Opernberichte der Saison 2023/24

  • Auch meine Frau und ich waren in der zweiten Vorstellung am Donnerstag und können alles, was darüber geschrieben und hier gesagt wurde, nur doppelt und dreifach unterstreichen! Bis in die kleinen Rollen hinein exquisite Leistungen. Der rollendebütierende Klaus Florian Vogt ein glaubwürdiger, darstellerisch und sängerisch vollkommen überzeugender Tristan. Im Zusammenspiel mit Camilla Nylund ein Traumpaar zum Niederknien. Und Christian Thielemann merkte man beim Applaus Rührung an.

  • Ich beneide Alle, die in der Nähe der Semperoper wohnen, denn schon mein erster Besuch dort hat mich total beeindruckt. Das scheint wirklich ein Haus allerster Güteklasse zu sein, nur für mich leider am anderen Ende der Welt. Ich habe im März auch einen Tristan in meinem Abo, allerdings werde ich da wohl kaum auf den Wagner-Geschmack kommen, denn unsere Opéra ist für herausragende Barockaufführungen bekannt. Ich bin sehr gespannt und werde berichten.

    Der Trailer ist wirklich eindrucksvoll.

    O Mensch, lerne singen und tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit Dir anzufangen .

  • Nur der Vollständigkeit halber die Besetzung, entnommen dem zweiten von Ira genannten Link:


    Musikalische Leitung Christian Thielemann

    Inszenierung und Bühnenbild Marco Arturo Marelli

    Kostüme Dagmar Niefind-Marelli

    Lightdesign Friedewalt Degen

    Chor André Kellinghaus

    Bühnenmusik Alexander Bülow


    Tristan Klaus Florian Vogt

    Isolde Camilla Nylund

    König Marke Georg Zeppenfeld

    Kurwenal Martin Gantner

    Brangäne Christa Mayer

    Melot Sebastian Wartig

    Ein Hirt Attilio Glaser

    Ein Steuermann Lawson Anderson

    Ein junger Seemann Attilio Glaser


    Sächsischer Staatsopernchor Dresden

    Sächsische Staatskapelle Dresden


    Co-Produktion mit der Opéra de Montpellier.

  • Mi., 31. Jänner 2024: WIEN (Staatsoper): Francis Poulenc, Gespräche der Karmelitinnen / Dialogues des Carmélites

    Von sehr hoher Qualität ist die aktuelle Serie der „Gespräche der Karmeliterinnen“, wobei ich bekennen muss, mit diesem Stück gar nicht warm zu werden, denn stellenweise sehr schöne Musik ist insgesamt zu wenig, wenn sonst musikalisch nichts bis wenig stattfindet. Mit einer Ausnahme (gemeint ist der unerträgliche Andrea Giovannini als Erster Kommissar) erbrachten die Sänger sehr gute Leistungen, aber aufgrund meiner nur oberflächlichen Kenntnis des Stückes kann ich niemanden hervorheben: Es waren Nicole Car (Blanche), Bernard Richter (Chevalier), Michaela Schuster (Madame de Croissy), Maria Motolygina (besonders gut als Madame Lidoine), Julie Boulianne (Mère Marie), Michael Kraus (Marquis, diesmal sogar anhörbar), Sabine Devieilhe (Sœur Constance), Szilvia Vörös (Mère Jeanne), Daria Sushkova (Sœur Mathilde) und Thomas Ebenstein (Beichtvater). Bertrand de Billy dirigierte das (von wenigen Blechbläserstellen abgesehen) gut disponierte Orchester; die Inszenierung von Magdalena Fuchsberger (Bühne von Monika Biegler, Kostüme von Valentin Köhler) ist nicht schlecht, aber entfacht durch ihre verwinkelte Bühne und durch die langen stummen „Zwischenspiele“ keine Begeisterung. Nach der fürchterlichen „Ariadne“ neulich war also heute wieder eine sehr gute Aufführung zu hören, auch mein letzter Konzertbesuch (24. Jänner: RSO im Musikverein unter anderem mit der 5. Schostakowitsch) war erfreulich.

