Opernberichte der Saison 2023/24

  • Natürlich freue ich mich, die landessprachlichen Namen zu lesen, aber davon müssen Sie sich bitte nicht bedrängt fühlen

    Ich hätte vielleicht ein ;) dazu setzen sollen. Nein, ich fühle mich gar nicht bedrängt. Aber ich bin mit den Übersetzungen aufgewachsen, und bei allen Opern, die in den Opernkonzerten rauf und runter gespielt worden sind, ist mir der deutsche Text noch sehr im Ohr. Und grade die „Jüdin“ war mit ihren drei „Wunschkonzertnummern“ ständig im Radio auf dem Programm.

    Bei Titeln verwende ich grundsätzlich die deutschen, live in den Theatern ziehe ich die Originalsprache vor, weil man ohnedies wenig versteht, ob im Original oder in der Übersetzung. Bei Werken, die ich halbs auswendig kann, und die ich sehr häufig gehört habe, braucht eine Verszeile nur angesungen zu werden, und ich kann sie im Kopf ergänzen. Wäre das nicht so, würde ich ja beim späteren Wagner gar nix mehr verstehen. Ich denke, ich bin nicht der Einzige, der so funktioniert.

  • Aufführungsbericht


    „Cosi fan tutte“ von Wolfgang Amadeus Mozart


    Premiere, 8.6.2024


    Gelsenkirchen



    Verlasse ich sonst so gut wie immer begeistert, oder zumindest zufrieden nach einer Aufführung den ansprechenden und immer noch eindrucksvollen Glasbau des Musiktheaters im Revier in der Stadt, der man irrenderweise aufgrund vieler negativer Berichte über sie inzwischen kaum noch Hochkultur zutraut, so war das gestern eine Kontrasterfahrung. Schon der Einführungsvortrag ließ Arges erahnen. In ihm wurde mitgeteilt, dass der Regisseur das Werk natürlich nicht so lassen könne, wie es von Mozart konzipiert sei, und das aus drei Gründen: erstens könne man in Kriegszeiten nicht einfach das Stück so lassen, wie es sei (warum?), zweitens sei das Frauenbild problematisch und drittens die Story des Werkes eigentlich unglaubwürdig.


    Und so liest man denn auch im Programmheft unter der Beschreibung der Handlung des ersten Aktes: „1913. Frankreich, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs“. Im Verlauf des Stückes wird die Zeit ausgedehnt bis 1950. Die Textanzeige teilt einem im Laufe der beiden Akte immer mit, wenn das nächste Jahr angebrochen ist. Die Idee, dieses Stück in eine andere Zeit zu versetzen, wäre noch akzeptabel gewesen, aber wozu die gedehnte Zeit?


    Zweiter Akt, 1938: „Alfonso und Despina führen die Frauen in einen Club […]“.

    Da sind dann alle vier in einer Mischung aus Peep – Show, Swinger – Club und Bordell und machen besondere Erfahrungen in diesem schwülen Etablissement. Verwirrend ist dabei und im ganzen Stück die Zuordnung der beiden Männer zu den beiden Frauen. Das wechselt hin und her. Und es fällt schwer auseinanderzuhalten, was denn nun noch das Stück ist und was umerzählt und verändert.


    Handlungsbeschreibung: „1939 […] Dann bricht der Zweite Weltkrieg aus. Guglielmo und Ferrando müssen abermals an die Front“, belehrt uns das Programmheft. Und damit auch jeder versteht, was Krieg bedeutet, fällt ein schon ziemlich toter Soldat vom Himmel (so wie bei K. Wagner in den "Meistersingern" Turnschuhe vom Himmel fallen, damit auch alle wissen, dass es sich um einen "sportlichen" Wettstreit handelt), den die beiden Schwestern schnell und geschickt in eine Decke packen und verschwinden lassen. So gehen die beiden Paare also durch die Zeit zwischen Einzug in den Ersten Weltkrieg, Rückkehr der schwer Verwundeten, Einzug in den Zweiten Weltkrieg bis zum Fall der Atombombe. Die biedere Gesellschaft des Jahres 1950 (wobei die Figuren alle nicht altern!) versucht dann die noch auf der Bühne liegende, seltsamerweise noch unversehrte Bombe mit Körperkraft wieder nach oben in den (Bühnen -) Himmel zu drücken, aber sie ist stärker und kommt wieder runter. Die Menschen werden die Bombe und den Krieg halt nicht los. Am Ende werden alle irgendwie von einem krampfhaften Zucken durchdrungen und die Textanzeige oben schreibt was von Gleichberechtigung und von Gender. Ich habe es in der Schnelle nicht ganz entziffern können. Und verstanden habe ich es schon gar nicht, das gilt es einzuräumen.
    Immerhin ist das Bühnenbild von Jo Schramm gefällig und arbeitet hauptsächlich mit geschickt sich verändernden Wandelementen und wenigen Möbeln auf einer weithin leeren Bühne.

