Opernberichte der Saison 2023/24

  • Für Ihre genauen und detaillierten Berichte zu den Opernaufführungen möchte ich Ihnen wirklich großes Lob aussprechen, lieber Sadko. Mir gefällt vor allem, dass Sie den Leistungen der Sänger große Aufmerksamkeit schenken, das tun nämlich die offiziellen Kritiker in den Tageszeitungen kaum mehr. Das finde ich sehr schade. Dass Sie teils heftige Ausdrücke verwenden (z.B. ... dessen erste Töne zwar schauderhaft klangen, ...klang im ersten und zweiten Akt sehr schlecht, ... dafür grölte er im dritten Akt glücklicherweise nicht so ungustiös) ist wahrscheinlich ein Markenzeichen von Ihnen. Was mich aber wundert: Die erste Vorstellung fanden Sie äußerst mittelmäßig, die zweite sehr anständig, jetzt wollen Sie noch die zwei weiteren Vorstellungen besuchen. Ich hätte mir nach einer mittelmäßigen Aufführung niemals eine weitere Vorstellung in derselben Besetzung angesehen. Ich war allerdings in meinem ganzen Leben bisher nie in einer Situation derart viel Zeit zu haben um so oft am Abend auszugehen. Oder auch um mich für einen Stehplatz anzustellen. Und für gute Sitzplätze würde mir das Geld fehlen.

  • Liebe Annemarie,

    das ist eben der wahre Opernfreak! ;)

    Aber mir geht es exakt genau wie Ihnen. Jetzt gehe ich sowieso nur mehr selten in die Oper, weil ich mich zu sehr über die Inszenierungen ärgere und auch aus gesundheitlichen Gründen.

    Aber auch früher hätte ich es als eine Art "Masochismus" empfunden, nochmal in einer Serie in die Produktion zu gehen, über die ich mich schon einmal geärgert habe, geschweige denn nochmal Geld dafür auszugeben.

    Und selten habe ich zwei- oder sogar dreimal die gleiche sehr gute Produktion gesehen.

    Ich erinnere mich spontan an zwei davon, beide in Wien. Das waren "Hoffmanns Erzählungen" mit Domingo:


    https://www.opera-online.com/d…-uppige-kuriositatenschau


    Und "Otello", auch mit Domingo:


    https://archiv.wiener-staatsoper.at/performances/1996


    In München war das natürlich schon öfter mal der Fall.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Liebe Annemarie!


    Zuerst danke ich für das Lob! Mir bereitet das Schreiben der Berichte sehr große Freude, weil sie mich anspornen, sehr aufmerksam zuzuhören, weil sie mir die Möglichkeit geben, die erlebte Aufführung nochmals zu reflektieren, weil sie mir ermöglichen, Jahr(zehnt)e später leicht nachlesen zu können, wie ich damals eine Aufführung fand, und nicht zuletzt, weil sie einen schriftlichen Austausch mit anderen ermöglichen. Dass ich klar sage, wenn mich etwas gestört hat, stimmt, und ja, das gehört vielleicht gewissermaßen zu meinem persönlichen „Stil“ (ich bin gerne direkt, kann aber auch einstecken und erkenne an, wenn etwas gut war, obwohl ich nicht damit gerechnt habe).


    Um mich müssen Sie sich nicht sorgen, mir geht es bestens: Neben meiner beruflichen Tätigkeit, die mir extrem gut gefällt, kann ich am Abend in der Regel Zeit finden, um oft eine Kulturveranstaltung zu besuchen, und nebenbei kann ich noch für Privatleben und sonstige Erledigungen (Haushalt etc.) genügend Zeit finden, außerdem sind die Kulturbesuche für mich auch „soziale Events“, weil ich auf den Stehplätzen oft Bekannte und Freunde treffe. Ferner ist ist das Wiener Kulturleben sehr billig: Zwar kommt man mittlerweile nicht mehr (so wie bis 2019!) um 50 Euro 80mal in die Staatsoper (bis 2019 gab es die bekannten Stehplatzscheckhefte), aber auch der jetzige Stehplatzpreis (4 Euro) ist für mich gut leistbar. Außerdem ist das Anstellen für die Stehplätze seit Sept. 2022 Geschichte.