  • Die Inszenierung (...) ist nicht schlecht, aber entfacht durch ihre verwinkelte Bühne und durch die langen stummen „Zwischenspiele“ keine Begeisterung

    Dem kann ich nur zustimmen. Ich glaube allerdings, dass die Regisseurin zu „verkopft“ herangegangen ist, und mit ihrer Bezugnahme auf Teresa von Avila und deren mystischen Wohnungen der „inneren Burg“ (laut Programmbuch) das Geschehen nur verkompliziert hat. Optisch und in den Aktionen auf der Bühne. Ich habe gestern lange gebraucht, bis ich mich in dem Gestänge der rotierenden Drehbühne zurecht gefunden habe, die kunsthistorischen Assoziationen haben mich ziemlich abgelenkt, was die Tänzerin sollte, konnte ich nur erahnen, und das kleine Kind mit Krone hat mich eher an eines der kitschigen Jesuleins des südlichen Katholizismus erinnert, nicht an Ludwig XVII., der ja bekanntlich als Heranwachsender schön langsam zu Tode geprügelt worden ist. Warum ich wenig mitbekommen habe, liegt vor allem daran, denke ich, dass ich mich sehr auf den Text auf dem kleinen Display konzentriert habe. Der Text ist doch sehr wichtig, die theologischen Diskussionen sind mir eher fremd, daher sehr kompliziert gedanklich nachzuvollziehen. (Manchmal wünsche ich mir das Untertitelsystem über dem Bühnenrand zurück, da muss ich dann nicht ständig den Blick von der Szene wegwenden). Wenn ich’s genau nehme, habe ich außer den vielen Schönheiten der Partitur und der Frauenstimmen relativ wenig mitgekriegt. Bei Michaela Schuster hatte ich allerdings den Eindruck, dass es manchmal sehr expressiv zuging, um stimmliche Mängel zu kaschieren. Maria Motolygina , Julie Boulianne, Nicole Car und Sabine Devieilhe haben mich jedoch sehr begeistert. Und natürlich Bertrand de Billy, für den ich ein Faible habe, seitdem er mich mit seinem ORF-Orchester mit vielen interessanten Werken der französischen Konzertliteratur bekannt gemacht hat. Insgesamt bin ich aber mit der Robert-Carsen Inszenierung im Theater an der Wien, ebenfalls mit de Billy am Pult, wesentlich besser zu Rande gekommen.

  • Das ist in der Tat eine sehr besondere Oper, bei der für mich der Text persönlich fast noch eindrucksvoller ist als die Musik. Da braucht es selbstverständlich akzentfreie francophile SängerInnen. Vor vielen Jahren habe ich mich mal intensiv mit dieser Oper auseinandergesetzt. Von eurer Besetzung kenne ich Sabine Devielhe sehr gut, da schon oft auf der Bühne gehört und gesehen. Eine der besten französischen Sängerinnen unserer Zeit- die Constance passt sicher gut zu ihr- ich habe sie bisher eher in Koloratur Partien wie Lakme oder Sonnambula erlebt. Ihr habt es wirklich sooo gut in Wien! 🎶🤩

    O Mensch, lerne singen und tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit Dir anzufangen .

  • Ich glaube allerdings, dass die Regisseurin zu „verkopft“ herangegangen ist, und mit ihrer Bezugnahme auf Teresa von Avila und deren mystischen Wohnungen der „inneren Burg“ (laut Programmbuch) das Geschehen nur verkompliziert hat.

    Vielen Dank für die ergänzenden Ausführungen, denen ich zustimme und die sehr gut auf den Punkt bringen, worin auch für mich das Problem dieser Inszenierung besteht. Ich habe die beiden Serien im Theater an der Wien (Jänner 2008 + April 2011) bedauerlicherweise verpasst, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dieses Werk im deutlich kleineren Haus (zumal dort auch in einer Robert-Carsen-Inszenierung) besser zur Geltung kommt!


    Was die Untertitel-Displays anbelangt, finde ich sie übrigens besser wenn der Text (wie ja in anderen Häusern üblich) über der Bühne mitläuft, weil man bei den Wiener Displays auch die Sprache einstellen kann: So habe ich den Text auf dem Display links von mir auf Deutsch mitgelesen und rechts von mir auf Französisch, und ich konnte dort hinschauen, wo es mir gerade gepasst hat.


    Von eurer Besetzung kenne ich Sabine Devielhe sehr gut, da schon oft auf der Bühne gehört und gesehen. Eine der besten französischen Sängerinnen unserer Zeit

    Ja, sie hat mir auch sehr gut gefallen!

