie beispielsweise eines Maestri) zu hören; Boris Pinkhasovich, den ich sehr schätze, blieb hingegen als Ford überraschend blass. Unter den Damen hinterließ Monika Bohinec als Mrs. Quickly mit ihrer wohltimbrierten Stimme den besten Eindruck, wohingegen Roberta Mantegna (Alice Ford) und Isabel Signoret (Meg Page) eher unauffällig blieben. Gut, aber nicht auffallend großartig waren Hiroshi Amako (Fenton) und Slávka Zámečníková (Nannetta); Ilja Kazakov ergänzte passabel als Pistola. Die größte Diskrepanz zwischen zwei Leistungen gab es in zwei Nebenrollen: Norbert Ernst sang den Dr. Cajus hervorragend (und es war schön, ihn offensichtlich wieder in seiner „alten“ Form zu hören, denn was er in den letzten Monaten so hören ließ, lag nicht auf seinem bis 2014 gehaltenen sehr hohen Niveau), dafür war Andrea Giovannini (Bardolfo) eine einzige Peinlichkeit. Die Leistung von Thomas Guggeis am Dirigentenpult kann ich mangels Werkkenntnis nicht beurteilen: Mit diesem Stück kann ich einfach gar nicht, da nützt auch eine mustergültige Inszenierung nichts.

  • Mit diesem Stück kann ich einfach gar nicht, da nützt auch eine mustergültige Inszenierung nichts.

    Da bin ich ja richtig froh, daß es nicht nur mir allein so geht! Ich höre immer mehr oder weniger verständnislos den Lobpreisungen über dieses Werk zu, die man allerorten zu hören bekommt.

    Was diesen Shakespeare-Stoff betrifft, fühle ich mich bei den "lustigen Weibern von Windsor" von Otto Nicolai viel besser aufgehoben.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Da bin ich ja richtig froh, daß es nicht nur mir allein so geht! Ich höre immer mehr oder weniger verständnislos den Lobpreisungen über dieses Werk zu, die man allerorten zu hören bekommt.

    Ich schließe mich Ihnen an. Mit dem "Falstaff" kann auch ich nicht viel anfangen. Die Musik spricht mich überhaupt nicht an. Das ist mir zu viel Gegackere. Ich stehe auch mehr oder weniger verständnislos vor diesem Werk. Oder soll man das "Alles ist Spaß auf Erden!" als große Weisheit überbewerten. Selbst dann aber käme dieses Werk auch nicht viel besser bei mir an.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Danke für die Einschätzungen! "Falstaff" wird in der Tat oft sehr hoch eingeschätzt (erst heute sagte mir im Pausengespräch in Linz ein sehr geschätzter Stehplatzkollege aus Wien, als wir über unsere jeweiligen letzten Opernbesuche sprachen, dass "Falstaff", "Macbeth" und "Simon Boccanegra" seine drei liebsten Verdi-Opern seien und er die enthaltene -- sinngemäß -- Altersweisheit schätze); ich kann's einfach nicht nachvollziehen, auch mir geht es folgendermaßen:

    Ich stehe auch mehr oder weniger verständnislos vor diesem Werk.

    Und es beruhigt mich, dass es Ihnen auch so geht, denn meinem Eindruck nach gehen Sie vorurteilsfrei an Musik aller möglichen Epochen heran und sind gerne bereit, sich auf jedes Musikstück einzulassen. Gibt es jemanden hier, dem "Falstaff" gefällt und der schildern möchte, was daran den Reiz ausmacht?

  • Sa., 22. Juni 2024: LINZ (Musiktheater): Pietro Mascagni, Sizilianische Bauernehre / Cavalleria rusticana + Ruggero Leoncavallo, Der Bajazzo / Pagliacci

    „Cavalleria“ und „Bajazzo“ gehören zu den wenigen italienischen Opern, die ich mir regelmäßig gerne anhöre, und heute habe ich mich ihretwegen auch in den Zug nach Linz gesetzt: Dort erwartete mich die (sehr schlecht besuchte; der zweite Rang war sogar gesperrt) vorletzte Aufführung der am 18. Nov. 2023 zur Premiere gelangten Inszenierung, hinsichtlich derer ich leider nur froh sein kann, dass sie nach dem 5. Juli wieder verschwindet, denn sie verkauft die beiden Stücke weit unter ihrem Wert.


