Opernberichte der Saison 2023/24

  • Am Sonntag gab es in Frankfurt offenbar eine ziemlich krasse Geschichte. Es gab Zemlinskys „Traumgörge“, und der Titelheld wurde krank. Daraufhin übernahm der Regieassistent das Spiel, und von der Seite sang - nicht etwa ein eilends herbeigeholter Tenor, sondern einer der Dirigenten, und zwar vom Blatt! Laut seinem Profil nicht das erste Mal, daß er sowas gebracht hat…

    https://oper-frankfurt.de/de/e…ms/dirigenten/?detail=776

    Bei so einem seltenen Werk sollte es eine Zweitbesetzung geben.

  • Und natürlich ist es schon ein Wagnis den "Ring", wie in den letzten Tagen, ohne Orchesterproben zu spielen.

    Vielleicht eher noch Wahnsinn als Wagnis!

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • In der Zeit von Köhler gab es da auch schlimme Abende, die an eine schlechte Kurkapelle erinnerten.

    Na ja, das lag vielleicht auch ein wenig an Herrn Köhler, denn er war kein Dirigiergenie. Er konnte begeistern, aber "verwirbelte" sich auch manches Mal beim Dirigat.

    Unter Schirmer habe ich allerdings etwas Kurioses erlebt. In Mahlers 2. Symphonie, Takt 18 wo Englisch Horn und Oboen einsetzen, setzte einer von ihnen (ich weiß nicht mehr wer, glaube Englisch Horn) einen Takt zu früh ein. Ansonsten war das eine phantastische Aufführung. Ich meine, das wäre bei der Wiedereröffnung des Kurhauses gewesen. Aber da bin ich mir nicht mehr ganz sicher.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Na ja, das lag vielleicht auch ein wenig an Herrn Köhler, denn er war kein Dirigiergenie. Er konnte begeistern, aber "verwirbelte" sich auch manches Mal beim Dirigat.

    Unter Schirmer habe ich allerdings etwas Kurioses erlebt. In Mahlers 2. Symphonie, Takt 18 wo Englisch Horn und Oboen einsetzen, setzte einer von ihnen (ich weiß nicht mehr wer, glaube Englisch Horn) einen Takt zu früh ein. Ansonsten war das eine phantastische Aufführung. Ich meine, das wäre bei der Wiedereröffnung des Kurhauses gewesen. Aber da bin ich mir nicht mehr ganz sicher.

    Bei Wagner und Strauss fand ich Köhler am besten. Da gab es stets ein "Extra", aber als Persönlichkeit war es für das damalige Orchester zu nett. Schirmer hatte da wesentlich direktiver geführt, aber auch er hatte seine Tiefen mit dem Orchester. In Wiesbaden erlebte ich zu oft derbe Schmisse im Orchester, wie nirgendwo sonst. Zu Köhlers Zeiten, vor allem gegen Ende, war das Wiesbadener Orchester deutlich renitent geworden. Interessant war für mich, als Köhler zu späten, großen Ehren in Stockholm kam, gastierte er manchmal noch in Wiesbaden. Und auf einmal hatte das Orchester in Wiesbaden wesentlich respektvoller und aufmerksam gespielt als zu seiner GMD-Zeit.

  • Bei Wagner und Strauss fand ich Köhler am besten.

    Er hat sich ja sogar auch dem Wagner - Junior gewidmet.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Was ich mich ja frage: Werden die aufwendigen Videos für jede Serie, in der ein anderer Parsifal als in der Premiere singt, nachgedreht?


    (Zur aktuellen Serie kann ich nichts sagen, weil ich sie wegen Groissböck auslasse; dabei würde mich Garanča als Kundry sehr interessieren!)

    Lieber Sadko,

    ich denke nicht. Parsifal in den Videos war ein blonder Jüngling. Bei den ersten beiden Abenden habe ich nicht so auf die Videos geachtet, weil ich sie von meinen Plätzen fast nicht sehen konnte.

    Diesmal hab ich sie mir bewusst angesehen. Wären aber (zum Unterschied von der neuen Traviata) aus meiner Sicht entbehrlich.


    Ich entnehme Ihrer Aussage, dass Sie Groissböck nicht sonderlich mögen. Mich würde der Grund interessieren. Ich fand ihn großartig.