  • So., 4. Februar 2024: BRÜNN/BRNO (Janáček-Theater): Friedrich Smetana, Dalibor (bis inkl. der ersten Szene des zweiten Aktes)

    Aktuell befinden wir uns in einem Smetana-Jahr, was zu den Wiener Operndirektoren bedauerlicherweise nicht durchgedrungen sein dürfte, denn das wäre doch ein Anlass, eines der selten gespielten Werke Smetanas auf den Spielplan zu setzen, die aufgrund der Popularität der vergleichsweise schwachen „Verkauften Braut“ hierzulande ein Schattendasein fristen, aber glücklicherweise kann man ja in benachbarte Länder ausweichen: Heute besuchte ich die erste Reprise der neuen Brünner „Dalibor“-Produktion – oder zumindest das, was davon gespielt wurde.


    Der Abend begann mit einer Ansage: Peter Berger (der Sänger der Titelrolle) wurde als indisponiert angesagt, und das trat im Verlaufe der Aufführung sehr deutlich zutage: Berger begann stimmlich sehr imposant, aber sehr bald hörte man eine wirklich starke Indisposition (ich gehöre nicht zu den Peter-Berger-Fans, aber er kann es gesund sicherlich viel besser). Am besten gefiel mir Jana Šrejma Kačírková (Jitka), die ja schon mehrmals unter Beweis gestellt hat, dass sie zu den allerbesten Sängerinnen des Hauses gehört; Csilla Boross war eine sehr laute Milada und gefiel mir gut – wobei ich insofern Abstriche machen muss, als ich mir sicher bin, dass die Sänger elektronisch verstärkt wurden (besonders auffallend bei den beiden Damen; einmal hörte man auch viel zu deutliches Atmen), und das ist eine ganz bedenkliche und schädliche Entwicklung. Der in Wien wohlbekannte Tomasz Konieczny war ein eindrucksvoller Vladislav, und es stimmt, dass er im slavischen Repertoire besser klingt als im deutschen (aber ich finde ihn generell sehr gut und verstehe die an ihm vorgebrachte Kritik nur wenig). Zum Dirigat von Tomáš Hanus kann ich mangels Vergleichsmöglichkeiten nichts sagen; die Inszenierung (es handelt sich um eine Koproduktion mit der Welsh National Opera) von David Pountney (Bühnenbild von Robert Innes Hopkins; Kostüme von Marie-Jeanne Lecca) fand ich bis zur Pause uninspiriert und blödsinnig (Live-Kameras sind mühsam), dabei doch auffallend „klassisch“. Dass Pountney in Wien eine hervorragende „Jenůfa“ auf die Bühne gestellt hat, glaubte ich nach dem „Dalibor“-Eindruck nicht.


    Nach (!) der knapp halbstündigen Pause (gespielt worden waren bis dahin knappe 60 Minuten, also bis inkl. der ersten Szene des zweiten Aktes) gab es eine böse Überraschung, nämlich einen Vorstellungsabbruch aufgrund der Indisposition des Hauptrollensängers. Ich frage mich, wieso man das um Himmels willen erst nach der Pause verkündete (und somit die Leute völlig unnötig eine knappe halbe Stunde im Haus warten ließ – wäre der Abbruch früher bekannt geworden, wäre sich noch der Zug eine Stunde früher ausgegangen!), wieso man kein Cover organisierte und wieso um alles in der Welt der betroffene Sänger sich seine Kräfte nicht einteilte, sondern zu Beginn des Abends voll aussang: Mit einer klügeren Disposition (möglicherweise mit einem großen Strich im zweiten Akt) wäre ein Vorstellungsabbruch auch mangels eines Ersatzsängers vermutlich abwendbar gewesen.

  • Sa., 10. Februar 2024: BRÜNN/BRNO (Janáček-Theater): Friedrich Smetana, Dalibor

    Der zweite Versuch, sich in Brünn Smetanas „Dalibor“ anzuhören, war von deutlich mehr Erfolg gekrönt als der erste, wobei der Vorstellungsabbruch kurz nach Ende des ersten Aktes rückblickend insofern nicht so schlimm war, als sich die beste Musik dieser Oper meiner Ansicht nach in ebendiesem ersten Akt befindet und vor allem der zweite Akt recht öde ist. Dennoch halte ich „Dalibor“ für ein eindeutig staatsopernreifes Stück, und Roščić täte gut daran, über eine Wiener „Dalibor“-Produktion nachzudenken anstatt am laufenden Band Werke neu herauszubringen, die sich ohnehin im Repertoire befinden.


