Opernberichte der Saison 2023/24

  • O je, jetzt habe ich „Friederike“ tatsächlich verpasst.

    Lieber Bernardin! Es ist schade, dass Sie die Aufführung versäumt haben, denn ich kann mir vorstellen, dass Ihnen die Aufführung gefallen hätte. Über die Grazer Aufführung kann ich nichts sagen, aber in Baden hat das („auf dem Papier“ vielleicht gewöhnungsbedürftig klingende) Konzept für mich vollkommen funktioniert.


    Übrigens sitzen wir hinsichtlich Verpassens einer Aufführung in Baden im gleichen Boot: 2022 gab es dort eine deutschsprachige Serie von „La traviata“ mit dem von mir sehr geschätzten Sebastian Reinthaller in der Tenor-Hauptrolle. Die habe ich leider verpasst und finde das bis heute schade, zumal ich wohl auch an keinen Mitschnitt herankommen werde.


    Dafür war ich bei Mahlers Neunter und ging etwas erschlagen nach Hause.

    Das kann ich mir gut vorstellen, ich hatte ja auch vor, dieses Konzert zu besuchen, weil diese Symphonie zu meinen liebsten gehört und ich Marin Alsop schätze. Aber dann habe ich bemerkt, dass gleichzeitig die letzte Aufführung von „Friederike“ stattfindet, und letzterer habe ich dann doch den Vorrang gegeben.

  • Lieber Hagen, die Besetzung sagt mir zwar nichts, aber wenn die Sänger Sie zu Tränen gerührt haben, müssen sie einfach gut gewesen sein. Emmanuelle Häim ist eine äusserst temperamentvolle Barock-Dirigentin. Ich erlebe sie seit 25 Jahren live mit fulminanten Aufführungen und ganz besonders gut ist sie bei Händel und bei der Auswahl der Sänger-ich verdanke ihr die herrlichsten Händelerlebnisse meines Lebens. Sie dirigiert auf eine ganz spezielle tanzende Weise, spielt im Stehen Cembalo und ist mit ihrer roten Mähne zudem eine Augenweide. Sie hat auch schon hochschwanger 4 Stunden am Pult gestanden (ich glaube mit Rinaldo) und wurde an diesem Abend besonders stürmisch gefeiert . Allerdings gingen auch mal Gerüchte um, dass sie ihren Mann verprügelt haben soll und es mit der Polizei zu tun hatte.....nun ja... Wenn man sie im Orchestergraben herrschen sieht, hält man das nicht mehr für total abwegig. Aber wie gesagt, das waren Gerüchte. Vielleicht auch von neidischen Männern in die Welt gesetzt.

    O Mensch, lerne singen und tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit Dir anzufangen .

  • Allerdings gingen auch mal Gerüchte um, dass sie ihren Mann verprügelt haben soll und es mit der Polizei zu tun hatte.....nun ja... Wenn man sie im Orchestergraben herrschen sieht, hält man das nicht mehr für total abwegig. Aber wie gesagt, das waren Gerüchte. Vielleicht auch von neidischen Männern in die Welt gesetzt.

    Das klingt launig und lustig. Man stelle sich aber nur einmal vor, die Geschlechter wären vertauscht, dann würde es einen lauten Aufschrei geben, woran man sieht, wie einseitig und verkrampft manches vonstattengeht. Aber das nur am Rande.

    In jedem Fall scheint die Dame ein Phänomen zu sein.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Sa., 23. März 2024: WIEN (Volksoper): Giuseppe Verdi, La traviata

    Den regelmäßig wechselnden und allesamt misslungenen Produktionen von „La traviata“ an der Wiener Staatsoper steht – gleich einem Fels in der Brandung – an der Wiener Volksoper seit dem Jahre 2001 die unverwüstliche Inszenierung von Hans Gratzer (Kostüme von Barbara Naujok) entgegen, die es heute schon auf die 178. Vorstellung gebracht hat. Das Konzept der Inszenierung besteht darin, dass die nur von Annina und Doktor Grenvil begleitete Violetta kurz vor ihrem Tode die Geschichte nochmals durchlebt (mithin spielt sich auch die Wiederbegegnung mit Alfred und seinem Vater nur in ihrer Vorstellung ab); dies alles geschieht jedoch keinesfalls aufdringlich, sondern in wunderschönen, sensiblen (vor allem schwarz-weißen) Bildern. Besonders berührend gelöst ist das Ende der Oper, an welchem Alfred und sein Vater abgehen und ein Mädchen mit Luftballon die Bühne betritt: Genau gleichzeitig mit dem Tod Violettas lässt das Mädchen den Luftballon steigen, was dem traurigen Ende eine versöhnliche und poetische Atmosphäre verleiht, und dieses Ende passt hervorragend in diese handwerklich ausgezeichnete, genau auf die Musik abgestimmte und sehr empathisch gestaltete Produktion.