    Ob ich viermal in die Frau ohne Schatten gehe, weiß ich noch nicht, aber mindestens dreimal: Das liegt sowohl daran, dass mir diese wunderbare Oper sehr am Herzen liegt, als auch daran, dass die zweite Aufführung besser als die erste war: Da bin ich auf die dritte gespannt, und dann entscheide ich spontan, ob ich die vierte auch noch hören will. Wenn die zweite Aufführung genauso schlecht wie die erste gewesen wäre, hätte ich es dabei belassen und wäre kein drittesmal mehr hingegangen.

  • Um mich müssen Sie sich nicht sorgen, mir geht es bestens: Neben meiner beruflichen Tätigkeit, die mir extrem gut gefällt, kann ich am Abend in der Regel Zeit finden, um oft eine Kulturveranstaltung zu besuchen, und nebenbei kann ich noch für Privatleben und sonstige Erledigungen (Haushalt etc.) genügend Zeit finden, außerdem sind die Kulturbesuche für mich auch „soziale Events“, weil ich auf den Stehplätzen oft Bekannte und Freunde treffe. Ferner ist ist das Wiener Kulturleben sehr billig: Zwar kommt man mittlerweile nicht mehr (so wie bis 2019!) um 50 Euro 80mal in die Staatsoper (bis 2019 gab es die bekannten Stehplatzscheckhefte), aber auch der jetzige Stehplatzpreis (4 Euro) ist für mich gut leistbar. Außerdem ist das Anstellen für die Stehplätze seit Sept. 2022 Geschichte.

    Jetzt ist es an der Zeit, dass ich auch einmal meine Verwunderung und zugleich meine Bewunderung, lieber Sadko, darüber zum Ausdruck bringe, wie oft Sie in die Oper gehen. Dass Sie das finanziell schaffen, machen offenbar die enorm günstigen Preise möglich. Nicht einmal zwei Tassen Kaffee kann ich trinken für das Geld, das Sie nur für eine Karte ausgeben müssen. Aber das Sie das zeitlich und konditionell immer hinbekommen, so oft in die Oper(n) zu gehen und dann immer auch noch Berichte zu schreiben, ist bewundernswert, respektabel und einfach ganz phantastisch. Danke vielmals, dass Sie uns als Mitforisten und die Mitleser daran immer teilhaben lassen!

    Hauptsache, Sie vernachlässigen durch Ihre Leidenschaft nicht Ihre anderen Lebenskontexte. Bisher scheint es ja zu klappen. Hoffentlich kann es noch lange so weitergehen.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Danke an Hagen und Ira für die netten Worte! Derzeit ist es für mich überhaupt kein Problem (und aus guten Aufführungen gewinne ich ja Energie), und sollte mir einmal dereinst alles zu viel werden, kann ich ja ganz einfach meine Aktivitäten reduzieren, damit hat sich die Sache wieder :) Vielleicht darf man den Zeitaufwand für den Besuch von Aufführungen auch nicht überbewerten, denn man kann ja nicht den ganzen Tag produktiv sein: Andere verbringen zwei Stunden am Tag mit fernschauen, aber ich habe keinen Fernseher und gehe lieber ein paarmal die Woche in die Oper oder ins Konzert (freilich vorausgesetzt, dass mich das Programm interessiert), dann gleicht es sich wieder aus ^^

  • Andere verbringen zwei Stunden am Tag mit fernschauen, aber ich habe keinen Fernseher

    In Österreich waren es im letzten Jahr sogar 186 Minuten durchschnittlich. "Wo nehmen diese Leute die Zeit her?" ist die zweite Frage, die mir kommt. Die erste Frage ist mehr ein Vorwurf: "Warum verschwenden die Leute so viel Lebenszeit?".