    Aus naheliegenden Gründen sang Peter Berger heute nicht die Titelrolle; der Ersatzmann war der in Tschechien zwar oft zu hörende, aber bisher nicht bekannte Richard Samek, dessen hell timbrierte Stimme grundsätzlich sehr schön ist, aber der Dalibor ist für ihn eindeutig mindestens eine Grenzpartie bzw. liegt eigentlich schon knapp jenseits der kritischen Grenze. Dennoch, er ließ eine für einen Einspringer sehr achtbare Leistung hören (er begann sehr vorsichtig und probierte zu Beginn offenbar aus, was stimmlich möglich ist und was nicht), aber ich kann mir gut vorstellen, dass er in etwas leichteren Tenorrollen weit besser reüssieren kann. Csilla Boross und Jana Šrejma Kačírková (letztere heute noch besser im Sinne von „höhensicherer“ als am 4. Februar) gefielen mir auch heute als Milada und Jitka sehr gut, was auch für Tomasz Konieczny in der Rolle des Königs Vladislav gilt, der mit seiner Riesenstimme in dem kleinen Haus gewaltigen Eindruck hinterließ und, wie schon letzte Woche geschrieben, für das slavische Fach besser passt als für das deutsche. Daniel Kfelíř (Budivoj) klang wie Kurt Schreibmayer früher (nur als Bariton), und das ist als Kompliment gemeint; Ondřej Koplík war als Vitek zwar solide, aber recht blass; David Szendiuch ergänzte als Beneš solide.


    Zum Dirigat von Jakub Klecker kann ich mangels Kenntnis des Stückes nichts sagen, außer dass ich einen sehr guten Eindruck hatte und er etwas schneller als Tomáš Hanus unterwegs war, was dem Stück gut tut. Mit der Inszenierung von David Pountney (Bühnenbild von Robert Innes Hopkins; Kostüme von Marie-Jeanne Lecca) bin ich heute deutlich besser zurechtgekommen: Ja, die Live-Kameras nerven, und ja, das Bühnenbild ist nicht sonderlich inspiriert oder ansprechend, aber die Inszenierung tut, was sie soll, und hält für mich keine Ärgernisse oder handwerkliche Fehler bereit. Wieso rund zwei Fünftel des Orchestergrabens mit einem Netz abgedeckt sind, habe ich allerdings nicht durchschaut. Dass die Sänger elektronisch verstärkt wurden, ist nach wie vor ein großes Ärgernis und eine grundfalsche Entwicklung, allerdings waren heute glücklicherweise die Mikrophone über weite Strecken nicht so penetrant aufgedreht wie letzte Woche.

  • Sa., 24. Februar 2024: WIEN (Staatsoper): Giacomo Puccini, Das Triptychon / Il trittico

    Carlos Álvarez ist mittlerweile in Wien ein seltener Gast, was nicht daran liegt, dass er nicht angesetzt wird, sondern daran, dass regelmäßig sein Name auf mysteriöse Art und Weise wieder aus den Besetzungslisten verschwindet (so im vergangenen Monat als Jack Rance und kommendes Monat als Wilhelm Tell), und über die diesbezüglichen Gründe erfährt man nichts Offizielles. Dieser unerfreuliche Zustand wurde allerdings jedenfalls in der gegenwärtigen „Triptychon“-Serie unterbrochen, denn Álvarez sang tatsächlich (im Unterschied zur Premierenserie im Oktober 2023). Dementsprechend gespannt war ich auf den heutigen Abend, allerdings enttäuschte mich Álvarez im „Mantel“ mit einer matt klingenden Stimme, die über weite Strecken kraftlos wirkte, die in der Höhe hörbare Probleme hatte und die ich – summa summarum – als „abgenützt“ beschreiben würde. Durch gute musikalische Gestaltung (damit meine ich ein ausdrucksstarkes und musikalisch phrasiertes Singen) gelang ihm im „Mantel“ dennoch eine passable Leistung. Ungleich besser gefiel er mir als Gianni Schicchi, denn obwohl ich im letzten Oktober von Ambrogio Maestris Rollengestaltung einen sehr guten Eindruck hatte, fand ich sehr wohltuend, den Gianni Schicchi tatsächlich gesungen und nicht stimmlich verblödelt zu hören, auch schien mir Álvarez als Gianni Schicchi stimmlich besser beinand’ als im „Mantel“. (Laut zuverlässigen Pauseninformationen soll Álvarez sich bei den anderen Vorstellungen der aktuellen Serie in besserer Form als heute befunden haben.)