    Mit der großartigen szenischen Qualität der Aufführung konnte die musikalische Qualität nur teilweise mithalten, wobei mich das Volksopernorchester heute besonders angenehm überrascht hat: Da war ein bemerkenswert sauberer Streicherklang zu hören, es gab keine Unsauberkeiten, und der Dirigent Alexander Joel leitete humpatata-frei recht flott, aber keinesfalls gehetzt die Aufführung und arbeitete manche Passagen sehr gefühlvoll heraus, da war also alles bestens. Ebenfalls „alles bestens“ ist zum Interpreten des Georg Germont zu sagen: Andrei Bondarenko passt dafür ganz hervorragend, denn seine in allen Lagen sicher ansprechende und dunkel timbrierte Stimme meistert sowohl laute Ausbrüche (die hier genau richtig am Platze sind, die Figur hat sehr unsympathische Züge!) als auch tragfähiges Piano. Dass seinem wunderbar gesungenen „Di provenza“ mehr Applaus zu hören war als nach Violettas Soloszene am Ende des ersten Aktes, fand ich sehr gerecht. (Anekdote am Rande: Bei seinen Schlussvorhängen gab ich zwei laute „Bravo“-Rufe von mir, die mein Stammbilleteur meiner Stimme richtig zuordnete, und mich nach der Aufführung mit „Na, Dir hots gfoin heit?“ anredete.)


    Ebenfalls eine sehr gute Leistung brachte JunHo You, von dessen erfreulicher Entwicklung ich schon mehrfach geschrieben hatte, auch heute konnte er mit seiner elegant metallisch timbrierten und technisch sehr gut geführten Stimme reüssieren, auch wenn er so manche Verzierung genauer singen hätte sollen. Bedauerlicherweise bekam er am Ende bei „Parigi, o cara“ einen Frosch in die Stimme, rettete sich aber durch seine gute Technik. Auch die Interpreten der kleinen Rollen waren überwiegend zufriedenstellend: Stanisław Napierała sang den Gaston mit heller Naturstimme, Daniel Ohlenschläger war ein (im ersten Akt zu) polternder Marquis, Aaron Pendleton ein gefühlvoll singender, hellstimmiger Grenvil, die beiden Damen (Martina Dorak als Flora, Kristinka Antolković als Annina) taten solide ihre Pflicht, nur Ben Connor fiel als Douphol unangenehm auf, und zwar nicht nur durch sein heiseres Singen, sondern auch dadurch, dass er sich als einziger wie ein Fremdkörper in dieser stilvollen Produktion bewegte, denn er latschte im Schlenderschritt über die Bühne.


    Die Aufführung ich hervorragend gefunden, wenn nicht die unzureichende Interpretin der Titelrolle gewesen wäre: Ekaterina Bakanova kannte ich vorher nicht und will ich auch nie wieder hören, denn auch wenn ihre sehr laute Stimme in der Mittellage recht schön klingt, mischt sich in der Höhe ein unangenehmer Klang hinzu, sodass sich alle hohen Töne angestrengt und „gedrückt“ anhören. Das wäre ja noch auszuhalten, aber unverzeihlich ist, dass sie sich oft nicht auf der Tonhöhe befand, auf der sie sein sollte (nämlich in der Regel sang sie zu hoch!), und sich über über manche heikle Stelle hinweg schummelte. So geht das nicht, und ich frage mich, wieso man vor knapp zwei Jahren mit Melba Ramos und Kristiane Kaiser zwei langgediente Ensemblemitglieder geschasst hat, die erfahrungsgemäß viel bessere Interpretinnen dieser Rolle sind.


    Dennoch hat mir die heutige Aufführung in Summe sehr gut gefallen. Abschließend muss ich jedoch meinem Missfallen Ausdruck verleihen, dass die ober der Bühne eingeblendete Übersetzung von „Noi siamo zingarelle“ mittlerweile „Wir sind Vagabundinnen“ lautet, was ich als Anbiederung interpretiere. Wenn man so anfängt, müsste man konsequenterweise auch die Übersetzung „Stierkämpfer“ (für „mattadori“) streichen, weil der Stierkampf nachweislich eine abscheuliche tierquälerische Angelegenheit ist und man – wenn man solche Maßstäbe anlegt – dieses Wort genauso wie „Zigeuner“ entsorgen müsste. So kommt man in Teufels Küche.