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Mi., 18. Oktober 2023: WIEN (Volksoper): Wolfgang Amadé Mozart, Die Zauberflöte

    Sich die „Zauberflöte“ anzuhören, wenn man am Vortag in der „Frau ohne Schatten“ war, ist bei weitem nicht so absurd, wie man auf den ersten Blick glauben könnte, denn diese beiden Opern haben viel miteinander gemeinsam (dazu habe ich vor einiger Zeit einen ausführlichen Forenbeitrag geschrieben). Geboten wurde heute eine solide Vorstellung, die mit keinen besonderen Ärgernissen, aber eben auch nur mit einer sehr guten Leistung aufwartete:


    Diese hervorstechende Leistung kam von Rebecca Nelsen als Pamina, denn für diese Rolle passt ihre Stimme sehr gut: Ihr gelingen hervorragend tragfähige Piani, gleichwohl dramatische Ausbrüche, und ihr Timbre ist angenehm; bekritteln könnte man allerdings, dass die Textverständlichkeit ausbaufähig ist. (Dass Nelsen seit dem bedauerlichen Volksopern-Weggang von Bernarda Bobro, Kristiane Kaiser, Edith Lienbacher, Jennifer O'Loughlin, Melba Ramos und Beate Ritter die mit Abstand beste Volksopern-Sopranistin ist, ist völlig eindeutig, sofern man Birgid Steinberger und Ulrike Steinsky, die sich leider schon im „Altersfach“ befinden, nicht einrechnet.) Gespannt war ich auf Martin Mitterrutzner, dessen Name mir bereits lange Zeit gewesen bekannt war, den ich aber noch nie live gehört hatte. Naja. Sein Material ist wunderbar, aus dieser Stimme könnte man einen tollen Sänger machen, aber ganz eindeutig ist seine Technik mangelhaft. Über weite Stellen klang es so, als würde er mit einer „Naturstimme“ zu singen, womit gemeint ist, die Stimme mangelhaft ausgebildet klang, so ist zum Beispiel die Höhe schlecht ausgebaut und wird durch Stemmen mit Druck angesteuert. Darüber hinaus klang sein Gesang für diese Rolle zu unkultiviert (so, als wäre Tamino ein Naturbursche wie Papageno, was ja ganz eindeutig falsch ist), und ich fand sehr verzichtbar, dass er das „Spielen“ in „Weil holde Flöte durch Dein Spielen“ mit einer gesanglichen Verzierung versah, was überhaupt nicht nötig ist und auf billige Weise Aufmerksamkeit heischt. Eine lässliche Sünde ist freilich, dass er sich nicht entscheiden konnte, ob er den alten Akkusativ „Paminen“ oder den neuen Akkusativ „Pamina“ verwenden solle, und munter dazwischen hin- und herwechselte; auch heißt es „vielleicht führt mich der Ton, der Ton zu ihr“ und nicht (wie er sang) „vielleicht führt mich, führt mich der Ton zu ihr“.