    Die ganze Inszenierung von David Hermann ist letztlich eine Bearbeitung des Mozart – Werkes. Wer das Stück nicht kennt, wird völlig verstört zurückbleiben, wer es kennt aber nicht viel minder. Dabei gibt es keine anstößigen Einzelszenen. Aber das Ganze ist eben ein Konstrukt des Kopfes des Regisseurs, für mich ein typisches Beispiel für eine Mischung aus Hilflosigkeit und Hybris. Dass man mit diesem Werk nicht viel anfangen kann, kann ich einigermaßen nachvollziehen. Dass man es heute gerne anders schreiben würde, ist ebenfalls gut vorstellbar. Aber dass man die vorhandene Mozart – Oper dermaßen verschlimmbessert, ist ein Ärgernis. Und so geschieht das fast Unfassbare, dass der Autor dieser Zeilen sich über weite Strecken gelangweilt fühlte und ihm die Zeit zu lang wurde, auch wenn einige kleinere Einfälle die Lachmuskeln in Bewegung brachten, oder einige ernste Momente daran erinnerten, wie es für viele Frauen war, wenn ihre Männer nach Jahren verkrüppelt und traumatisiert aus dem Krieg zurückkamen. Nur kann man das in der Literatur erfahren, Mozart ist da ein weniger guter Lehrmeister.


    Zu dem „erkältenden Eindruck“ trug neben der Inszenierung aber auch in ganz besonderer Weise die Musik bei. Das Orchester spielte undifferenziert, der Dirigent (Giuliano Betta) traktierte es mit einem sehr harten Dirigat und großen Bewegungen. Und so klang es auch oft grob. Die hohen Streicher waren manchmal unsauber, klangen obertonarm und gedämpft. Die Hörner hatten auch ihre liebe Not, was aber nicht störte. Von Leichtigkeit keine Spur, höchstens von Oberflächlichkeit, was man nicht verwechseln darf. Von Beginn an schon wunderte ich mich über den mickrigen und dabei eher gedrückten, unfreien Klang des Orchesters, das auch sonst manchmal fast gar nicht zu hören war. Die Musik wirkte heruntergespielt, es war kaum Spannung zu erleben, keine Akzente zu vernehmen. Ich fühlte mich streckenweise eher an eine langweilig gespielte (nicht langweilige!) Händel – Oper erinnert. Lag es nur an dem Sitzplatz? Im 2. Akt war jedoch eine Veränderung im Sinne einer Verbesserung zu spüren. Er erschien bisweilen musikalisch konzentrierter und dichter, was aber wohl auch an der Partitur liegt, und sowohl ruhiger wie zugleich freier ausmusiziert.


    Die Ouvertüre wirkte gehetzt und aus den Musikern herausgequetscht, die späteren Tempi allerdings waren sehr organisch und ausgewogen gewählt. Dennoch stellten sich kaum Momente der Rührung und Intensität ein, also wie auf der Bühne so auch musikalisch. Eine Ausnahme bildete die Arie der Dorabella im 2. Akt, deren Interpretation durch Lina Hoffmann ausdrucksstark und mit wunderbar sonorer und ruhig fließender Stimme gestaltet war. Rebecca Davis als Fiordiligi hingegen wirkte manchmal etwas angestrengt und flackernd. Aber beide Stimmen wurden ihrer Partie gerecht. Dasselbe gilt, allerdings in geringerem Maße, für die männlichen Figuren, die nicht immer überzeugen konnten, manchmal zu leise, manchmal etwas zu wenig rund klangen. Wie schwer die Gestaltung dieser Partien ist, merkt man erst, wenn man mittelprächtige Interpretationen zu Gehör bekommt. Alfonso (Philip Kranjc) klang an manchen Stellen etwas belegt. Margot Genets Despina war erfrischend hell, wenn auch nicht sehr stark in der Stimme, und strahlte viel Energie und Witz aus.