  • Emmanuelle Haïm ist eine äusserst temperamentvolle Barock-Dirigentin.

    Das BRSO im Herkulessaal:


    Wenn ein Orchester tanzt


    Die französische Dirigentin Emmanuelle Haïm animiert das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu farbenreichem Spiel.


    https://www.sueddeutsche.de/mu…ik-1.6482179?reduced=true


    (Ich hoffe, es ist lesbar. Falls nicht, werde ich versuchen, den Artikel über SZPlus einzustellen)

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Mo., 25. März 2024: WIEN (Staatsoper): Richard Strauss, Der Rosenkavalier

    Von überraschend hoher Qualität ist die aktuelle „Rosenkavalier“-Serie (heute fand die zweite von vier Aufführungen statt), was insbesondere der ausgezeichneten Interpretin der Marschllin zu verdanken ist: Julia Kleiter sang zwar ziemlich leise (an wenigen Stellen wie an „In Gottes Namen!“ im dritten Akt zu leise), aber bot mit ihrer hellen, leicht melancholisch klingenden und technisch perfekten Stimme eine enorm innige und gefühlvolle Interpretation. Lediglich „ob ich in den Prater fahr“ war nicht perfekt, weil die Stimme erst ab „ich“ da war, aber alle anderen Passagen waren ausnehmend schön gesungen. (Bisher habe ich mich im ersten Akt dieser Oper immer gelangweilt, heute erstmals nicht.) Die zweite sehr gute Leistung des Abends kam von Slávka Zámečníková als Sophie, die eine filigrane, glockenhelle, „silbern“ timbrierte Stimme ihr eigen nennt, allerdings waren kleine Unsauberkeiten und technische Probleme nicht zu überhören, die sich sicher noch beseitigen lassen werden.


    Durchschnittlich fand ich Christina Bock als Octavian, ihre Material ist durchschnittlich, die Gestaltung war es ebenfalls: Die Stimme ist ebenfalls recht leise, hat kleinere Probleme in der Höhe und klingt dort wie ein Sopran, ihr geht ein typisches Mezzo-Timbre ab. Adrian Eröd brachte als Faninal eine passable Leistung, demonstrierte aber leider nachdrücklich, dass auch er nicht jünger wird. Unter den kleinen Rollen imposant war Angel Romero als italienischer Sänger (eine kräftige, strahlende und „schwere“ Stimme, die Zukunftshoffnungen nährt, allerdings mit einem Bruch in der Stimme und einer schwachen Bruststimme), sehr gut der vom Sänger zum Valzacchi „dergradierte“ Norbert Ernst, ebenso Monika Bohinec als Annina, Wolfgang Bankl als Polizeikommissar, Jörg Schneider als Wirt und Regine Hangler als Leitmetzerin. Lukas Schmidt war der heutige Ensembleschwachpunkt, denn seine Stimme ist zwar schön, konnte sich allerdings bei „Die Lerchenauischen sind voller Branntwein gesoffen …“ kaum Gehör verschaffen.


    Schwachpunkt der ansonsten sehr guten Vorstellung war der Ochs, dem Christof Fischesser in keiner Hinsicht gewachsen ist, und das betrifft sowohl stimmliche Schwierigkeiten (er schafft den Tonumfang kaum, sein Organ hörte sich wie üblich dumpf und ungeschliffen an) als auch gestalterische Eintönigkeit (er legte den Ochs grobschlächtig und derb an, keine Spur von den anderen Seiten dieses Charakters wie Selbstgefälligkeit, List, Überheblichkeit, aber auch Schmeichelei und sogar Charme), darüber hinaus klang sein Wiener Dialekt (ganz im Gegensatz zu jenem Eröds) gekünstelt (etwa sang er im zweiten Akt „ois auf einmal“, wohingegen „ois auf amoi“ authentisch wäre; Beispiele solcherart ließen sich mehrere aufzählen). Weil ich Fischesser schon öfters gehört habe und er immer so wie heute sang, kann ihm keine möglicherweise schlechte Tagesform zugute gehalten werden.