    In Ordnung waren die Besetzung der Königin der Nacht und des Sarastro: Gloria Rehm legte ihre Leistungsfähigkeit hauptsächlich in die Koloraturen und Spitzentöne (die kamen alle auch genau richtig, bis auf drei leicht verrutschte Töne), klang aber in den langsamen Passagen der ersten Arie irgendwie zu scharf bzw. zu hart. Aaron Pendleton sang den Sarastro deutlich besser als befürchtet, allerdings fehlt ihm sowohl die stimmliche als auch die darstellerische Autorität, und die Stimme hat zu wenig „bassales“ Fundament, darüber hinaus brachte er viele Textpassagen ein bisschen zu schnell und zu unartikuliert hinter sich, und ab und zu verkürzte er Töne (exemplarisch genannt sei das „Pflicht“ in „und ist Mensch gefallen, führt Liebe ihn zur Pflicht“: „Pflicht“ steht hier auf einer Viertelnote im Zweivierteltakt, während Pendleton den Ton nur so lang wie eine Achtelnote aushielt.) Jakob Semotan war als Papageno in Ordnung (hier passt seine flache, uninteressante Singstimme, auch wenn er die Verzierungen in seinem Auftrittslied vernachlässigte), seine leicht wienerische Gestaltung dieser Rolle war gut. Sehr gut die drei Damen, wobei den besten Eindruck Katia Ledoux als dritte Dame hinterließ und den zweitbesten Annelie Sophie Müller als zweite Dame (die erste Dame war Julia Koci). Ein Totalausfall war Robert Bartneck als Monostatos: Mit dieser Saison ist er ja von der Staatsoper an die Volksoper gewechselt, und an dem ärgerlichen Umstand, dass man seine Stimme im Saal einfach fast nicht hört, hat sich genau nichts geändert. Unter den kleinen Rollen hinterließ Daniel Ohlenschläger (erster Priester) den mit Abstand besten Eindruck, weil er die Sprachpassagen ausgezeichnet gestaltete und gesanglich einen guten Eindruck hinterließ; Sebastian Reinthaller klang als erster Geharnischter sehr angenehm und erinnerte mit seinem immer noch vorhandenen Timbre an frühere Zeiten. Jaye Simmons (Papagena) und Thomas Sigwald (zweiter Priester) waren solide, und eine Fehlbesetzung war Martin Winkler als Sprecher (und zweiter Geharnischter), denn diese Rolle liegt ihm, der in manchen Rollen hervorragend passt, einfach nicht (er knarrt und kräht zu viel für diese würdevolle Rolle). Die Wiener Sängerknaben waren nicht gut, aber so übel wie oft nicht.


    Der Dirigent Thomas Leo Cadenbach (wir erinnern uns: das war derjenige, unter dem sich angeblich das Volksopernorchester im Juni geweigert haben soll, die „Entführung“ zu spielen, sodass Alfred Eschwé Feuerwehr spielte und die Produktion rettete) dirigierte bedauerlicherweise ziemlich lahm: Er machte nichts grob falsch, aber ihm gelang es den ganzen Abend über nicht, aus dem Orchester mehr als Routine hervorzuholen, sodass die Vorstellung nicht gerade von orchestralem Esprit überschäumte. Zur Inszenierung von Henry Mason (Bühnenbild und Kostüme von Rebekah Wild) habe ich bei meinem Erstbesuch am 24. Jänner 2023 schon einiges geschrieben, das nach wie vor gültig ist (was während der Feuerprobe passiert, habe ich allerdings immer noch nicht verstanden: Es hat den Anschein, als würde die Königin mit ihren drei Damen dort Personen erdrosseln, während Sarastro in derselben Kammer Personen erschießt, aber ohne Gewähr).

  • Fr., 20. Oktober 2023: WIEN (Volksoper): Jacques Offenbach, Die Reise zum Mond / Le voyage dans la lune

    Offenbachs „Reise zum Mond“ wird in der Volksoper aktuell als „Oper“ klassifiziert (genau genommen soll es sich um eine „opéra-féerie“ handeln), es handelt sich aber de facto eindeutig um eine französische Operette: Der Inhalt ist frei nach Jules Vernes gleichnamigem Roman, und auf der Volksopernhomepage findet sich die Titulierung „Science-Fiction-Oper“, was ja nicht komplett falsch ist. Das Stück (ob es nun eine Operette ist oder eine Oper) wird ja selten gespielt und war mir überhaupt nicht bekannt, daher kann ich nur eine oberflächlich gehaltene Bewertung geben:


    Mir persönlich hat der Abend gut gefallen, es ist eine unterhaltsam gemachte Produktion von Laurent Pelly (Koperation mit der Opéra Comique Paris), die von Héloïse Sérazin in Wien szenisch einstudiert wurde (Mitarbeit an den Kostümen von Thomaz Le Gouès; Bühne von Barbara de Limburg), die die Operette mit gar keinen zeitgenössischen Bezügen ausstattet (wie es Nikolaus Habjan im Jänner dieses Jahres mit der „Périchole“ im Theater an der Wien gemacht hatte), sondern die Handlung auf eine augenzwinkernde, verspielte und vor allem sehr gut choreographierte Weise erzählt. Die Volksoper nennt die Produktion eine „Oper für die ganze Familie“, womit gemeint ist, dass die (glücklicherweise in deutscher Übersetzung gebrachte) Produktion kindergerecht ist, aber sie sich auch Erwachsene guten Gewissens anschauen können (selten, aber doch gibt es auch Witze, die nur Erwachsene verstehen, wie dass König Zack die Mondbewohner mit „Gott grüß Euch, liebe Männer von Brabant“ begrüßt); darüber hinaus ist bemerkenswert, dass sämtliche Chorpartien vom Kinder- und Jugendchor (der sich seiner Aufgabe hervorragend entledigte!) gesungen werden.