  • Das Publikum war sehr unruhig

    Heute war es erstaunlich ruhig, einige begannen zu klatschen, als der Vorhang sich im 3. Akt zu senken begann, hörten allerdings wieder auf. Ich hab‘ die Klatscher pardonniert, sie klatschen auch in die pppp-Schlüsse der „Macht des Schicksals“ und der „Aida“. Ein kluger Regisseur ahnt das voraus und fängt es ab.

    Hat der Bechtolf nicht gemacht, wie mir auch seine Deutung, die ich bei der Premiere zum ersten Mal sah, auch zehn Jahre später nicht verständlicher wurde.

    Ich versteh die „Rusalka“ im Zusammenhang mit den drei symphonischen Dichtungen Dvořáks nach Märchen aus Erbens „Blumenstrauß“, und das sind wirklich brutale Märchen („Wassermann“, „Das goldene Spinnrad“, „Die Mittagshexe“). Diese Kompositionen erinnern sehr an die „Rusalka“. Daher sind mir „romantische“ Inszenierungen, wie die bei der Staatsopern-Erstaufführung von Schenk, viel zu harmlos. Die Niermeyersche im Theater an der Wien, hab‘ ich nicht verstanden, die Münchner habe ich leider nicht gesehen, am treffendsten ist mir eine Inszenierung in England in Erinnerung geblieben.

    Der Dirigent, der mich mit Dvořák bekannt machte, war Václav Neumann. Das war damals ein ganz großes Erlebnis, und als solches ist es bei mir auch abgespeichert. Mit ihm kann bei mir halt keiner wirklich konkurrieren.

    Mit Tomáš Hanus war ich dennoch ganz einverstanden. (Ich kann Dirigenten nicht gut beurteilen, da ich Partituren nicht kenne und daher keine Kriterien für eine Beurteilung finde.) Für mich entlockte Hanus dem Orchester schöne Klänge, (es gickste niemand auf der linken Seite des Orchesters, was allerdings nicht sein Verdienst ist). Dass er die polkaartigen Melodien langsam nahm, mochte ich sehr, da dadurch die genialen Variationen gut aushörbar waren.

    Die SängerInnen? Corinne Winters und Pavel Černoch, den ich in München als Max zum ersten Mal sah, fand ich sehr sehr rollendeckend, die Winters auch im Spiel. Der Prinz agiert ja eher passiv, er ließ – obwohl es keinen Schmiss gab – die Schwierigkeiten ahnen, die die Partie einem Tenor bietet. Er sang ein authentisches Tschechisch und das ist einfach wohlklingend. Eliška Weissová hat zwar bei Naděžda Kniplová (meiner ersten Brünnhilde) studiert, aber heute bot sie hauptsächlich herausgeschleuderte Spitzentöne (und die fremde Fürstin hat etliche), die aber nicht immer sehr schön klangen.

    Okka von der Damerau hat mir gezeigt, dass die Hexe auch Melodien auskostend gesungen werden kann. Und Adam Palka: Seit seinem Mephisto im Gounod-Castorp-„Faust“ mag ich ihn. Und er hat seinen so schwierigen Part im zweiten Akt mit schönen Schattierungen interpretiert.

    Was die Comprimari anlangt: da schließe ich mich Sadko in allem an.

    Für mich war’s summa summarum ein Abend des Hinhörens, des neuerlichen Eintauchens in Dvořáks Musik, die mich so immens anrührt. Wunderbar, aber für eine Aufführung in einem Thearer ist es halt zu wenig.

  • die Münchner habe ich leider nicht gesehen,

    Nächstes Jahr wieder:


    https://www.staatsoper.de/stuecke/rusalka


    Eine Mißbrauchgeschichte (Amstetten):


    https://www.youtube.com/watch?v=lo6pBtV4y9Y


    https://www.br-klassik.de/aktu…taatsoper-kritik-100.html


    Ich entnehme Ihrer Aussage, dass Sie Groissböck nicht sonderlich mögen. Mich würde der Grund interessieren. Ich fand ihn großartig.


    Vielleicht das?


    Zitat von BR

    Wie bei der Premiere vor dreizehn Jahren verkörperte der athletische Günther Groissböck den kriminellen Proleten im Horrorkeller – den baritonalen Schmelz und die Bassestiefe der Wassermann-Partie bewältigt er indes nicht mehr so mühelos und taufrisch wie damals.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Parsifal in den Videos war ein blonder Jüngling. Bei den ersten beiden Abenden habe ich nicht so auf die Videos geachtet, weil ich sie von meinen Plätzen fast nicht sehen konnte.