    Ansonsten war von Witz wenig zu erleben, aber auch nicht von Dramatik. Keine opera buffa, aber auch kein rechtes dramma giocoso!


    Ist die Musik von „Cosi von tutte“ wie deren Inhalt für mich von je nicht sehr ansprechend und stark abfallend gegenüber etwa der des „Don Giovanni“, so war der gestrige Abend nicht dazu angetan, mir das Werk, seinen Inhalt und seine Musik näherzubringen. Die Inszenierung führte von dem Werk weg, die musikalische Gestaltung muss (zumindest von dem Platz im hinteren Parkett Mitte am Rand) als wenig zufriedenstellend resümiert werden.


    Das Publikum spendete herzlichen Beifall, auch für den sympathischen wenn auch heillos gescheiterten Regisseur und sein Team gab es keine Buhs (vielleicht ein einziges, ich bin aber nicht sicher), was für den Anstand und die Kultiviertheit des Publikums spricht. Die Kostüme von Bettina Walter waren aber auch sehr gut ausgewählt, stets angepasst an die Zeit, in der der Regisseur die jeweiligen Szenen spielen ließ, wirkten zum Teil edel und passten ihren Trägern perfekt, die sich in ihnen sehr natürlich bewegen konnten.


    Kleinere Ärgernisse bieten bietet das „Informationsmanagement“. Gehört es jetzt schon zu den gängigen Gepflogenheiten, dass man darauf aufmerksam gemacht wird, dass Mobiltelephon abzuschalten, schreitet im Revier das Misstrauen in die (Schwarm -)Intelligenz des Publikums weiter voran. Zusätzlich zum Erklingen des an sich schon unpassenden Pausenzeichens (Blechbläsersignal aus dem „Lohengrin“), wird man nun noch verbal darüber informiert, dass die Pause nun zu Ende sei und man sich bitte auf seine Plätze begeben möge. Was traut man seinem Publikum eigentlich noch zu? Irgendwie passt das aber zu dem Gesamteindruck des Abends. Denn man hielt es ja offenbar auch für eine nicht zumutbare Sache, dem Publikum die Oper von Mozart und Da Ponte vorzusetzen, ohne sie bis fast an die Schmerzgrenze zu modifizieren. „Fast“, weil man dem Regisseur zugutehalten muss, dass er die Oper nicht mit überbordenden Bildern und Symbolen und zusätzlichen Personen ausstattete und auch auf Videos verzichtete. Soweit ist es, dass man das noch als positiv herausheben meint zu müssen!


    Dieses Werk ist eine große Herausforderung für die Musik wie für die Spielleitung. Es hätte großer Künste in der Personenregie bedurft, wenn man die im Werk durchaus vorhandenen psychologischen Tiefen hätte ausloten wollen, was auf der Basis des Textes grundsätzlich auch möglich gewesen wäre. Dazu hätte es aber der hohen Schule des Regie - Führens bedurft, flankiert und getragen von einer entsprechend sensiblen musikalischen Gestaltung. An beidem hat es aber gefehlt. Abgesehen von manchen sängerischen Einzelleistungen hinterließ die Aufführung einen uninspirierten und uninspirierenden Eindruck, wenn man auch dem Regisseur kluge Gedanken und dem Dirigenten ein waches und körperlich sehr engagiertes Dirigat nicht absprechen kann.

    Einige Rezensenten konnten gesichtet werden. Man kann gespannt sein, was sie schreiben werden. Ich hoffe, sie bieten ausreichend Material, um die Eindrücke des Schreibers dieser Zeilen zu relativieren und zu korrigieren.