    Am Pult stand Axel Kober und machte seine Sache sehr gut: Man spürte, dass er diese Oper „intus“ hat (ein paar abrupte Wechsel der Tempi können entschuldigt werden), und das sehr gut disponierte Orchester folgte ihm bereitwillig (und einer alten Wiener Tradition folgend sang das Orchester bei „Die Kaiserin muss ihn mir wiedergeben“ mit). Insgesamt handelte es sich um eine bemerkenswert gute Vorstellung, die mich freue, miterlebt zu haben. (Auch beim philharmonischen Konzert am 17. März im Musikverein fand ich das Orchester sehr gut.)

  • Danke sehr für den interessanten Bericht!

    Dass das Orchester mitsingt, hatte ich vorher noch nie gehört. Was für ein bemerkenswerter Brauch!

    Kober zu erleben, ist immer eine Bereicherung. In Wien hat er ja auch schon den "Ring" gemacht, nicht wahr? Wenn seine Verpflichtung am Rhein demnächst zu Ende geht, wird er vermutlich noch mehr freie Dirigate übernehmen, in Wien und anderswo. Im April bringt er in Duisburg aber noch eine neue "Jenufa" auf die Bühne:

    https://www.operamrhein.de/spielplan/a-z/jenufa/ .

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Es gibt doch die Geschichte, daß sie das mal nicht machten und Karajan damit zu Tode erschreckten.

    Gibt es auch eine Geschichte, wie das entstanden ist, dass überhaupt mitgesungen wird?

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Dass das Orchester mitsingt, hatte ich vorher noch nie gehört. Was für ein bemerkenswerter Brauch!

    Ich weiß leider auch nicht, woher dieser Brauch kommt oder wie lang es ihn schon gibt, aber traditionell singen die Wiener Philharmoniker an folgenden Stellen mit:

    • in der „Frau ohne Schatten“:
      bei „abzutun Mutterschaft“ der Amme (Koloraturschleife bei „Mutter“);
    • in der „Salome“:
      bei „Er hat Deinen Namen nicht genannt“ des Herodes (bei „nicht“);
    • im „Rosenkavalier“:
      bei „Die Kaiserin muss ihn mir wieder geben“ der Annina (bei „Kaiserin“).

    Das ist allerdings nicht in jeder Aufführung so, es kommt sicherlich auch darauf an, welche Leute gerade im Graben sitzen. Angeblich gibt es diesen Brauch auch in Dresden, aber das kann ich nicht aus eigenem Zuhören bestätigen (dort habe ich noch keines der genannten drei Werke gehört).


    Ja, Axel Kober ist ein sehr fähiger Dirigent; in Wien war er in den letzten Jahren mehrfach zu Gast (siehe Archiv: Link), und ja, auch drei „Ringe“ waren darunter.

  • Man stelle sich das mal bei Wagner vor. Wo wären schöne Orchester - Vokalkantilenen gut denkbar? Ein heiteres Gedankenexperiment!


    Zum Beispiel im "Ring":


    Im "Rheingold" bei "Holde Äpfel wachsen in ihrem Garten"; "Weiche, Wotan, weiche"; "Immer ist Undank Loges Lohn"
    In der "Walküre" bei "Heilig ist mein Herd"; "Winderstürme wichen dem Wonnemond"; "Hojotoho"
    Im "Siegfried" bei "Als zullendes Kind zog ich dich auf"; "Aus dem Wald fort in die Welt ziehn"; "Siegfried und Fafner; Fafner und Siegfried, o brächten beide sich um"

    In der "Götterdämmerung": "Meineid rächt ich"; "War das sein Horn"; "Kinder hört ich weinen nach der Mutter, da süße Milch sie verschüttet".


    Das gäb´ einen Spaß!

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Ein Spaß wäre es auch, wenn das Publikum mitklatschen würde (wie in Verona geschehen in "Carmen"). Z.B. beim "Walkürenritt" ^^

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Do., 28. März 2024: WIEN (Volksoper): Giuseppe Verdi, La traviata