    Lieber Reinhard, danke für die Erläuterung!

    Ich entnehme Ihrer Aussage, dass Sie Groissböck nicht sonderlich mögen. Mich würde der Grund interessieren. Ich fand ihn großartig.

    Ja, ich glaube, dass Groissböck in einem kleinen Saal ein guter Liedsänger sein kann, denn bei dem, was ich von ihm an großen Partien in der Staatsoper gehört habe, hat mir fast immer Durchschlagskraft gefehlt; aus meiner Sicht ist die Stimme in der Höhe dünn und glanzlos (verliert die Obertöne) und in der Tiefe nicht vorhanden; sie klingt heiser und mit Gewalt auf laut getrimmt. Das ist allerdings nur mein Eindruck, der niemandem die Aufführung verderben soll; und ich freue mich, dass Ihnen die Aufführung zumindest akustisch gefallen hat!

  • Lieber Bernardin, danke für die "Rusalka"-Eindrücke!


    Ein kluger Regisseur ahnt das voraus und fängt es ab.

    Genau! Es würde aber wohl auch reichen, den Vorhang etwas später zu schließen (ich nehme an, dass der Abendspielleiter dafür zuständig ist).


    Ich versteh die „Rusalka“ im Zusammenhang mit den drei symphonischen Dichtungen Dvořáks nach Märchen aus Erbens „Blumenstrauß“, und das sind wirklich brutale Märchen („Wassermann“, „Das goldene Spinnrad“, „Die Mittagshexe“). Diese Kompositionen erinnern sehr an die „Rusalka“.

    Das finde ich auch, besonders natürluch der "Wassermann". Auch die "Waldtaube" (ein ganz und gar harmloser Titel für eine ganz und gar nicht harmlose Komposition) gehört hierher.


    Daher sind mir „romantische“ Inszenierungen, wie die bei der Staatsopern-Erstaufführung von Schenk, viel zu harmlos.

    Das kann ich gut nachvollziehen. Kennen Sie die Volksopern-Inszenierung? (Premiere im Okt. 2010, wurde im Frühjahr 2018 wiederaufgenommen). Mir gefällt sie sehr gut, sie ist kindgerecht, was ich hier aber keinesfalls abfällig meine, denn sie ist auch sehr poetisch und stimmig. Ich hoffe auf eine Wiederaufnahme der Produktion.


    Dass er die polkaartigen Melodien langsam nahm, mochte ich sehr, da dadurch die genialen Variationen gut aushörbar waren.

    Das habe ich auch wahrgenommen, aber weil die polkaartigen Passagen nicht zu meinen Lieblingsstellen dieser Oper gehören, freue ich mich in der Regel, wenn sie schnell genommen werden ^^

  • So., 28. April 2024: WIEN (Volksoper): Otto Nicolai, Die lustigen Weiber von Windsor

    Nicht mit der morgigen „Lohengrin“-Premiere der Staatsoper habe ich meine fast einmonatige Kulturabstinenz (nur am So., 14. April war ich zweimal im Konzerthaus: um 11:00 bei Mendelssohns „Paulus“ und um 19:30 bei einem mittelmäßigen Schulhoff-Gershwin-Korngold-Programm), sondern heute mit den „Lustigen Weibern von Windsor“ an der Volksoper. Dieses Stück hatte dort am 18. Dezember 2010 in einer albernen Inszenierung (ich sage nur: VW-Bus und Dreidecker-Jagdflugzeug) Alfred Kirchners Premiere, diese Produktion hielt sich aber nicht lange, und nachfolgender Produktion, deren Premiere am 13. Mai 2023 über die Bühne ging, prophezeie ich ein längeres „Leben“. Heute fand (im Beisein von sehr wenig Galeriepublikum) schon die 15. Aufführung statt, für mich war es allerdings die erste.