    Auch die Rollen von Giorgetta und Schwester Angelica waren heute derselben Sängerin anvertraut: Elena Stikhina hat genau einen (großen) Makel, nämlich dass ich sie kaum verstand, weil sie enorm wortundeutlich sang, darüber hinaus war ich heute aber sehr zufrieden, besonders mit ihrer Giorgetta: Ihr Timbre ist wunderbar dunkel und „süffig“, schafft aber auch dramatischere Ausbrüche wunderbar. Dass sie als Schwester Angelica gegen eine ausgezeichnete Rollenvorgängerin (Eleonora Buratto) ansingen musste, ist nicht ihre Schuld (Buratto hatte diese Rolle inniger und berührender gestaltet), doch sie machte auch in dieser Rolle ihre Sache gut. Die anderen Rollen waren überwiegend mit dem sogenannten Mittelmaß besetzt: Joshua Guerrero klang als Luigi auch heute zu angestrengt, Bogdan Volkov war auch heute ein Rinuccio mit dünner, flacher Stimme, allerdings stachen Michaela Schuster (Fürstin und Zita), Simonas Strazdas (Notar) und insbesondere Szilvia Vörös (Schwester Eiferin) angenehm hervor.


    Die größte Überraschung des Abends kam von Philippe Jordan, der ja das „Triptychon“ mittlerweile schon so oft dirigiert hat, dass er es halbwegs beherrscht (selbiges gilt analog auch für das Orchester), so hörte man heute im „Mantel“ dynamische Abstufungen, und auch der „Gianni Schicchi“ geriet kurzweiliger und spritziger als im vergangenen Herbst: Warum nicht gleich? Übrigens bin ich auch mit der Inszenierung von Tatjana Gürbaca (Bühne von Henrik Ahr; Kostüme von Silke Willrett) heute wärmer geworden, obwohl sie mir insgesamt nach wie vor nicht gefällt: Allerdings kann ich Gürbacas Umsetzung des Ansatzes, den „Mantel“ aus der „Innenperspektive“ Micheles zu zeigen (also anstatt der äußeren Handlung das auf die Bühne zu bringen, was sich in Michele abspielt), mittlerweile (bei meinem heutigen vierten Besuch dieser Inszenierung) so manches abgewinnen.

  • Lieber Sadko, vielen Dank für Deine Besprechung! Sie hat mich auch deshalb interessiert, weil wir hier in München ein sehr gutes Triptychon am Haus haben, in der Inszenierung von Lotte de Beer. Star ist Ermonela Jaho als Suor Angelica. Besser kann ich mir ihre Rollendarbietung einfach nicht vorstellen. Und Wolfgang Koch als Michele ist auch hervorragend. Mit dem "Gianni Schicchi" kann ich leider nicht viel anfangen, wobei Ambrogio Maestri (den hatten wir auch) in der Rolle ja immer eine Bank ist.

    Allerdings kann ich Gürbacas Umsetzung des Ansatzes, den „Mantel“ aus der „Innenperspektive“ Micheles zu zeigen (also anstatt der äußeren Handlung das auf die Bühne zu bringen, was sich in Michele abspielt), mittlerweile (bei meinem heutigen vierten Besuch dieser Inszenierung) so manches abgewinnen.

    So etwas nennt man Abhärtung 8o ! Oder frei nach Konrad Lorenz auch Konditionierung ;)

    Im Ernst: Das darf es ja eigentlich nicht sein. Wer bitte außer Dir geht viermal in ein und dieselbe Produktion? Um dann beim vierten Mal zu erkennen, daß der Grundgedanke vielleicht doch nicht so schlecht ist?

    Wenn ein Regisseur es nicht schafft, das Publikum sofort beim ersten Mal von einer Idee zu überzeugen, dann hat er (oder in dem Fall sie) das Thema verfehlt. Setzen sechs.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Schön zu hören bzw. zu lesen, daß Ermonela Jaho noch immer so gut ist. Ich kenne sie als traumhafte Violetta.