    Für mich jedenfalls endete um ca. 22.30 Uhr ein im hohen Maße nicht befriedigender Opernabend, den ich, ohne an der Premierenfeier teilzunehmen, in meinem Hotelzimmer etwas zerknirscht ausklingen ließ.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Danke für Ihre eindrückliche Schilderung, Hagen.

    erstens könne man in Kriegszeiten nicht einfach das Stück so lassen, wie es sei (warum?)

    Dann hätte man Stück nie aufführen dürfen, irgendwo ist immer Krieg.

    zweitens sei das Frauenbild problematisch

    Es ist halt von 1790; dass das Frauenbild von damals uns heute fremd ist, sollte nicht weiter verwundern. Problematischer finde ich im übrigen auch das Männerbild in dem Stück.

    drittens die Story des Werkes eigentlich unglaubwürdig.

    Dann hätte er halt die Konsequenz ziehen sollen und die Finger von dem Stück lassen.

    Guglielmo und Ferrando müssen abermals an die Front“, belehrt uns das Programmheft.

    Das müssen sie ja eben nicht. Sollte der Regisseur das nicht verstanden haben? Kaum vorstellbar.

    Ist die Musik von „Cosi von tutte“ wie deren Inhalt für mich von je nicht sehr ansprechend und stark abfallend gegenüber etwa der des „Don Giovanni“

    Ich mag die Cosi eigentlich sehr, es ist eine bitterböse Komödie aus dem Geist der 'Gefährlichen Liebschaften' von Choderlos de Laclos.


    Ehrlich gesagt: vermutlich wäre ich nach der Einführung gegangen, neben Geld hätte ich dem ungern auch noch Lebenszeit geopfert.

  • vermutlich wäre ich nach der Einführung gegangen

    Dafür war ich zu neugierig und interessiert an der Musik.

    Problematischer finde ich im übrigen auch das Männerbild in dem Stück.

    Das stimmt. Schließlich macht diese ekelhafte Männerwette ja nicht nur Spaß, sondern sie zehrt an den Menschen, führt zu schlimmem Gefühlschaossie und zerstört dadurch letztlich die Beziehungen, wenn man es mal realistisch betrachtet. Und genau diese Feinheiten hätten im Vordergrund einer ordenltichen Personen - Regie stehen können und müssen. Hätte man sich das vorgenommen und wäre es gar gelungen, hätte die Aufführung szenisch hochwertig werden können. Dieser Zeitdehnung und sonstigen Bearbeitung hätte es nicht bedurft.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Danke für die "Così"-Rezension! Es tut mir leid, dass sich der zeitliche und finanzielle Aufwand (Übernachtung) nicht gelohnt hat.

    Mit einer Ausnahme kenne ich niemanden von den Sängern, und über den einen, den ich gehört hatte, habe auch ich mich unerfreulich geäußert:

    Alfonso (Philip Kranjc) klang an manchen Stellen etwas belegt.

    Fast ein Ausfall war Philipp Kranjc als Collatinus, der eine fahle, glanzlose Stimme ohne Kern/Metall hat, und wer eine solche Stimme verwaltet, sollte nicht Sänger werden.

    Ich kann mir also gut vorstellen, dass die Aufführung leider misslungen war.

  • So., 9. Juni 2024: WIEN (Staatsoper): Richard Strauss, Salome

    Wie prophezeit, gelang die heutige „Salome“-Aufführung – jedenfalls zumindest zum Teil – besser: Verbesserungen waren bei Camilla Nylund (ungeachtet schwächerer Anfangsminuten) und bei Gerhard Siegel zu merken; Daniel Jenz und Michaela Schuster waren wie zuletzt in Form. Sogar noch schlimmer als am Mittwoch tönte Iain Paterson als Jochanaan, und Wolfgang Bankl fiel heute in erster Linie durch einen prominent platzierten Textaussetzer auf („Prinzessin, …, er ist ganz jung“ statt „Nein nein, Prinzessin, er ist ganz jung“). Schlechter als in der ersten Aufführung klang das Orchester unter Philippe Jordan (es werden heute doch nicht lauter Substituten im Orchestergraben gesessen sein?).