    Auch die heutige Vorstellung war erfreulich, wobei die vorliegenden Anmerkungen diejenigen vom 23. März ergänzen, somit verweise ich hinsichtlich Andrei Bondarenko (der für Orhan Yildiz einsprang), hinsichtlich Alexander Joel und des Volksopernorchesters und hinsichtlich der Inszenierung von Hans Gratzer auf die Eindrücke vom 23. März. Leicht enttäuscht war ich von Rebecca Nelsen, die sich heute nicht ganz auf der Höhe zu befinden schien, davon zeugte vor allem ein verhauter Schluss des ersten Aktes (da sang sie teilweise irgendwelche Noten, die völlig fern von den in der Partitur notierten waren, und legte Töne tiefer) und während der ganzen Aufführung ein leichter „Schleier“ über ihrer Stimme; hier ist zu hoffen, dass es sich um eine zeitweilige Indisposition handelt. (Dennoch war ihre Leistung viel besser als die ihrer Rollenvorgängerin am 23. März). Der sehr junge David Kerber bot als Alfred eine gute „Talentprobe“, womit ich meine, dass er alles richtig machte, aber im derzeitigen Stadium seiner Karriere mit dem Gaston besser beraten wäre: Seine Stimme ist schön, und er machte technisch alles richtig, aber man darf diese Rolle nicht unterschätzen: An zu vielen Stellen (insbesondere am Anfang des ersten und des zweiten Aktes und während der Szene, in welcher er Violetta das Geld vor die Füße warf) war zu hören, dass seine Stimme mit dieser Rolle ihre derzeitigen Grenzen überschreitet (zu wenig stimmliche Attacke und Wandlungsfähigkeit, öfters eine gewisse Kurzatmigkeit), zudem ist seine italienische Aussprache verbesserungswürdig. Dennoch war die heutige Darbietung für einen 25jährigen (sein genaues Alter ist mir unbekannt, aber laut einem Regionalzeitungsbericht war er im Oktober 2021 22 Jahre) beachtlich, und ich bin auf die weitere Entwicklung dieses Sängers gespannt. Unter den kleinen Rollen fielen Alexander Fritze (Grenvil) und Sofia Vinnik (Annina) sehr angenehm auf.

  • So., 31. März 2024: WIEN (Staatsoper): Antonín Dvořák, Rusalka

    Eine (mit Ausnahme des Küchenjungen) komplett neu besetzte „Rusalka“ gibt es derzeit in Wien. Aufgrund von Terminüberschneidungen kann ich nur die erste von drei Aufführungen besuchen, und mein Gesamteindruck derselben ist sehr verbesserungswürdig:


    Am besten gefallen hat mir die am Haus debütierende Interpretin der Titelrolle: Corinne Winters nennt einen schönen und technisch gut geführten (also auch zu tragfähigem Piano fähigen) Sopran ihr eigen und machte alles richtig, bis darauf dass sie fast jeden lauten Ton gleich wieder abphrasierte (man kann das für ein Stilmittel halten, aber mit der Zeit nervt es) und dass ihre Artikulation sehr schlecht war; insofern ist für mich trotz einer guten Leistung der „Funke“ nicht übergesprungen. Ebenfalls gut gefallen hat mir Okka von der Damerau als Ježibaba, wenngleich ihre Stimme in der Höhe das Mezzo-Timbre verliert und sich so anhört, als wäre sie auf Sopran getrimmt (kein Wunder, diese Mezzosopranistin singt nicht nur Erda, sondern auch Brünnhilde). Enttäuscht war ich von Eliška Weissová, die mir in der vorherigen Saison als Küsterin ausgezeichnet gefallen hatte: Heute hatte ich den Eindruck, als würde sie sich als fremde Fürstin gemeinsam mit dem Wassermann ein Schrei-Duell liefern wollen, darüber hinaus schien sie einen Registerbruch zu besitzen. Die fremde Fürstin ist zwar eine Schreckschraube, aber sie muss auch verführerisch klingen, was heute überhaupt nicht der Fall war (und wenn sogar ICH finde, dass zu laut gesungen wird, dann ist es wirklich zu laut).


    Nun zu den Schwachpunkten der Aufführung: Adam Palka war die Rolle des Wassermanns anvertraut, und er kam mit der Rollengestaltung nicht zurande: Man kann diese Figur väterlich-besorgt anlegen oder dämonisch-brutal oder etwas zwischen diesen beiden Polen, aber Palka gestaltete nichts: Wenn er konnte, gab er viel Lautstärke, aber wenn man als Wassermann nur mit Lautstärke aufwarten kann, verschenkt man viel Potential dieser Partie. Darüber hinaus sang er ziemlich undeutlich, und angesichts seiner hellen und hohen Stimme bin ich mir nicht sicher, ob er tatsächlich ein Bass ist. Pavel Černoch setzte das Finale des ersten Aktes in den Sand, konnte sich im zweiten und dritten Akt aber steigern. Dennoch ist seine Stimme viel zu leise und verliert in der Höhe an Qualität (dann klingt sie glanzlos und angestrengt), was genau für die Rolle des Prinzen so gar nicht passt. Unzufrieden war ich auch mit dem Dirigat von Tomáš Hanus, denn er verlegte sich darauf, die Kontraste überstark zu betonen: Freilich kann man nicht bestreiten, dass diese Oper wunderschöne Passagen enthält, aber wenn man diese dann wie einen Kaugummi dehnt (und außerdem auch die eher uninteressanten Volkstänze recht langsam dirigiert), nimmt man ihnen die Wirkung. Dabei lernt man doch schon ein Anfänger im Musikunterricht, dass „leise“ nicht unbedingt „langsam“ (und „laut“ nicht unbedingt „schnell“) bedeutet! Das gut disponierte Staatsopernorchester folgte dem Dirigenten sehr willig (von manchen Kieksern der Holz- und vor allem der Blechbläser abgesehen).