    Ambrogio Maestri finde ich - zumindest als Dulcamara - als Sänger nicht ganz so gut wie als Schauspieler.

  • Ich kann Sadkos Überlegungen sehr gut nachvollziehen.

    Schon einmal habe ich im Forum geschrieben, dass ich achtmal in die Peter Konwitschny-Inszenierung des französischen „Don Carlos“-Originals an der Staatsoper gegangen bin. Sie hat mich beim ersten Mal über weite Strecken sehr beeindruckt. Einiges fand ich problematisch. Dass ich mich über das moderative Einpeitschen zur Bespaßung von Königs und Volk bei einer öffentlichen Menschenverbrennung im 3. Akt nicht sonderlich alterierte, lag daran, dass die Moderatorin eine ehemalige Studienkollegin von mir war. Und auch die Ballett-Pantomime war mir beim ersten Mal fremd.

    Natürlich bin ich die weiteren sieben Male wegen des Werkes und nicht wegen der Inszenierung in die Staatsoper gepilgert. Und jedes Mal wurden mir Einzelheiten dieser Inszenierung klarer, ich verstand auch die problematischen Teile der Regiearbeit besser und schließlich gewann ich einen profunderen Zugang zur Oper.

    Dass einem eine mehrmalige Begegnung eine künstlerische Arbeit zugänglicher macht, betrifft ja nicht nur Inszenierungen: Als ich 1979 zum ersten Mal „Die Sache Makropoulos“ an der Volksoper (Gastspiel aus Brünn) erlebte, konnte ich wenig mit der Oper anfangen. Ich hätte mir natürlich sagen können, warum sollte ich mir das Werk ein zweites Mal antun. Jetzt, nachdem ich die Oper etliche Male gesehen und gehört habe, weiß ich, ich hätte sehr viel verpasst und ein außergewöhnliches Kunstwerk links liegen gelassen.

  • Lieber Sadko, vielen Dank für Deine Besprechung! Sie hat mich auch deshalb interessiert, weil wir hier in München ein sehr gutes Triptychon am Haus haben, in der Inszenierung von Lotte de Beer.

    Liebe Ira! Sehr gerne! In den letzten Wochen habe ich mich ja Besprechungen von Opernaufführungen rar gemacht, was aber keinesfalls an einer Unlust von mir liegt, sondern daran, dass mich das Programm zuletzt kaum angesprochen hat (es gab auch wegen des Opernballs mehrere Schließtage), aber in nächster Zeit wird es wieder interessanter!


    Mit dem "Gianni Schicchi" kann ich leider nicht viel anfangen

    So geht es mir auch, für mich steht dieses Werk qualitativ deutlich unter den anderen beiden. Freilich ist es beim ersten Anschauen lustig, aber für mich nützt sich diese Oper schnell ab, weil man bald die Pointen kennt und dann doch recht wenig Musik im eigentlichen Sinne übrig bleibt... Maestri schätze ich auch sehr, wobei ich mich Waldis feiner Klinge anschließe:

    Ambrogio Maestri finde ich - zumindest als Dulcamara - als Sänger nicht ganz so gut wie als Schauspieler.


    Hier

    Wenn ein Regisseur es nicht schafft, das Publikum sofort beim ersten Mal von einer Idee zu überzeugen, dann hat er (oder in dem Fall sie) das Thema verfehlt.

    sind wir aber unterschiedlicher Meinung: Wenn man davon ausgeht, dass eine Inszenierung ein Kunstwerk ist, dann liegt es in der Natur der Sache, dass sie sich nicht gleich beim Erstkontakt erschließen muss. Es ist ja völlig legitim, dass man durch öfteres Anschauen einer Produktion mehr abgewinnen kann (was ja auch Bernardin für einen anderen Zusammenhang ausführt, danke!), und ich finde nicht, dass eine Inszenierung grundsätzlich darauf ausgelegt sein muss, einem die Oper beim ersten Anschauen schon so gut zu vermitteln, dass man dann in der Folge keinen weiteren Erkenntnisgewinn hat.