  • Natürlich! Man kriegt doch vorher - zumindest ansatzweise - mit, was auf einen zukäme und verzichtet dankend.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Natürlich! Man kriegt doch vorher - zumindest ansatzweise - mit, was auf einen zukäme und verzichtet dankend.

    Ich bin mir das dieses Mal nicht so sicher. Vor der Aufführung habe ich nichts lesen können zu der Neuinszenierung. Aber womöglich habe ich auch etwas übersehen.

    Immerhin stelle ich fest, dass mein "Mitrezensent" ähnlich über die Inszenierung denkt wie ich.

    Aber so etwas müsste doch Konsequenzen haben, etwa dass andere Intendanten so etwas mitbekommen und sich vornehmen, diesen Regisseur nicht mehr einzuladen oder nur, wenn er vorher ausführlich sein Konzept vorgestellt hat. Warum passiert so etwas nicht?

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • "Sieht man vom mangelnden Alterungsprozess der Figuren ab, erzählt Hermann eine nachvollziehbare Geschichte, die mit dem Inhalt von Mozarts Oper allerdings nur marginal etwas zu tun hat."


    "Die eigentliche Handlung von Mozarts Oper wird durch die Zeitreise allerdings doch sehr stark entfremdet"


    beides aus: http://www.omm.de/veranstaltun…24/GE-cosi-fan-tutte.html

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Aber so etwas müsste doch Konsequenzen haben, etwa dass andere Intendanten so etwas mitbekommen und sich vornehmen, diesen Regisseur nicht mehr einzuladen oder nur, wenn er vorher ausführlich sein Konzept vorgestellt hat.

    Manchmal habe ich den Eindruck, dass es sich gerade umgekehrt verhält: dass sich Regisseure mit solchen Arbeiten bei Intendanten geradezu empfehlen. Je abgefahrener, desto besser. Aber ich irre mich sicherlich.

  • dass sich Regisseure mit solchen Arbeiten bei Intendanten geradezu empfehlen. Je abgefahrener, desto besser. Aber ich irre mich sicherlich.

    Ich fürchte, Sie irren nicht. Dann müsste man sich aber fragen, warum solche Intendanten überhaupt eingestellt werden.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • (...) oder nur, wenn er vorher ausführlich sein Konzept vorgestellt hat. Warum passiert so etwas nicht?

    Passiert es in der Realität wirklich nicht, dass Intendanten sich mit Regisseuren unterhalten, wie diese die einzelnen Werke sehen, die sie inszenieren sollen. Ein fertiges Konzept mehr oder weniger gratis auszuarbeiten, da kann ich mir schwer vorstellen, dass das jemand akzeptieren kann (es sind ja nicht alles Großverdiener). Und ob Abschlagshonorare an Theatern vorgesehen sind, weiß ich nicht.

    Bei der Wiener Staatsoper bin ich mir tatsächlich nicht ganz sicher, ob nicht Theateragenten Besetzungen und Leading Teams zusammenwürfeln, womöglich zieht auch Holender noch immer aus dem Hintergrund Fäden.

    Aber bei Stefan Herheim, dem Intendanten des Musiktheaters an der Wien, das ich ganz besonders schätze, seit dem es zum Opernhaus wurde, bin ich überzeugt, dass er ganz genau weiß, wem er welches Werk anvertraut und was die einzelnen RegisseurInnen vorhaben.

    Dass er ästhetische Vorstellungen hat, die diejenigen der Wiener Opernbegeisterten, die eher unverbindlich kulinarische Opernabende präferieren, nicht goutieren - und das sind sicher nicht wenige -, das wusste man, als Herheim nominiert wurde. Dass auch an diesem Haus nicht alles glückt, ist klar. Der zur Regel gewordene Premierenunmut ist ja nicht mehr sehr aussagekräftig, der ist so erwartbar, dass einem was fehlen würde, wenn er nicht käme. Bei Donizetti "Les Martyrs" am Theater an der Wien war's so.

    Hermann Schneider, der Intendant des Musiktheaters Linz, weiß mit Sicherheit, was an seinem Haus wie und warum passiert (das spürt man als Besucher) und ich bin mir sicher, dass hier im Forum von manchen heftigste Einwände gegen die Linzer Aufführungen (etwa die fast um die Hälfte gekürzte pausenlose Aufführung der „Macht des Schicksals“ durch Peter Konwitschny, oder die Wagners) formuliert worden wären.