    Verpflichtet worden war ein weibliches Regieteam, nämlich die Regisseurin Nina Spijkers, die Bühnenbildnerin Rae Smith und die Kostümbildnerin Jorine van Beek: Ich erwähne das nicht, weil es mir wichtig wäre, sondern weil die Volksoper explizit damit warb (durch diese drei Damen sollte ein „humoristisch-feministische[r] Blick auf das Werk“ geworfen werden). Freilich verheißen solche Sätze nichts Gutes, dennoch ist eine gelungene Inszenierung herausgekommen: Die Handlung wurde ins Jahre 1918 verlegt (die Abschaffung des Adelstitels, die Einführung des Frauenwahlrechts und die erste Welle des Feminismus fallen in diese Zeit), die Geschichte wird mit opulenten Bildern erzählt: Zeitweise wandelt die Produktion am schmalen Grat zwischen Humor und Lächerlichkeit, überschreitet ihn aber mit einer Ausnahme (die Szene am Pissoir) nie. Besonders gelungen finde ich die Gestaltung des letzten Bildes, das in einem phantastischen, an den „Sommernachtstraum“ gemahnenden Wald spielt. Insgesamt spielt sich die Handlung ganz „normal“ ab, einen besonders „humoristisch-feministischen Blick“ konnte ich nicht ausmachen, aber die Formulierung ist wohl auch Marketing-Sache.


    In szenischer Hinsicht war ich sehr zufrieden, die musikalische Seite war unterschiedlich: Am besten gefiel mir Theresa Dax, die mit nicht übermäßig großer, aber sehr schöner Stimme eine gelungene Anna Reich war; ihr zur Seite war der einspringende Hausdebütant Gyula Rab allerdings (insbesondere zu Beginn der Aufführung) ein Ausfall, denn die Stimme trägt nicht, sie klingt gequetscht und für das Haus zu klein, auch wenn eventuell Nervosität eingerechnet werden muss. Gut waren Orhan Yildiz und Aaron Pendleton als die Herren Fluth und Reich, wobei bei beiden eine verbesserungswürdige Diktion die ansonsten erfreuliche Leistung trübte, was übrigens auch für Stephanie Maitland als Frau Reich gilt (von ihrer schönen Altstimme würde ich gerne mehr hören). Martin Winkler (vom Herrn Reich zum Falstaff gewechselt) klang wie immer (also prinzipiell sehr gut, nur mit knarrig-krähendem Timbre), für diese Rolle passte er aber. Sehr gut waren Alexander Fritze und Karl-Michael Ebner als Dr. Cajus und Junker Spärlich; hingegen ein Totalausfall und ein mächtig großes Ärgernis Hedwig Ritter als Frau Fluth, denn außer Lautstärke hatte sie nichts anzubieten, ihre gekreischten Töne schmerzen mich jetzt noch in den Ohren. In sehr guter Verfassung waren Chor und Orchester unter Keren Kagarlitsky.


    Ende um 20:40 (bei einem Beginn um 18:00) statt, wie angekündigt, um 21:00.

  • Do., 2. Mai 2024: LINZ (Musiktheater): Jacques Fromental Halévy, Die Jüdin / La Juive

    Das Opernprogramm von Linz ist seit einigen Jahren eine sehr wertvolle Ergänzung des Wiener Opernlebens – und aktuell zeigt sich das an einer sehr guten Produktion der „Jüdin“: Diese Oper ist ja in Wien in der sehr mühsamen Inszenierung Günter Krämers im Repertoire (zuletzt 2015 gespielt; die Vorstellungsabsage 2022 ist eine Peinlichkeit), 2018 wurde sie allerdings in Pressburg in einer hervorragenden Inszenierung Peter Konwitschnys gespielt. Dass die aktuelle Serie in Linz sowohl in musikalischer als auch in szenischer Hinsicht sehr gut gelungen ist, ist sehr erfreulich, und allen, in deren Radius Linz liegt, sei ein Besuch empfohlen.