    Doch zunächst zum musikalischen Aspekt des Abends: Manuela Leonhartsberger ist mir von der Wiener Volksoper wohlbekannt, von wo sie von 2011 bis 2022 zu den besten Sängerinnen des Hauses zählte (mit Antritt der aktuellen Volksoperndirektorin wechselte sie in ihre Heimatstadt Linz), dementsprechend gespannt war ich auf ihre heutige Santuzza. Kurzfazit: Gut, aber es hätte noch besser sein können: Ich hatte den Eindruck, dass ihr die Rolle etwas zu hoch liegt (dementsprechend zaghaft kamen die hohen Ausbrüche), und mir missfiel, dass sie mir die Rolle zu emotionslos heruntersang, da wäre mehr hörbare Verzweiflung etc. nötig gewesen. Ebenfalls zu wünschen übrig ließ Sung-Kyu Park als Turiddu und Canio: Alle Höhen gelangen ihm sehr eindrucksvoll, aber ich hatte den Eindruck, dass er sich nur auf die Höhen konzentriert und sonst auf nichts: Die Stimme hat kein tiefes Fundament (und bei qualitätsvollem Gesang werden die Höhen quasi aus der Tiefe heraus entwickelt), darüber hinaus ist sie erschreckend eintönig, womit ich meine, dass sie nur zwischen laut und leise unterscheiden kann und keine Schattierungen vermitteln kann. Letzteres betrifft auch Adam Kim, dem der (eindimensionale) Alfio recht gut gelang, der aber mit dem Tonio sehr deutlich an seine Grenzen stieß: Erstens soll man den hohen Einlegeton am Ende des Prologs nur singen, wenn man ihn auch schafft, und zweitens ist der Tonio sehr vielschichtig (er muss brutal-unheimlich klingen, allerdings auch romantisch, sowie enttäuscht), und Kim machte das überhaupt nicht glaubhaft. Wiederum besser gefiel mir Erica Eloff als Nedda, wenngleich sie manchmal etwas scharf und „unausgeglichen“ tönte; Martin Achrainer war ein solider Silvio (seine Stimme klang recht dunkel und kämpfte mit den Höhen); Christa Ratzenböck als Lucia erweckte leider den Eindruck, stimmlich stark abgebaut zu haben (keine Tiefe, scharfe Höhe, brüchiges Timbre). Die beiden besten Besetzungen des Abends traten in zwei kleinen Rollen auf: Angela Simkin war eine schönstimmige Lola, und exzellent war der Beppe des Matthäus Schmidlechner, der mit kommender Spielzeit an die Wiener Staatsoper wechselt und dort schon Mime gesungen hatte. Der Held des Abends stand im Orchestergraben: Claudio Novati wählte in beiden Opern langsame Tempi, dirigierte aber sehr behutsam und musikalisch: Da war nichts verschleppt (oder gehetzt), nichts wurde mit vordergründigem Effekt gebracht, sondern man erlebte eine hervorragend dirigierte Aufführung. (Gerade die „Cavalleria“ besteht in der ersten Hälfte aus Musik, die bei einem sensiblen Dirigat wie heute wunderschön ist, und bei einem verschleppten oder gehetzten Dirigat, wie es leider oft zu hören ist, seine Wirkung nicht entfalten kann.) Das Bruckner Orchester Linz gefiel mir (von den Oboen abgesehen) sehr gut, selbiges gilt auch für den Chor.