    Hat sich nicht Katharina Wagner von Valentin Schwarz sein „Ring“-Konzept erläutern lassen und ihn daraufhin engagiert?

    Wie in jedem Beruf gibt es Blindgänger und es werden von der Kulturpolitik immer wieder Personen auf Posten gehieft, für die sie nicht geeignet sind.

    Österreich kann ich überschauen, da sehe ich diese Blindgänger nicht. Auch wenn die IntendantInnen unter Umständen Prioritäten setzen, über die man trefflich streiten kann.

  • Bei der Wiener Staatsoper bin ich mir tatsächlich nicht ganz sicher, ob nicht Theateragenten Besetzungen und Leading Teams zusammenwürfeln

    Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.

    Der zur Regel gewordene Premierenunmut ist ja nicht mehr sehr aussagekräftig, der ist so erwartbar, dass einem was fehlen würde, wenn er nicht käme.

    Das scheint eine Wiener Sache zu sein. Ich bin in Deutschland in diesem Jahr in einigen Premieren gewesen (von einigen nur habe ich hier berichtet), die sehr positiv aufgenommen wurden.

    und ich bin mir sicher, dass hier im Forum von manchen heftigste Einwände gegen die Linzer Aufführungen (etwa die fast um die Hälfte gekürzte pausenlose Aufführung der „Macht des Schicksals“ durch Peter Konwitschny, oder die Wagners) formuliert worden wären.

    Kürzungen von Wagner und Verdi um die Hälfte hätten auch meinen Unmut hervorgerufen.


    Hat sich nicht Katharina Wagner von Valentin Schwarz sein „Ring“-Konzept erläutern lassen und ihn daraufhin engagiert?

    Bestimmt: Denn

    [...] ist es in Bayreuth nicht Usus, dass man die Katze im Sack kauft.

    Eben! Die Frage ist nur, welche Konzepte einen dann überzeugen und welche man übernimmt. Frau Wagner dürfte da andere Kriterien haben als ihr Vater.

    und es werden von der Kulturpolitik immer wieder Personen auf Posten gehieft, für die sie nicht geeignet sind.

    Da haben Sie recht. Das gilt ja auch leider für viele andere Bereiche im öffentlicher Verantwortung, sei es an Schule, oder Universität, Verwaltung oder Kunst.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.

    Die Wiener Staatsoper hatte 19 Jahre lang einen Direktor, der vorher einer der wichtigsten „Künstlervermittler“ = Künstleragent war. Da die (politische) Optik so schlecht war – es wurde öffentlich sehr intensiv über eine extreme Unvereinbarkeit diskutiert – wurde der Österreichische Gewerkschaftsbund gezwungen, ihm die Agentur um viele Millionen Schilling abzukaufen, damit der damalige Kanzler aus dem Schussfeld genommen werden konnte. Die Agentur war ab diesem Tag wertlos, denn Stars wie Domingo - er war bei Holender und ist ihm auch sonst in sehr vielem ähnlich - lassen sich nicht durch eine Gewerkschaftsagentur vertreten. Holender gilt ja auch als Königs= Roščić-Macher und dürfte auch ein ständiger inoffizieller Berater des Direktors geblieben sein.

  • Danke sehr für die interessanten Interna, Bernardin!

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Als damals Roscic bestellt wurde, hat man gemunkelt, daß zwischen ihm und Holender eine engere Verbindung bestünde, aber inzwischen hat sich Holender doch mehr oder weniger indirekt kritisch zum Opernbetrieb geäußert, daß ich zweifle, ob da noch viel Konnex gegeben ist bzw. die Gerüchte völlig gestimmt haben. Holender soll nach Infos um die Ecke ja auch in der Ära nach Waechter eher zum Alleinherrscher tendiert haben. Klar ist, daß er sehr viel von Stimmen versteht, während seine Bilanz bezüglich Regisseuren seinerzeit sehr gemischt ausgefallen ist (aber aus meiner Sicht immerhin deutlich besser als die unter dem jetzigen Direktor).

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