    Genau genommen wäre die Linzer Produktion von Marc Adam (Inszenierung), Dieter Richter (Bühne) und Sven Bindseil (Kostüme) hervorragend, wenn zwei Fehler (ein verzeihlicher und ein unverzeihlicher) nicht wären. Sie ist, wie das Programmheft (Seite 31) korrekterweise ausführt, „in einer Zeitlosigkeit […], die sich aber dennoch unserer Gegenwart nähert“ angesiedelt und setzt die Handlung mit sehr guter Personenführung, stimmigen Bilden und gut organisierten Massenszenen gelungen um: Besonders gelungen sind die kleinen Gesten (so wird behutsam eine tiefgehende Bindung zwischen Brogni und Rachel angedeutet), aber leider hat Adam zwei Fehler begangen: Der eine, der vernachlässigt werden kann, liegt in einem abgeänderten Schluss, dazu sagt er im Programmheft (Seite 32): „Ganz am Ende sollte laut Regieanweisung auch Éléazar, so wie Rachel zuvor, in die Flammen gestoßen werden. Doch ich lasse ihn am Leben als Zeichen, dass die Geschichte der Ausgrenzung weitergeht.“ Erstens sieht man die Gedanken des Regisseurs nicht in der Inszenierung (das Ende ist ansonsten hervorragend gelöst: Rachel steigt in einen mit Eisenstäben umschlossenen Käfig, der Flammen gesetzt wird: Die Flammen züngeln empor und werden größer, währenddessen fleht Brogni Élézar an, ihm etwas über seine Tochter zu sagen, und genau dann, wann Rachel tot zusammenbricht, offenbart er das Geheimnis, worauf Brogni zur verbrennenen Rachel eilt), weil Élézar dann vor den Vorhang tritt, der hinter ihm fällt, somit könnte man das Ende auch als theaterbedingtes „Herausschreiten“ aus der Inszenierung verstehen, nicht als Weiterleben; zweitens wäre ein solcher Schritt Élézars inkonsequent und unsympathisch, denn ich kann nicht glauben, dass er zwar seine Ziehtochter opfert, aber nicht sich selbst; drittens wirft das Ende Fragen auf, weil es dann zu einem weiteren Handlungsverlauf zwischen Brogni und Élézar kommen könnte; und viertens scheint diese Idee dem Wunsch entsprungen zu sein, die Opernaufführung von Kritik an Juden möglichst zu fernzuhalten (auf diesen Schluss kommt man, wenn man die im Programmheft niedergeschriebenen Gedanken ein bisschen weiterspinnt und eins und eins zusammenzählt), geht also meiner Meinung nach am Libretto vorbei: Es handelt sich bei dieser Oper meiner Auffassung nach um einen Appell zur Toleranz und Vergebung und um ein anschauliches Beispiel dessen, wohin Verbitterung, Grausamkeit und Rache führen können, wobei ich immer schon fand, dass der Jude Élézar deutlich unsympathischer gezeichnet ist als der Christ Brogni, denn ersterer opfert seine unschuldige Ziehtochter und stürzt letzteren in Verzweiflung.


    Aber gut, dieser Fehler ist vernachlässigbar, weil das Ende des fünften Aktes sowieso uneindeutig inszeniert ist. Richtig ärgerlich hingegen ist das Ende des ersten Aktes, an welchem die Menge Transparente hochhält, die der Gegenwart entstammen können. Auf ihnen liest man (in unterschiedlichen Sprachen) Sätze wie „Die Zukunft wird identitär“, Sichere Grenzen = sichere Zukunft“, „Lügenpresse“, „Unser Volk zuerst“ etc., von denen ich zwar nachvollziehen kann, wieso sich der Regisseur dafür entschieden hat (es ging offensichtlich darum, die Gegenwartsbezüge von Ausgrenzung einzubauen und en passant eine Positionierung gegen die politische Rechte vorzunehmen), aber ich finde die Entscheidung dennoch schlecht: Dadurch wird die Allgemeingültigkeit einer wunderbaren Parabel (alles andere der Aufführung ist ja tatsächlich zeitlos inszeniert) dann doch wieder trivialisiert. Wenn man als Regisseur einen Gegenwartsbezug sinnvoll einbauen möchte, kann man das gerne tun, aber dann bitte konsequent und nicht nur so für ein paar Minuten irgendwo, denn das erweckt den Eindruck eines pflichtbewussten „Ich hab ja eh dran gedacht und bin so brav …“. Zu allem Überdruss lassen die Choristen die Transparente am Ende des ersten Aktes fallen, wo sie dann auf der Vorderbühne liegen bleiben, während sich dahinter der ganze zweite Akt abspielt, und das passt gar nicht zusammen. Natürlich ist gut möglich, dass sich der Regisseur im Glauben wähnte, das Publikum sehe dann die am Boden liegenden Transparente nicht, nur hätte er dann nicht einkalkuliert, dass es auch ein Galeriepublikum gibt. Nichtsdestoweniger ist die Produktion insgesamt sehr gut gelungen.