    Aaron Casey Gould war (soweit ich es als dieses Stückes Unkundiger sagen kann) für den Prinz eine gute Besetzung, und wenn er noch an seiner Textverständlichkeit arbeitete, wäre er eine sehr gute, was übrigens auch für Alexandra Flood als Prinzessin gilt. Schwachpunkt war Carsten Süss als König Zack, dessen Stimme komplett glanzlos klingt; das übrige Ensemble ergänzte gut. Der Dirigent Alfred Eschwé ist immer ein Garant für sehr hohe Qualität, und so wird es auch heute gewesen sein, nur kann ich das nicht seriös beurteilen, weil ich die Musik nicht kenne (von der kurzen Hornpassage in der Ouvertüre abgesehen, die der Musik der bekannten „Spiegelarie“ aus „Hofmanns Erzählungen“ gleicht).


    Apropos Musik: Sie enttäuschte mich, denn für Offenbach-Maßstäbe gibt dieses Stück musikalisch wenig her, mehr als oberflächlich-skurrile Heiterkeit konnte ich in dieser Musik beim heutigen Erstkontakt nicht verorten (aber voraussichtlich gehe ich noch ein zweitesmal hin). Auf der Volksopernhomepage ist die Dauer nicht angegeben, daher nenne ich sie hier: Ende um 21:16 (bei einem Beginn um 19:00).

  • Gerne! Ich habe Schwierigkeiten, eine konkrete Altersgrenze zu nennen, würde aber sagen, dass sich das Stück für Kinder eignet, die noch nicht viel Erfahrung mit Opern haben und die gleichzeitig so reif sind, dass sie zuerst 40 Minuten und nach der Pause eine Stunde ruhig sitzen können. Wenn ich mich auf eine Jahreszahl festlegen müsste, würde ich den Besuch ab acht Jahren empfehlen, aber das ist wirklich nur ein Richtwert. Jedenfalls können sich auch Erwachsene die Produktion anschauen ohne sich fehl am Platz zu fühlen (also keine "wirkliche" Kinderoper).

  • Sa., 21. Oktober 2023: WIEN (Staatsoper): Richard Strauss, Die Frau ohne Schatten

    Michael Volle musste die aktuellen Vorstellungen („Frau ohne Schatten“ und „Mantel“) krankheitsbedingt absagen, und für die heutige „Frau ohne Schatten“ war der in Wien wohlbekannte, aber seit Roščićs Amtsantritt leider nur mehr selten hier zu hörende Tomasz Konieczny der Einspringer. Das Wiener Opernpublikum lässt sich mehr oder minder in zwei Gruppen teilen, und zwar in die Konieczny-Fans und in die Konieczny-überhaupt-nicht-Fans, wobei ich bekenne, mich der ersten Gruppe zuzuordnen: Ich mag seine eigenartige Stimme mit dem ganz charakteristischen Timbre, allerdings gebe ich gerne zu, dass es Rollen gibt, für die er sehr gut passt (wie etwa Scarpia) und solche, für die man sich einen Sänger mit schönerem Timbre wünschen würde: In diese Kategorie gehört der Barak, denn hier passt sein Brunnenvergiftertimbre nur bestenfalls am Ende des zweiten Aktes. Das Problem Koniecznys war heute aber nicht sein Timbre, sondern dass er sich in keiner guten Verfassung befand (laut Internet sang er gestern in Madrid den Amfortas und wird dort diese Rolle morgen erneut singen, allerdings nur jeweils den dritten Akt konzertant; und laut Ansage Roščićs stieg er erst heute gegen Mittag in Wien aus dem Flugzeug), und es hatte den Anschein, als würde er in seinen letzten vier Barak-freien Jahren sowohl den Text als auch die Musik vergessen haben. Der Souffleur war über-laut zu hören, die Stimme klang ermüdet und kraftlos, und einige Töne waren nicht nur ein bisschen daneben, sondern mindestens ein paar Kilometer: Das „Sei’s denn“ am Ende des ersten Aktes setzte er zuerst zu hoch an und schleifte dann hinunter; und das erste „Nun will ich jubeln, wie noch keiner jubeln“ war auch total falsch (um die beiden auffälligsten Schnitzer zu nennen). Ich weiß, dass er es normalerweise besser kann, aber heute war das nichts. (Übrigens, des Rätsels Lösung, wieso Konieczny eingeflogen wurde und nicht der in Wien wohnhafte Wolfgang Koch einsprang: Koch singt exakt heute und am 24. Okt. in Paris den Telramund und kann sich nicht zweiteilen).