    Unter den kleinen Rollen hinterließ Stefan Astakhov (Heger) den besten Eindruck, ebenfalls gut waren die drei Elfen (Anna Voshege, Juliette Mars, Daria Sushkova), solide Margaret Plummer (Küchenjunge), und schlecht Nikita Ivasechko in der kleinen, aber gehaltvollen Rolle des Jägers. Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf (Bühne von Rolf Glittenberg, Kostüme von Marianne Glittenberg) finde ich (wie fast alle anderen Inszenierungen dieses Trios) misslungen, aber mit der Zeit (und ich kenne sie ja doch schon seit zehn Jahren) wird sie erträglicher. Das Publikum war sehr unruhig (wie unmusikalisch und unsensibel muss man sein, um in den himmlisch schönen Schluss dieser Oper hineinzuklatschen?).

  • "Siegfried", Staatstheater Wiesbaden, 30.03.24

    Für den über die Ostertage in Wiesbaden laufenden Ring war für beide Siegfriede Klaus-Florian Vogt angekündigt worden. Als jedoch vor Vorstellungsbeginn eine Dame auf die Bühne trat, ahnte man schon übles, und in der Tat hatte Vogt krankheitsbedingt abgesagt. Die Dame meinte weiter, obwohl es ja überaus schwer sei, über die Osterfeiertage einen guten Wagnertenor zu finden, da die ja alle in Sachen Parsifal beschäftigt seien, sei sie erfreut, dass es ihr gelungen sei, den führenden Siegfried-Darsteller dieser Tage schlechthin zu engagieren, nämlich Stefan Vinke (wobei sie sich natürlich hätte fragen kann, warum er über Ostern ‚frei‘ hatte… ). Der ersten Hiobsbotschaft folgte die zweite: der vorgesehen Dirigent, Michael Güttler, habe vor 2 Stunden ebenfalls abgesagt, statt seiner springe der erste Kapellmeister des Hauses ein, Holger Reinhadtt der damit die erste Wagner-Oper seines Lebens dirigiere… um es kurz zu machen: beide haben ihre Sache aber recht gut gemacht.

    Vinke hatte ich zuletzt vor 9 Jahren in Bayreuth als Siegfried gehört, und damals hatte er mir ganz gut gefallen. Da das aber nun schon geraume Zeit her war, war ich etwas skeptisch, aber die Stimme klang immer noch frisch, und zeigte bis zum Ende der Vorstellung eigentlich keine Ermüdungserscheinungen. Auch die leiseren Stellen im zweiten und dritten Akt gelangen im durchaus überzeugend. Ihm zur Seite gestellt war Paul Kaufmann als sehr spielfreudiger Mime, er hatte in paar Texthänger, aber das minderte den guten Gesamteindruck nicht.
    Simon Bailey gab einen zufriedend stellenden Wanderer, wenn er auch zuweilen Probleme hatte, sich gegen das laute Orchester durchzusetzen. Helena Köhne als Erda fiel vor allem durch ein allzu heftiges Tremolo auf. Schwachpunkt der Sänger-Besetzung war - ausgerechnet - die Brünnhilde: Manuela Uhl mühte sich redlich, aber alles, was über mezzoforte hinausging, geriet allzu schrill. Deswegen und weil Vogt mittlerweile auch für die heutige Götterdämmerung abgesagt hat, werde ich mir den Besuch derselben wohl ersparen.
    Gezeigt wurde bzw. wird die mittlerweile arg die Jahre gekommene, an Peinlichkeiten nicht arme Produktion des jüngst geschassten Herrn Laufenberg.

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