    Überwiegend hervorragend war auch die musikalische Umsetzung: Erica Eloff, die mir im Okt. 2022 in der „Toten Stadt“ schon gefallen hatte (die Eva im Mai 2023 war hingegen nicht überzeugend), bot heute eine noch bessere Leistung: Da klang (im Unterschied zu damals) nichts stimmlich belegt oder scharf, sondern durchgehend wohlklingend und sehr gut. Matjaž Stopinšek nennt eine wunderbare Tenorstimme sein Eigen, die sich durch klangschönes Timbre, hinreichende Ausdrucksvielfalt, locker ausreichende Lautstärke und sehr gute Technik auszeichnet; lediglich seine wichtigste Stelle „Rachel, quand du Seigneur“ hätte ich persönlich etwas anders gestaltet (Stopinšek sang sie sehr verbittert, mit gegen sich gerichtetem Grimm und verzichtbaren Schluchzern), aber das ist Geschmackssache. Eine sehr erfreuliche Überraschung war SeungJick Kim als Léopold, denn seine heldische und durchschlagskräftige Stimme gibt Anlass zu Zukunftshoffnungen.


    Ebenfalls sehr gut, aber nicht auf demselben Niveau befand sich der Brogni des Dominik Nekel: Ja, Nekel besitzt einen „richtigen“ Bass (anstatt ein nach unten geschraubter lyrischer Bariton ohne Höhe zu sein), und der Brogni kommt ihm entgegen, weil er hier würdevoll „orgeln“ kann und Höhenprobleme nicht auffallen – aber auch heute klang alles etwas zu ungeschliffen, etwas zu schlampig (da einmal eine Silbe verschluckt, dort eine Tonverbindung zu schnell), darüber hinaus schien er sich im Französischen nicht ganz wohl zu fühlen (man sollte Opern sowieso in Landessprache aufführen), und wenn man Walter Fink und Peter Mikuláš im Ohr hat, merkt man den Qualitätsunterschied. Die Sänger der kleinen Rollen ergänzten zufriedenstellend; die einzige schlechte Leistung des Abends kam von Ilona Revolskaya, die als Eudoxie mit bisweilen stark scheppender, tremolierender Stimme aufwartete. Sehr gut fand ich das Bruckner Orchester Linz unter Yannis Pouspourikas, gut den Chor.


    Ein Hinweis für alle, die mit dem Zug anreisen: Um genau 22:08 war die um 19:00 begonnene Aufführung zu Ende. Und apropos Zug: Bei der Rückfahrt von Linz nach Wien setzte sich eine Gruppe aus fünf Musikstudenten in meine unmittelbare Nähe, die, wie ihren Gesprächen zu entnehmen war, in der besprochenen Aufführung mitspielten und gelegentlich im Orchester der Wiener Staatsoper aushelfen, und ich war befremdet, wie unbedarft sich diese jungen Musiker im privaten Gespräch über Musik und Künstler äußerten (jemand von ihnen kannte Puccinis „Mädchen aus dem goldenen Westen“ nicht, jemand anderer kannte den Dirigenten Roland Kluttig nicht einmal dem Namen nach, der bis letztes Jahr Chefdirigent in Graz war), aber man sollte sich ja generell davor hüten zu glauben, dass sich ein Musiker notwendigerweise mit Musik auskennt.

  • Tannhäuser, Frankfurt, 05.05.2024


    Meine 3. Aufführung des Tannhäusers nach Tobias Kratzer's und Axel Kobel's in Bayreuth und in der Staatsoper Berlin letzten Jahres, unter Leitung von Sebastian Weigle (ehemaliger GMD Frankfurt).

    Grundsätzlich waren meine Erwartungen gemäßigt. Neuer GMD, Thomas Guggeis war für mich ein noch unbeschriebenes Blatt. Christina Nilsson als Elisabeth hatte ich vorher noch nicht gesehen oder gehört, wie auch Dshamilja Kaiser als Venus. Andreas Bauer Kanabas als Landgraf war sicher eine sichere Nummer, dachte ich. Auch der Rest des Casts scheint zumindest solide.

    Der Frankfurter Chor ist weit geachtet und wird im Tannhäuser sicher zeigen was er kann.

    Der Regisseur Matthew Wild war mir nicht bekannt.



    Genug Einleitung, hier mein Eindruck: Es war fantastisch.