    Leider entsprach das, was auf der Bühne zu sehen war (es eine „Inszenierung“ zu nennen, wäre zu hoch gegriffen) keinesfalls der Qualität des Dirigats: Alexandra Liedtke hat gemeinsam mit Raimund Orfeo Voigt (Bühne) und Su Bühler (Kostüme) eine völlig misslungene Produktion abgeliefert. Die Grundidee dieser „Inszenierung“ besteht in einer Guckkastenbühne, die durch verschiebbare Zwischenwände in drei Teile (oder weniger) geteilt wird, auf denen sich, teils gleichzeitig, unterschiedliche Szenen abspielen (Beispiel: in einem Raum Santuzza allein, in einem anderen das Volk nach der Ostermesse, oder: in einem Raum findet die „Theateraufführung“ statt, in einem anderen befinden sich die „Zuschauer“), lediglich einmal wird ein Blick nach „hinten“ freigegeben (nämlich während der Ostermesse der „Cavalleria“). Diese Aufteilung auf unterschiedliche kleine Räume bringt mit sich, dass die Sänger oft nur eine kleine Spielfläche zur Verfügung haben, dass sie miteinander kaum interagieren können (somit wird viel zu oft nur herumgestanden) und dass – das schlimmste – für die Zuschauer (jedenfalls für mich) die ganze Handlung distanziert wirkt und nicht unmittelbar-ergreifend. Daraus ergibt sich, dass der ganze Abend unfassbar langweilig wirkt, und dass die Musik einerseits vor Gefühlen und Bedrohungen lodert und anderseits eine stimmungsvolle Naturschilderung malt, wird auf der Bühne in gar keiner Weise umgesetzt, ja geradezu konterkariert. Es gibt mehrere „stumme“ Darsteller; die Hauptcharaktere betreten unmotiviert die Bühne (alles wirkt so „einstudiert“ und „am Papier ohne Sinn für Dramaturgie geplant“). Darüber hinaus ist diese, falls man sie überhaupt so nennen soll, Inszenierung auch handwerklich misslungen: Der (Kinder-)Chor begrüßt zu Beginn des „Bajazzo“ die fahrenden Komödianten durch Winken ins Publikum (was ja eine gute Idee ist), aber währenddessen befinden sich Canio und Peppe schon auf der Bühne inmitten der Kinder (und singen ihr „Itene al diavolo!“ und „To! To! Birichino!“); und gänzlich misslungen ist der Schluss: Aufgrund dessen, dass sich Silvio ja nicht auf der Bühne der Komödianten, sondern im Volk befindet, ist Silvio im Liedtke’schen Machwerk auch räumlich von Canio und Nedda getrennt, mithin kann er von Canio nicht ermordet werden. Liedtke löste das Problem so, dass Canio plötzlich eine Pistole zieht und in Richtung des Publikums (also in Richtung des Zuschauerraums) einen Schuss abgibt, worauf hin der (nicht im Publikum, sondern auf der Bühne befindliche, also 90 Grad in die andere Richtung) tödlich getroffene Silvio zusammenbricht – patscherter geht es wohl nicht mehr. Diese Inszenierung ist grottenschlecht, und genauso grottenschlecht war der „Samson“ dieser Regisseurin 2018 an an der Wiener Staatsoper.


    Insgesamt war es kein verlorener Abend, aber auch keiner, den man gehört (und gesehen schon gar nicht) haben muss (Beginn: 19:30; Ende: 22:28 statt, wie laut Ankündigung, 22:45). In wenigen Stunden fahre ich übrigens wieder nach Linz, um im Brucknerhaus um 11:00 ein interessantes Programm zu hören („La Péri“ von Dukas, das Klavierkonzert von Reynaldo Hahn und das „Tanzpoem“ Zemlinskys), vielleicht sollte ich mir dort einen Zweitwohnsitz zulegen?

  • Lieber Sadko, noch einmal nebenbei: ich ziehe den Hut vor Ihrer Konsequenz, nach jeder Oper immer Berichte zu schreiben. Danke sehr dafür! Wiewohl so viele Opernbesuche hintereinander für mich nicht das Rechte wäre. Ich könnte das gar nicht alles verarbeiten.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

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