    Dabei war der Anfang der Vorstellung so gut (und Elena Pankratova zeigte sich heute in besserer Verfassung, ist aber immer noch zu klein für dieses Haus): Die ersten 25 Minuten des ersten Aktes waren wirklich ausgezeichnet, da erlebte man eine unglaublich stark verbesserte Tanja Ariane Baumgartner, eine ebenfalls verbesserte Elza van den Heever, und einen sehr guten Andreas Schager (wobei Letzteres nur für den ersten Akt gilt, denn im zweiten Akt sang er die lange leise Passage durchgehend etwa einen Halbton zu tief und hatte im dritten Akt hauptsächlich Lautstärke und Textfehler anzubieten), aber mit Koniecznys Erscheinen verlor die Aufführung merklich an Qualität, womit insbesondere das Orchester der Wiener Staatsoper gemeint ist: Was heute am Orchestergraben an Patzern fabriziert wurde, geht auf keine Kuhhaut und ist einem Klangkörper von solcher Reputation vollkommen unangemessen. Die Trompete hatte am Ende des ersten Aktes einen groben Schnitzer, das Cello spielte in der wunderbaren Solostelle vor der „Falkenarie“ total falsch, und die Sologeigen patzten bei der immens wichtigen Passage zwischen „Ich – will – nicht“ und „Wenn das Herz aus Kristall“, was das Zeug hielt. Aber auch abgesehen von diesen drei Beispielen schien das Orchester heute nach den ersten 25 Minuten keine Energie mehr zu haben und nur mehr damit beschäftigt zu sein, sich unfallfrei aus der Affäre zu ziehen, da lag orchestral sehr viel im Argen. Gut, sie haben heute am Nachmittag das Philharmonische im Musikverein gespielt (womöglich waren es ja dieselben Musiker), dennoch hätte das nicht passieren dürfen. Christian Thielemann war so unerträglich wie immer, wobei mir auffällt, dass er viel zu viel Rücksicht auf die Sänger nimmt: Der Jubel am Ende des dritten Aktes ging aufgrund der schlechten Leistungen von Konieczny und Schager ziemlich schief, und anstatt dass Thielemann dann Gas gab und die Sänger möglichst zudeckte, damit deren Schwächen nicht hörbar sind, drosselte er dann merklich das Tempo und die Lautstärke, sodass erstens der normalerweise mitreißende Schlussjubel unglaublich lahmarschig musiziert wurde und zweitens wirklich jeder gehört hat, wie schlecht manche Sänger mit den Noten zurechtkamen. Mit diesen sängerfreundlich gedachten Gesten erweist Thielemann den Sängern einen Bärendienst, das sollte man ihm endlich kommunizieren.