    An erster Stelle möchte ich den Chor hervorheben. Weder in Bayreuth noch in Berlin habe ich die großen Chöre in Tannhäuser so stark und ausdrucksvoll wahrgenommen wie an diesem Abend. Allerdings ist auch die Regie teilweise verantwortlich, wie der Chor wirkt, und das im guten Sinne. Dazu später mehr.


    Christina Nilsen gibt eine unglaublich starke Performance die in wenigen Jahren an die von Lise Davidson rankommen könnte.

    Dshamilja Kaiser war angeblich erkrankt an dem Abend, liefert für mich die besten Venus die ich bisher live gehört habe.

    Kanabas' Landgraf ist auf Spitzenniveau.

    Domen Križaj als Wolfram ebenfalls sehr gut, nichts auszusetzen.

    Marco Jentzsch's Tannhäuser war solide. In den Live-Aufführungen die ich gesehen habe, war der Tannhäuser immer das schwächste Glied, langsam gewöhnt man sich dran. Solide, aber nicht begeisternd.


    Zur Regie:


    Ich wusste eigentlich nur das es wohl in den 1960 Jahren spielt und um Homosexualität geht. Um es kurz zu machen, es hat mich eher gewundert, dass vorher noch niemand auf die Idee gekommen ist (korrigiert mich, falls ich irre). Und dabei bleibt die Grundhandlung erhalten, nur der Sündenfall wird ersetzt. Mit all den dunklen Konsequenzen der eigentlichen Handlung. Das heißt, das ist keine aufbereitete Beschönigung, oder eine hoffnungsvolle Utopie, sondern eine kalte, dunkle Nacherzählung wie mit Schwulen und Lesben zu dieser Zeit umgegangen wurde. Der innerliche Kampf zwischen gesellschaftlichen moralischen Zwängen und den individuellen Bedürfnissen oder "Trieben" wird hier in der kalten Realität dieser Zeit völlig nachvollziehbar widergespiegelt. Wenn überhaupt ist das der deprimierenste und emotionalste Tannhäuser den ich bisher gesehen habe. Ich sage Matthew Wild eine erfolgreiche Karriere voraus.

    Die Einbindung und Inszenesetzung des Chors ist ebenfalls bemerkenswert, nicht nur, aber besonders am Ende (will an der Stelle nicht zu viel verraten).


    Zur Musik:


    Gespielt wurde die Wienerfassung, welche ich weder sonderlich mag, noch oft gehört habe. Thomas Guggeis war in Berlin schon bekannt für seine Übernahme beim Ring und gehört hatte ich nur Gutes.

    Evtl. hatte ich einfach nur Glück mit der Akustik in meiner Sitz, aber was da in 3.5 Stunden abgefeuert wurde, konnte sich sehen lassen. Tempo war sehr angenehm, nicht zu schnell, nicht zu langsam. Die Sänger bekamen gut dosiert ihre Musik serviert. Bei Elisabeths Einlagen, kam das Orchester manchmal nicht mit, also mit der Lautstärke.. Insgesamt war es an meinem Platz wirklich angenehm laut. In jüngerer Vergangenheit empfand ich es manchmal als zu leise. Insgesamt, haben Chor, Orchester und Sängerinnen und Sänger klasse harmoniert.

    Ich bin damit auch mit Guggeis zufrieden als neuer GMD in Frankfurt. Solange Wagner Partien vernünftig gespielt werden, das ist schonmal 50% meiner Erwartung an unsere Oper. Strauß ist mir ebenfalls wichtig, da hat er mit Elektra in dieser Spielzeit, die Chance sich zu profilieren.


    Apropos: Die Vorstellung am 16.05.2024 von Elektra (für die ich bereits Karten hatte) wurde nun gegen eine weitere Tannhäuser Vorstellung getauscht. Das heißt ich gehe in knapp einer Woche nochmal in Tannhäuser. Die restlichen Vorstellung sind alle ausverkauft. Für die Vorstellung am 16.05. gibt es noch Karten. Ich kann es uneingeschränkt empfehlen.





  • https://www.concerti.de/oper/o…rt-tannhaeuser-28-4-2024/


    https://www.fr.de/kultur/theat…lles-andere-93041875.html


    https://www.hr2.de/podcasts/hr…rankfurt,audio-94122.html


    https://www.nmz.de/kritik/oper…dirigiert-richard-wagners


    https://www.br-klassik.de/aktu…ankfurt-premiere-100.html


    https://backstageclassical.com…obe-wartburggesellschaft/


    Die Kritiken sind weitgehend gut, trotzdem bin ich sicher, daß das für mich definitiv nichts ist.