    Aber ich betone nochmals, dass mir die Inszenierung jetzt auch beim vierten Besuch nicht gefallen hat (also am Gesamturteil ändere ich nichts, wobei ich immer mehr Dinge entdecke, die mir anfangs verborgen geblieben sind und die eigentlich gut gemacht sind). Dennoch fände ich Opernbesuche irgendwie langweilig, wenn man pro Besuch nicht die Möglichkeit hätte, an der Aufführung (Musik, Sänger, Inszenierung, ...) etwas zu bemerken, das einem bisher noch nicht aufgefallen ist (Bernardin schreibt ja sehr treffend, dass ihm ansonsten einiges entgangen wäre).


    Im Ernst: Das darf es ja eigentlich nicht sein. Wer bitte außer Dir geht viermal in ein und dieselbe Produktion? Um dann beim vierten Mal zu erkennen, daß der Grundgedanke vielleicht doch nicht so schlecht ist?

    Oh, ich bin nicht der einzige ^^ Erst am 24. Feb. habe ich in der Pause mit einem Freund gesprochen, dessen fünfter Besuch der Produktion das war, und dem bei diesem fünften Besuch erstmals aufgefallen ist, dass die Leute, die im "Mantel" im Hintergrund von links nach rechts gehen und -- das war mir gleich klar -- den Seelenzustand von Michele symbolisieren (so ist etwa das Liebespaar kurz vor "Nulla, silenzio!" die Abbildung seiner Sehnsüchte), immer dann in Bewegung geraten, wenn in der Musik auch ein neues Thema kommt. Das heißt, dass die Inszenierung besser auf die Musik abgestimmt ist, als wir beide zunächst glaubten. Zudem könnte die Gehbewegung im Hintergrund und das Statische im Vordergrund auch die Bewegung auf dem Wasser symbolisieren: Während im Vordergrund (also auf dem Schiff am fließenden) die Handlung passiert, zieht im Hintergrund das Land vorbei.. aber das ist nur eine schnelle Assoziation ohne Gewähr auf Richtigkeit.

    Ich kann zu dieser Beobachtung leider nichts sagen, aber sollte die Produktion wiederaufgenommen werden (was nicht sein muss, weil sie nicht gut verkauft war), werde ich bei meinem fünften Besuch achten, wann die Personen im Hintergrund auftreten bzw. sich bewegen ^^

  • Lieber Sadko, Du hast natürlich recht, auch was das Musikalische betrifft, fallen einem ja bei verschiedenen Interpretationen von Dirigenten, gelegentlich irgendwelche Wendungen auf, die man bisher nicht bemerkt hat, und hat dadurch einen Erkenntnisgewinn. Nur, das ist natürlich etwas für "Aficionados". Der "normale" Operngänger wird so etwas nicht bemerken. Darum sollte eine wesentliche Grundidee schon auf Anhieb erkenntlich sein. Der andere Punkt wäre natürlich, solche Opernbesucher neugierig zu machen, so daß sie sagen, das scheint spannend zu sein, das schaue ich mir noch einmal an. Nur glaube ich, daß das viel zu selten passiert.

    "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." (Theodor W. Adorno)

  • Der "normale" Operngänger wird so etwas nicht bemerken. Darum sollte eine wesentliche Grundidee schon auf Anhieb erkenntlich sein.

    Da kann ich mich Ira nur anschließen, dass man die Grundidee gleich beim ersten Mal erkennen müsste. Ich weiß nicht, wie viele Menschen - auch wenn sie große Opernliebhaber sind - es sich finanziell (da ist es in den Wiener Opernhäusern allerdings noch sehr günstig) aber auch vor allem zeitmäßig (!) leisten können sich Aufführungen so oft anzuschauen. Man kann die Oper lieben, aber auch am Theater oder Konzerten interessiert sein. Wenn man eine Familie hat, ist es nicht möglich fast jeden Abend wegzugehen, aber man kann ein Werk, das man sehr schätzt, zumindest ein Mal wiedersehen wollen.

    Zudem könnte die Gehbewegung im Hintergrund und das Statische im Vordergrund auch die Bewegung auf dem Wasser symbolisieren: Während im Vordergrund (also auf dem Schiff am fließenden) die Handlung passiert, zieht im Hintergrund das Land vorbei.

    Das ist ja ganz nett, wenn man diese Erkenntnis gewinnt, aber es wäre mir ziemlich egal. Ich möchte diese Geschichte so wiedererkennen, wie sie gedacht war. Ein tief verletzter Mann, eine unglückliche Frau, ein ziemlich sorgloser und unvorsichtiger Liebhaber. Das kann man sehr schön darstellen und musikalisch gestalten, aber wer da im Hintergrund in welche Richtung geht, ist das wichtig?