  • Das Wiener Opernpublikum lässt sich mehr oder minder in zwei Gruppen teilen, und zwar in die Konieczny-Fans und in die Konieczny-überhaupt-nicht-Fans,

    Das ist in München nicht anders. Ich bekenne mich zur zweiten Gruppe. Ich finde die Stimme unschön (m.E. überhaupt nicht zu Barak passend, genauso wenig wie zu Wotan), und geradezu unerträglich finde ich die häßlichen Vokalverfärbungen. Und das hat beides nichts damit zu tun, daß er eingesprungen ist. Das ist einfach so.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Ja, da gehen die Meinungen deutlich auseinander: Konieczny ist nicht mein Lieblingssänger, aber ich finde, dass er (Stand 2019; seitdem habe ich ihn nur selten gehört) immer besser wird und seine Vokalverfärbungen kontinuierlich zurückgehen. Ich habe ein Faible für seine total charakterische Stimme, stimme aber natürlich sofort zu, dass er für den Alberich viel besser passt als für den Wotan. Am besten fand ich ihn als Scarpia, den er in Wien leider erst zweimal sang (2014 einspringend für Falk Struckmann). Als Barak wäre er unabhängig von seiner gestrigen schlechten Tagesform vermutlich sowieso fehlbesetzt.

  • Konieczny ist nicht mein Lieblingssänger, aber ich finde, dass er (Stand 2019; seitdem habe ich ihn nur selten gehört) immer besser wird und seine Vokalverfärbungen kontinuierlich zurückgehen.

    Ich hatte auch den Eindruck, daß sie vorübergehend zurückgegangen waren, aber leider wieder zugenommen haben. Als Wotan vor 2 Jahren in Bayreuth waren sie zumindest vorhanden.

    dass er für den Alberich viel besser passt als für den Wotan.

    Klar! Er hat eine Alberich-Stimme, aber er ist kein Wotan.

    Als Barak wäre er unabhängig von seiner gestrigen schlechten Tagesform vermutlich sowieso fehlbesetzt.

    Als Barak ist er mir schlicht nicht vorstellbar, hingegen kann ich ihn mir ganz gut als fiesen 😝 Scarpia vorstellen. Du merkst, meine Sympathie für Herrn Konieczny hält sich in Grenzen....

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Mo., 23. Oktober 2023: WIEN (Staatsoper): Giacomo Puccini, Das Triptychon / Il trittico

    Nach einem (bis auf Kleinigkeiten) sehr guten gestrigen RSO-Konzert (ich war wegen Janáčeks „Glagolitischer Messe“ dort, die mir immens am Herzen liegt; vor der Pause gab es mit der „Waldtaube“ einen guten Dvořák und mit den „Vier Orchesterstücken op. 12“ einen verzichtbaren frühen Bartók) wurde ich heute wieder vom „Alltag“ der Staatsoper auf den Boden geholt: Michael Volle sagte ab, und der junge Sänger (nicht der gleichnamige Fußballtrainer, auf den ich beim Googlen des Namens zunächst stieß) Leonardo Neiva sprang ein: Als Einspringerleistung war seine heutige Darbietung akzeptiert, aber dennoch muss darauf hingewiesen werden, dass ihm anständige Höhenprobleme zu schaffen machten (so setzte er das g1 bei „La pace è nella morte“ nicht so an, wie es in den Noten steht, sondern schleifte den Ton von unten an), was schade ist, weil er ansonsten über eine schöne, dunkel timbrierte Stimme verfügt, die allerdings etwas angestrengt klang. Anja Kampe, Joshua Guerrero und Michaela Schuster zogen sich wie bisher aus der Affäre, dafür hatte Ambrogio Maestri hörbar einen schlechten Tag, was sich an den Stellen zeigte, an denen er stimmlich auftrumpfen müsste (da kam heute wenig). Auch Eleonora Buratto war offenbar nicht ganz in Hochform (und brachte dennoch eine sehr gute Leistung!), denn in den anderen beiden von mir besuchten Aufführungen schien sie mir die Rolle noch inniger und mit noch mehr Pianokultur als heute zu singen. Unter den Nebenrollensängern war Dan Paul Dumistrescu leider auch verschlechtert (er hörte sich heute eher heiser an), hingegen bot Simone Strazdas eine hervorragende Leistung als Notar (er war der beste Sänger nach der zweiten Pause), und ich bin gespannt, was von ihm noch zu erwarten ist. Philippe Jordan dirigierte die ersten beiden Opern recht gut, gestaltete aber den „Gianni Schicchi“ viel zu langweilig und behäbig, das müsste viel lockerer und spritziger klingen. Und übrigens, der im „Gianni Schicchi“ befindliche Faschismus-Bezug dieser Inszenierung erklärt sich dadurch, dass der Librettist Giovacchino Forzano zum Freundeskreis Mussolinis gehörte und dessen künstlerischer Partner war. Das nur zur Information und nicht zur Verteidigung der Inszenierung (ich finde sie nach wie vor misslungen, einzig vom toll inszenierten Ende der „Schwester Angelica“ abgesehen).