    Mir hat schon der "Eugen Onegin" von Warlikowski in München gereicht. Da wurde eine ganz andere Geschichte erzählt. So scheint es auch in diesem Fall zu sein.

    Um jeglichen Mißverständnissen vorzubeugen: es ist gut und richtig, daß Homosexualität mittlerweile gesellschaftlich anerkannt ist. Warum aber müssen Homosexuelle ihr Schwulsein wie ein Monstranz vor sich her tragen? Das nervt ungemein. Heteros machen das ja auch nicht.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Ich werde am 2. Juni in der Vorstellung sein.

    Das mag alles sehr schlüssig und handwerklich gut auf die Bühne gebracht sein, es wird sicher auch eine interessante Geschichte erzählt werden. Aber es ist halt nicht Wagners Tannhäuser. Ich habe grundsätzlich meine Probleme damit, wenn eine völlig neue Story erfunden wird. Ich sehe auch nicht die Notwendigkeit.

    Korrekterweise müsste die Produktion angekündigt werden als ein Stück von Herrn Wild, wozu die Musik aus Wagners Tannhäuser gespielt wird.

  • Ich werde am 2. Juni in der Vorstellung sein.

    Das mag alles sehr schlüssig und handwerklich gut auf die Bühne gebracht sein, es wird sicher auch eine interessante Geschichte erzählt werden. Aber es ist halt nicht Wagners Tannhäuser. Ich habe grundsätzlich meine Probleme damit, wenn eine völlig neue Story erfunden wird. Ich sehe auch nicht die Notwendigkeit.

    Korrekterweise müsste die Produktion angekündigt werden als ein Stück von Herrn Wild, wozu die Musik aus Wagners Tannhäuser gespielt wird.

    Kann man ja so sehen. Die Musik ist trotzdem integraler Bestandteil und an dieser wird ja in den seltensten Fällen irgendetwas angepasst. Wenn Deutschlands 100 Theater den Tannhäuser jedes mal "konventionell" zeigen würden, wäre er wahrscheinlich schon längst in Vergessenheit geraten. Das gilt für sehr viele Theater- und Opernstücke.


    Wenn Bayreuth und Frankfurt Orte wären, wo Theater nur etwas für eingefleischte Langzeit-Enthusiasten wäre, hätte ich mich wahrscheinlich nie dafür interessiert. Hin und wieder ein klassisches La Boheme oder auch einen klassischen Wagner, dagegen habe ich aber auch nichts. Man kann aber auch nicht behaupten, das es so etwas nicht mehr gibt (ich sag nicht du hättest das). Darüber hinweg darf man auch nicht den Wert von Audioaufzeichnungen missachten, welche völlig losgelöst sind von der Produktion selbst.


    Am Ende ist alles freiwillig und niemand muss irgendetwas sehen oder gut finden. Die Sachen die vom Publikum nicht angenommen werden, sterben ohnehin den schnellen Tot. Damit bleibts ganz demokratisch mit dem Ganzen.

  • Das Theater wird es überleben.

    ... und Wagners Werk auch!

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

  • Wenn Deutschlands 100 Theater den Tannhäuser jedes mal "konventionell" zeigen würden, wäre er wahrscheinlich schon längst in Vergessenheit geraten.

    Was heißt "konventionell"? Man kann überragend inszenieren, atemberaubend und durchaus so, dass man als heutiger Mensch angesprochen wird, und trotzdem dabei die Geschichte des Werkes selbst erzählen. Ich würde, werter Donner, Ihr Statement umkehren: "Wenn Deutschlands 100 Theater den Tannhäuser jedes mal ersetzen würden durch eine anderen Geschichte, wäre er dennoch wahrscheinlich nicht in Vergessenheit geraten", weil dieses Werk größer ist als alle, die es auf ihre Weise meinen ersetzen zu müssen durch eine eigene Geschichte.

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    Umfasste das griechische Kunstwerk den Geist einer schönen Nation, so soll das Kunstwerk der Zukunft den Geist der freien Menschheit über alle Schranken der Nationalitäten hinaus umfassen; das nationale Wesen in ihm darf nur ein Schmuck, ein Reiz individueller Mannigfaltigkeit, nicht eine hemmende Schranke sein.
    (R. Wagner, Kunst und Revolution,1849)

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