    Mit dem Gianni Schicchi kann ich auch nicht viel anfangen, aber so uninspiriert hätte er nicht inszeniert werden müssen. Ich hab die Oper vor etwa 10 Jahren in Triest mit einer eher unbekannten Besetzung gesehen, das war unterhaltsamer.

  • Guten Morgen!

    Der andere Punkt wäre natürlich, solche Opernbesucher neugierig zu machen, so daß sie sagen, das scheint spannend zu sein, das schaue ich mir noch einmal an.

    Hier schließe ich mich an, genau das finde ich auch!


    Ich weiß nicht, wie viele Menschen - auch wenn sie große Opernliebhaber sind - es sich finanziell (da ist es in den Wiener Opernhäusern allerdings noch sehr günstig) aber auch vor allem zeitmäßig (!) leisten können sich Aufführungen so oft anzuschauen.

    Das weiß ich auch nicht, aber Kunstwerke (und ich setze jetzt voraus, dass eine Opernaufführung ein Kunstwerk ist) sind ja nicht dafür gedacht, gleich beim ersten Anschauen ihren ganzen Gehalt preiszugeben, denn wenn es so wäre (also dass man beim ersten Anschauen schon alles versteht und sich bei zukünftigen Besuchen kein Erkenntnisgewinn einstellt), wäre das Kunstwerk doch eher flach. Beim zweiten Lesen eine Romans fallen einem (also: mir) normalerweise auch Details auf, die ich beim ersten Lesen nicht verstanden habe, und genauso geht es mir beim Betrachten eines Gemäldes (oder, rein beruflich gedacht, beim wiederholten Lesen eines lateinischen Textes mit einer neuen Schulklasse, den ich schon gut zu kennen glaubte ^^) -- und natürlich ist es auch im Theater so, dass man beim öfteren Hingehen mehr daraus mitnimmt, und je mehr man aufwendet, desto mehr bekommt man bei qualitätsvollen Kunstwerken auch zurück. Ich kann die Einstellung, dass eine Opernaufführung möglichst leicht durchschaubar sein soll, andernfalls ist sie schlecht, nicht nachvollziehen.


    Ich möchte diese Geschichte so wiedererkennen, wie sie gedacht war. Ein tief verletzter Mann, eine unglückliche Frau, ein ziemlich sorgloser und unvorsichtiger Liebhaber.

    Man kann ja die Gürbaca-Inszenierung aus unterschiedlichsten Gründen stark kritisieren, aber dass das eben Zitierte sichtbar ist, kann man doch keinesfalls leugnen. Wie sehr Michele verletzt ist, geht doch ganz eindeutig aus der Inszenierung hervor. Aber, wie gesagt: Insgesamt gefällt sie mir auch nicht.

  • Ich kann die Einstellung, dass eine Opernaufführung möglichst leicht durchschaubar sein soll, andernfalls ist sie schlecht, nicht nachvollziehen.

    Bis zu einem gewissen Grade kann ich das schon nachvollziehen. Es ist richtig, dass man bei vielen Kunstwerken, wenn man sich öfter damit befasst, ein tieferes oder auch anderes Verständnis von ihnen bekommt als bei der ersten Begegnung. Das ist bei Literatur nicht anders als bei Musik oder auch bildender Kunst. Damit kann man sich aber auch relativ aufwandsarm beliebig oft beschäftigen. Das ist bei Theateraufführungen aus den weiter oben genannten Gründen nur bedingt der Fall. Daher sollte sich eine Inszenierung (nach meiner unmaßgeblichen Meinung) wenigsten in groben Zügen schon beim ersten Mal entschlüsseln und nicht l'art pour l'art sein. Wenn ich etwa im Mai zu den Meistersingern nach Wien reise, wird das aus zeitlichen und finanziellen Gründen sicher der einzige Besuch dieser Produktion bleiben müssen. Ich würde mich also glücklich schätzen, wenn mich Herr Warner bei diesem Besuch nicht allzu verwirren wird. :)



    Moderative Anmerkung: Sechs folgende Einträge wurden in den Thread zu den "Meistersingern" verschoben (Link).

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