  • Das nur zur Information und nicht zur Verteidigung der Inszenierung (ich finde sie nach wie vor misslungen, einzig vom toll inszenierten Ende der „Schwester Angelica“ abgesehen).

    War das die Geschichte mit den verschluckten Glasscherben? Ich hab's ja nicht gesehen, aber allein schon der Gedanke erscheint mir völlig absurd. Da bin ich ganz bei Annemarie.

    Ich frage mich da schon, warum etwas, das in Wirklichkeit nie möglich wäre, toll sein soll? Nur, weil es etwas ist, auf das sonst niemand käme? Und: wenn man Gift genommen hat, kann man noch eine Weile singen, aber ganz sicher nicht, wenn man Glasscherben geschluckt hat.

    Aber da kommt wieder mein Realitätssinn durch...


    Wir in München hatten dagegen eine großartige Inszenierung (was selten genug vorkommt!) von Lotte de Beer, mit einer grandiosen Besetzung. Allen voran Ermonela Jaho als Suor Angelica. Wolfgang Koch gab den Michele und den Gianni Schicchi.

    Da paßte wirklich alles. Glasscherben gab es keine, dafür war der Tod von Angelica ungemein berührend. Sie hat ganz trivial Gift genommen, das sie selbst hergestellt hat.

    Ich finde ja generell, daß "Gianni Schicci" immer ein Stimmungskiller ist, jedenfalls gefällt er mir am wenigsten von den Dreien.


    Hier der Trailer:


    https://www.staatsoper.de/stuecke/il-trittico

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • War das die Geschichte mit den verschluckten Glasscherben?

    Nein, das war das:

    beim zweiten Anschauen habe ich den Eindruck gewonnen, dass keine Vision angedeutet wird, sondern das Kind wirklich noch lebt: Die Fürstin hatte offensichtlich gelogen, dass es tot wäre, um ihre Nichte zu beruhigen, und als sie nachher ein schlechtes Gewissen bekam, brachte sie das Kind doch her, allerdings war es da schon zu spät

    Dieser Einfall lässt das Ende der Oper somit noch um einiges trauriger und tragischer erscheinen.

    Ich hab's ja nicht gesehen, aber allein schon der Gedanke erscheint mir völlig absurd.

    Mir nicht: Ob sich die Frau mit Glasscherben oder mit einem Gift umbringt, finde ich total nebensächlich. Und:

    Und: wenn man Gift genommen hat, kann man noch eine Weile singen, aber ganz sicher nicht, wenn man Glasscherben geschluckt hat.

    Das mag sein, aber man kann keine Oper an realistischen Maßstäben messen: Personen im wirklichen Leben pflegen ja auch zu reden und nicht zu singen ^^

    Ich finde ja generell, daß "Gianni Schicci" immer ein Stimmungskiller ist, jedenfalls gefällt er mir am wenigsten von den Dreien.

    Ich auch! Glücklicherweise ist man ja durch den Erwerb einer Eintrittskarte nicht verpflichtet, sich auch den "Gianni Schicchi" anzuhören, sondern kann in der letzten Pause rechtzeitig die Flucht ergreifen (hab ich tatsächlich früher einmal gemacht).

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